Der Vogel und die Patrone

von Cedric Weidmann

Paul sah aus dem Fenster.
„Was siehst du?“, fragte Lisa.
„Ich sehe einen Vorgarten und einen Brunnen. Ein kleiner Mann und eine junge Frau sitzen davor. Die Frau scheint auf jemanden zu warten und schaut ständig auf die Uhr. Der kleine Mann kramt in seiner Tasche.“
„Seiner Tasche? Was sucht er in seiner Tasche?“
„Er sieht nicht eigentlich aus, als würde er nach etwas suchen. Aber… vielleicht doch, jedenfalls kramt er darin, er könnte sich aber auch nur massieren.“
„Massieren? Hat er einen Herzinfarkt? Muskelkater?“
„Ich weiss nicht, er könnte natürlich auch nach etwas suchen.“
„Was siehst du noch, Paul?“
„Ich sehe einen Pfirsichbaum und ein Vogel sitzt darauf.“
„Was ist das für ein Vogel?“
„Nun, kein besonders schöner, speziell auch nicht, aber er schaut den Mann an, der vor dem Brunnen auf der Bank sitzt. Ich kenne Vögel nicht, aber ein wenig angriffslustig hält er schon nach ihm Ausguck. So als wollte er ihn nächstens attackieren.“
„Hat der Mann in der Zwischenzeit etwas gefunden?“
„Nein, aber… aber er lächelt. Oh, ich glaube er hat doch etwas gefunden. Er holt es hervor-“
„Was ist? Was ist es?“
„Nun,… Ich weiss nicht recht, von hier oben sieht alles aus wie eine Reflexion des Fensters.“
„Sag schon.“
„Ich denke, nun, ich denke er hält eine Pistole in der Hand.“
„Was?!“
„Na ja, ich bin mir nicht sicher.“
„Um Gottes Willen, die arme Frau!“
„Die hat bis jetzt noch nichts bemerkt. Aber Moment, der Mann hält noch etwas anderes in der Hand. Ich glaube, es ist ein Bündel Postkarten.“
„Postkarten? Ja was will er denn!“
„Er spricht die Frau an.“
„Sieht sie denn seine Pistole nicht?“
„Nein, er hält sie versteckt hinter seinem Rücken.“
„Oh Gott, wieso macht er sowas!“
„Ich kann es mir nicht erklären. Jetzt streckt er der Frau Postkarten hin… Sie nimmt sie zögerlich. Und schaut sie an.“
„Wies-“
„Oh!! Jetzt hält er die Pistole auf ihr Gesicht.“
„Oh, nein. Nein, nein, nein.“
„Er spricht mit ihr. Ich glaube nicht, dass er sie erschiessen will. Die junge Frau jedenfalls ist kreidebleich. Sie… Moment.“
„Was tut sie?“
„Sie… Sie schaut weiter die Postkarten an. Womöglich zwingt er sie dazu. Es ist ein riesiger Stapel und er hat noch einen zweiten Stapel auf dem Schoss. Er schreit sie an, vermutlich, dass sie jeden einzelnen Brief lesen müsse.“
„Sollten wir nicht die Polizei rufen?“
„Vielleicht sollten wir, aber sie käme ohnehin zu spät, denn mittlerweile hat er die Waffe wieder aus der Hand gelegt. Er scheint sehr zufrieden. Die Frau kämpft sich weiter durch die Postkarten. Bald hat sie den ersten Stapel hinter sich.“
„Was wohl auf diesen Postkarten steht?“
„Nichts spannendes, nehme ich an. Die Frau sah anfangs nicht sehr interessiert daran aus. Jetzt im übrigen auch nicht, sie hat nur Schweisstropfen auf ihrem weissen Gesicht und müht sich damit ab.“
„Wer tut so etwas Krankes? Wer will diese Postkarten jemandem aufzwingen?“
„Vielleicht kann er nicht lesen und sie muss es ihm vorlesen. Allerdings bewegen sich ihre Lippen nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie laut liest.“
„Vielleicht sind es seine eigenen Postkarten“, mutmasste Lisa, „die er an niemanden adressieren konnte und jemandem zum Lesen geben möchte.“
„Stimmt. So, der Mann hat noch einen Stapel ausgepackt.“
„Oh, die arme Frau…!“
„Aber was ist das! Der Vogel hat sich niedergestürzt auf die Pistole und piekt den kleinen Mann ins Gesicht. Jetzt rennt er davon und lässt die Frau mit den Postkarten und dem Vogel zurück.“
„Eine Elster? Weil es glänzte!“
„Richtig, genau. Eine Elster. Und jetzt sitzt die alte Frau da. Sie liest immer noch die Postkarten. Die Pistole liegt neben ihr.“
Eine ganze Weile lang schwiegen sie.
„Jetzt passiert was, jetzt passiert was!“, rief Paul aus. „Sie steht auf. Und sie hält sich die Pistol ans Kinn!“
„Oh nein! Wir hätten doch die Polizei rufen sollen. Vielleicht waren Drohbriefe in den Postkarten versteckt!“
„Doch, nein, sie drückt nicht ab. Sie hebt die Pistole hoch. Und gibt einen Schuss ab, um die Elster zu verjagen. Sie fliegt davon. Ausser Sicht. Die Frau geht zu einem Briefkasten am Ende der Strasse und wirft die Postkarten ein. Sie sieht müde aus.“
„Aber…“ Lisa schwieg. „Wieso habe ich keinen Schuss gehört?“, fragte sie dann.
„Ach!“, rief Paul aus und sprang vom Fenstersims. „Du weisst genau, dass sie in Zürich starke Verglasungen wegen dem Autolärm haben.“
„Ich würde sehr gerne hinaussehen.“
„Es sind alle verschwunden. Ohnehin weisst du, dass Mama dir verboten hat, auf den Fenstersims zu klettern. Du bist ohnehin zu müde.“
Lisa raschelte beleidigt mit der Bettdecke.
„Immer passiert so viel, wenn ich krank bin“, rief sie aus und versuchte mit traurigem Blick aus dem Fenster zu schauen. Vom Bett aus konnte sie nur einen Ausschnitt des Himmels und ein paar Wolken sehen und einen ganz kurzen Moment lang, fast unsichtbar oder wie eine Reflexion im Fenster, die Patrone, die von oben im Höllentempo hinabschwirrte. Sie lächelte und wollte aufschreien, doch Paul war bereits wieder verschwunden.