Schuhbändel

von Cedric Weidmann

Diese Schuhbändel, dachte er und sah auf seine Füsse.
Diese verdammten Schuhbändel.
Im Laufen sah er wie sie schlingerten und bei jedem Schritt um seine Knöchel peitschten. Mit Dreck vollgesogen spritzten sie das Hosenbein hoch und klebten die Jeans an sein Schienbein.
Bei diesem Tempo würde er bestimmt noch einen Unfall machen. Er durfte nicht drauftreten und straucheln. Es wäre wohl besser, er würde sie binden, dachte er.
Diese verdammten Schuhbändel.
Sonst würde noch, bevor er sich versah, etwas Ungutes passieren. Aber so war es doch immer, dachte er und rannte auf seinen Zug, den zu verpassen ihm schwante. So war es doch mit allem.
Man brauchte nur die Schuhe zu binden und man würde den Zug verpassen. Und – ehe man sich versah – war etwas Ungutes passiert.
Diese gottverfluchten Schuhbändel.
Immer wieder klatschten sie aneinander, umarmten sich neckisch und zogen im letzten Moment knapp unter seinen Füssen weg. Im Rennen breitete er seine Beine aus und vollführte schlingernde Bewegungen, damit die Bändel sich nicht ineinander verknoten würden.
Es würde noch etwas Ungutes passieren, ehe er sich versah.
Endlich zog er in die Zielgerade ein und flog über das Perron zum ungeduldig stehenden Zug. Drohend zischten die Türen und schlossen sich.
Diese Schuhbändel!, dachte er im Keuchen.
Es würde etwas Ungutes passieren.
Im letzten Moment erwischte er den noch leuchtenden Knopf. Die Türe schob sich widerwillig auf und er stieg in den Zug. Hinter ihm zwängte sich noch ein anderer Mann hinein.
„Deine Schuhbändel sind offen. Du solltest sie binden.“
Er drehte sich um und sah ihn an, einen ausgesprochen hübschen, attraktiven jungen Mann mit einem süssen Lächeln und einem harten Augenaufschlag.
Er schluckte. Verdammt!
Er würde sich noch versehen, ehe etwas Ungutes passiert war.