Sie, die Hausfrau

von Cedric Weidmann

Sie war nicht jene Sorte von Frauen.
Aber es wurde ihr unheimlich als sie begriff, dass ihr Garten und ihr Kopf Gemeinsamkeiten hatten.
Der Liegestuhl lag draussen im Gras und hinter ihm, wo er entlanggezerrt worden war, zog sich eine lange Spur durch den Garten.
Ein neuer Gedanke hüpfte ihr durch den Kopf, oder ein alter, den man vom einen Ort an den anderen verschoben hatte. Ein Gedanke, der dort nicht zuhause war, wo er jetzt lag. Ein Gedanke, der achtlos zu irgendeinem Zweck so hingeworfen worden war und der den Weg zurück nie mehr finden würde. Er war noch nicht zuhause, er würde bald kommen, bald würde er von der Arbeit kommen.
Er würde müde sein.
Sie war auch müde. Und das Gras war träge und welk, die stumpfen Enden der Äste liessen die Bäume krank und verstümmelt erscheinen, der Winter schlich sich durch den Boden zu ihren Wurzeln hin und legte sich mit ihnen schlafen.
Welk waren ihre Haare auch, gebrochen und in den Wurzeln löchrig. Das Auflehnen ihrer Schenkel gegeneinander, das Auseinanderklappen ihrer Brüste, dieses Fettwerden im Gesicht, all das war eine grosse Magerkeit, ein krankhaftes, tumorartiges Anwachsen, eine ballonhaftige Fülle.
Von Gräsern tropfte der Tau wie Schweiss, den die Grippe aus den Poren trieb. Die Vögel hatten die Nester verlassen, die sich zersetzten im stürmischen Wind. Der knallrote Teil des Rasenmähers lag im Garten und zwei fette Raupen marschierten stolz und eigensinnig darüber, wie der Aufzug eines Militärmarsches.
Bald würde er nach Hause kommen.
Er, der alt gewesen war und immer jünger wurde, der mit jedem Tag einen neues Problem in Angriff nahm, der sein Bett selbst machte und die Zähne putzte bevor er schlafen ging. Sein Anwachsen war die Anhäufung von Erfolgen, sein Bauch, den sie jeden Abend ernährte, war ein in sich gekehrter Parabolspiegel, der seine Gesamtheit in sich selbst konzentrierte. Seine Hand zitterte nicht mehr und er pfiff wenn er um vier in der früh aufstand, um zur Arbeit zu gehen.
Doch es war ihr ein Gedanke im Kopf, kein unbekannter eigentlich, aber er war verrückt worden, wie ein Liegestuhl im Gras. Dieser Gedanke war nicht eindeutig, aber so selbsterklärend wie nie etwas in der Welt. Er war eine Tatsache. Er war so sehr eine Tatsache wie der Liegestuhl eine Tatsache war.
Er sollte bald kommen und er würde bald kommen. Er würde müde sein und etwas essen wollen.
Soviel wusste sie von ihm.
Er, über dessen Hoden das bösartige Krebsgeschwür Ranken schlug, würde bald nach Hause kommen und zu Abend essen.
Er, der alte Mann, der den Liegestuhl verschoben hatte.