Dieser Aufzugsgeruch

von Cedric Weidmann

Du kennst das. Es gibt doch immer diesen Geruch. Diesen ganz bestimmten Geruch.
Immer wenn du in einen Aufzug gehst, ist da dieser Geruch und du weisst nicht woher. Das ist der Aufzugsgeruch.
Und dann gehst du da rein und denkst dir, nun ja, ich wars erstmal nicht und wenn du dann so um dich schaust, siehst du meistens irgendjemanden, der noch drin steht, aber den du erst nicht gesehen hast. Ich weiss auch nicht warum, aber du hast den einfach nicht gesehen. Meistens wars so eine kleine alte Frau, die ganz weit oben wohnt und eine Einkaufstasche trägt. Und weil sie so klein ist und so einen steifen Nacken hat und sowieso ganz misanthropisch und unfreundlich ist, sieht sie dich auch nicht an, wenn du einsteigst. Sie bewegt sich nicht. Sie stinkt nur.
Und wenn die Tür zugeht, weisst du, dass es zu spät ist zum Aussteigen und denkst dir: Nicht die Frau anschauen, sonst weiss sie, dass der Geruch von ihr ist und das muss sie jetzt nicht unbedingt.
Dann gibt es die Pause. Bis die Tür zugeht. Immer zwei Sekunden länger, als man es gerade noch ausgehalten hätte. Und du drückst den Knopf zum dritten, vierten, fünften Mal. Das ist die Aufzugspause, die kennst du auch.
Und dann gibt es dieses Ruckeln, wenn der Aufzug losfährt, du hältst dich bereit, um die alte Frau aufzufangen, für den Fall, dass sie umfällt, sogar wenn du dir die Hände waschen musst und irgendwie fällt sie doch nie um und irgendwann merkst du, dass es eigentlich seltsam ist, dass die Frau nach oben fährt, denn war sie nicht eben nach unten gefahren?
Und kommst du auf deinem Stockwerk an, gibts wieder die Aufzugspause, in der du dir überlegst, was du der alten Frau sagen sollst, denn die Einkaufstasche trägst du ihr bestimmt nicht mehr zur Haustür – erstmal fragwürdig, ob sie überhaupt hier wohnt – aber als Gegenleistung, solltest du wenigstens freundlich sein, ich meine, hey, immerhin ist es doch die Aufzugsfrau, die hast du bestimmt schon einmal getroffen und dann beschliesst du erstmal, nett zu ihr zu sein und sagst auf wiedersehen und machst – das machst du immer, nicht wahr? – den Fehler, zu ihr zurückzusehen, wo sie die Zähne fletscht und an den Boden starrt und weiter den Aufzug vollstinkt. Und du wirst wütend und frustriert und hast Angst davor alt zu werden und sagst: Ich werde aber garantiert ins Altersheim gehen und erstmal nicht eine Wohnung nehmen, die einen Aufzug braucht. Ausserdem nimmst du dir vor, regelmässig zu duschen und wenn es das letzte ist, was deine brüchigen Knochen zulassen.
Ich kann dir jetzt aber was sagen, das du noch nicht weisst.
Die Frau, die ist vom Hausbesitzer da reingemacht worden. Der Gestank, der ist aufsprüht. Ich schwörs dir. Wer würde es wagen, sie je hinauszuschicken, die alte, gekrümmte Frau mit der Tüte. Wer würde ihr sagen, dass sie stinke? Und wer, ausser ihr, würde dich daran hindern, den Aufzug zu verschmutzen oder ihn gar zu nehmen und Strom zu sparen. Stattdessen die Stufen zur Wohnung aufzusteigen. Man will doch ohnehin immer ein paar Kilo abnehmen und es tut dir auch gut, wiedermal zu laufen, vielleicht bist du ja diesmal schneller als der Lift, aber das bist du nicht.