Soziale Arbeit

von Cedric Weidmann

„Sie können sie doch nicht feuern.“ Der entgeisterte Ausdruck wich nicht mehr von ihrem Gesicht.
„Wie heissen Sie nochmal?“
„Frau Dietrich. Sandra.“
„Sandra, sehen Sie, ich weiss nicht, wovon sie reden. Natürlich kann ich sie feuern.“
„Diese Mitarbeiter arbeiten seit über zwanzig Jahren für diese Firma. Herr -“
„Nennen Sie mich einfach Kevin, Sandra.“ Der Anflug eines Lächelns huschte ihm übers Gesicht, allerdings blieb es bei einem Anflug.
„Kevin, sehen Sie, diese Leute finden keine neue Arbeit mehr. Das wird unseren Ruf nachhaltig schädigen. Das ist keine leichtfertige Entscheidung für eine grosse Unternehmung wie diese.“
„Hören Sie, Sandra“, sagte Kevin ungeduldig, „Sie sind die Personalleiterin. Ich warte auf ihren Vorschlag.“
Auf dem Gesicht der Personalleiterin zeichnete sich ein verdutzter Ausdruck ab. Sie dachte nach.
„Na ja, das kann ich Ihnen, äh, Dir nicht auf die Schnelle sagen. Man könnte zum Beispiel die Arbeitszeiten entlasten.“
„Das habe ich vor. Die Arbeitszeiten von ein paar überflüssigen Mitarbeitern. Wieso sollten alle für die Schwäche von wenigen bestraft werden?“
„Kevin, ich bitte dich. Gib mir bis Donnerstag Zeit. Ich werde mir einen Plan ausdenken.“
„Weisst du was?“, plötzlich stellte sich ein Grinsen auf Kevins Gesicht ein. „Das werde ich machen. Sag mir noch einmal, was du studiert hast.“
„Psychologie. Und dann habe ich noch eine Weiterbildung für Soziale Arbeit gemacht.“
„Oh, das ist… nun, das ist schön. Schau, Sandra, ich werde dir Zeit zum Nachdenken geben. Bitte geh jetzt und räum dein Büro.“
„Was?“
„Ich gebe dir Zeit zum Nachdenken. Du wirst grenzenlos Zeit haben.“
„Sie wollen mich feuern?“, fragte Sandra schrill.
„Ach, sag das nicht. Ich meine… Sag mir du. Aber ja, ich will dich feuern. Du bist doch Personalleiterin. Du weisst bestimmt, wie man damit umgeht. Findest du nicht, die Personalleiterin sollte dem Personal als gutes Vorbild voranschreiten.“
Sandra drehte sich zur Tür um und murmelte mit weit aufgerissenen Augen. „Wie konnte ein solches Arschloch überhaupt …“