Stolz der Mutter

von Cedric Weidmann

An: randolf_gandalf@gmail.com
Betreff: stolz der mutter
Gesendet am 17. April 2012, 23:40

lieber randolf,

tut mir leid, dass es jetzt schon so lange her ist, seit ich dir das letzte mal geschrieben habe. es sind eine reihe von dingen passiert, die mich ein wenig aufgehalten oder wenigstens literarisch ausser gefecht gesetzt hatten. in letzter zeit habe ich zum beispiel wieder diese schwindelanfälle. woran es liegt, weiss ich nicht.
die hanna von der personalabteilung bringt mir immer diesen kaffee… kennst du das, wenn du in eine tasse schaust und es schwimmen so dinge drin, von denen du fasziniert wärst, wenn sie in einem dokumentarfilm in nahaufnahme gefilmt und mit einer tiefen, satten männerstimme erklärt würden? es gab vor einigen jahren eine zeit, da sah ich viele solche dokumentarfilme. besonders jene vom meer, wo man nie menschen sah und sich alles in farben auflöste, und so dinge betrachtete und sich dabei ausmalte, wie sehr es stinken musste, ich mochte das, ich sah sie mir jeden tag an. ich hatte immer das gefühl, als lernte ich die welt kennen. mein vater hielt das immer für schund. er sagte, ein buch wäre tausendmal wertvoller. aber das kann man doch überhaupt nicht vergleichen, oder? auf jeden fall haben mir diese dokumentarfilme nichts gebracht. erst hielt ich mich für blöd, denn selbst bei den interessantesten filmen konnte ich mich nicht an die fakten erinnern, die aufgezählt wurden, und alle die kuriosen und erstaunlichen begebenheiten, die erzählt wurden, waren verschwunden und vergessen, sobald ich zu bett ging. später bemerkte ich, dass es nicht allein an meiner blödheit lag. ich glaube nämlich, dass die das extra machen. die haben so eine art zu reden, die gar nichts sagt. man benennt ein tier, sagt den monat der brunstzeit, den monat der brutzeit, sagt eine kleine ansammlung hinfälliger zoologischer merkmale, die ausnahmsweise nicht augenscheinlich sind, und bekräftigt sie mit der intonation eines erstaunten, der gerade über seine ersten unfreiwilligen erfahrungen im weltall berichtet. vielleicht habe ich das jetzt nicht gut gesagt, aber du weisst doch, was ich meine?

jetzt fang ich schon wieder an zu plaudern. der grund weshalb ich dir eigentlich schreiben wollte, ist natürlich ein anderer. wie ist das jetzt mit deiner konstruktion? funktioniert sie schon? du wolltest doch mittlerweile fertig sein? meine fresse, deine mutter muss ganz schön stolz auf dich sein.
ich frage mich, ob meine mutter stolz auf mich ist. und wie finde ich das heraus? ich glaube man würde es merken, nicht? bloss woran, das frage ich mich ständig.

wenn ich vom bildschirm wegsehe, drohe ich den blick in den kaffee zu versenken und dann wird mir schlecht. deshalb habe ich in den letzten zwei stunden online-zeitung gelesen und ein paar wütende kommentare geschrieben. ich brauche das, um mich abzulenken. und die ganze arbeit, immer das weichenstellen für die sbb, darauf hab ich gar nicht so grosse lust. meistens brauchen die mich eh nicht, das ist heute vollautomatisch hitech, das sagen sie dir schon am ersten tag.

ich freue mich wieder von dir zu hören, lieber randolf. halt die ohren steif, das sag ich einfach so, musst du natürlich nicht.

liebe grüsse
ephraim