Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Kategorie: Randolf & Ephraim

Re: Verfolger

An: randolf_gandalf@gmail.com
Betreff: RE:Verfolger
Gesendet am 29. April 2012, 16:01

lieber randolf

höchst besorgt war ich, als ich von deinem verfolger las. mit welcher absicht sieht er dich denn an? ich habe einmal einen film gesehen, dort hat einer gesagt: „angriff ist die beste verteidigung“ und der verfolgte begann, den spiess umzudrehen. vielleicht solltest du das auch einmal tun. ich meine nicht „verfolgen“, ich meine, du könntest ja zufälligerweise erst aussteigen, wenn er aussteigt. gelegentlich das gleis wechseln, in ruhiger entfernung bleiben. schleichst ihm nach, beobachtest ihn. und wenn du ihn aus den augen verlierst, kaufst du dir ein sandwich und fährst zurück. wie wär das?

ich schreibe dir auch wegen der erklärung der jury und sende ihn dir kommentarlos mit:

„Die Jury ist beeindruckt und überrascht von der Anmassung, die nötig ist, um einen Text dermassen aus der Bahn zu werfen. Die langen Beschreibungen von Tottenham und seiner Frau, die sich im Garten einen schönen Nachmittag machen, ziehen rücksichtslos an jeder auftauchenden Stelle möglicher Belustigung vorbei und sich ausserdem vehement in die Länge. Dass unter Autoren ein Text gelesen werden muss, der in seiner Weitläufigkeit selbst die Blumengerüche bis auf den letzten Akkord zerfliedert und von einer unnachahmlichen Begriffsstutzigkeit zeugt, wäre eine lächerliche Zumutung, wäre sie nicht von einer so humorlosen literarischen Ausführung. Die Jury verbittet sich die Beurteilung weiterer Zusendungen und wäre verbunden, wenn die weiteren Beiträge mehr künstlerischen Gehalt zu Tage fördern würden.“

du hast recht übrigens, ich sollte nicht mehr soviel joggen. heute habe ich auch keine lust dazu. ich lege mich ins bett. ich habe keine lust mehr, wach zu sein.

dein ephraim

ps: leichtes schwindelgefühl, durchbrochen von sekundenschnellen ohnmachtsgefühlen. anfälle rückläufig. alles im lot.

Tagesablauf zur Ferndiagnose

An: randolf_gandalf@gmail.com
Betreff: tagesablauf zur ferndiagnose, Antwort auf AW: stolz der mutter
Gesendet am 22. April 2012, 19:56

lieber randolf

heute bin ich in ohnmacht gefallen. ich habe keinen blassen schimmer weshalb. dass es mit den schwindelanfällen zu tun hat, dessen bin ich mir sicher. aber woher die schwindelanfälle kommen? deine hilfreichen vorschläge waren mir sehr willkommen und ich bedanke mich herzlich dafür, dass du deine bekannten gefragt hast, die damit ja wirklich nichts zu tun haben. ich bin gleich zum arzt gegangen und ich habe ihn gefragt, ob es morbus méniere ist (musste ich googlen). er meinte nein. er sah sich auch meine lunge an, aber die ist es wohl auch nicht. deshalb verzweifle ich fast. ich werde dir jetzt erzählen, was ich heute getan habe. gut möglich, dass das völlig sinnlos ist, aber du hast deinen scharfsinn schon so oft unter beweis gestellt, dass ich einen versuch wagen will.

morgens, 03:45, ich stehe auf, stelle die lichter an, das licht in der küche ist kaputt und ich schreibe mir auf, dass ich den elektriker anrufen muss. ich kann keine glühbirnen auswechseln. ich bin einfach nicht so handwerklich begabt.
ich füttere meine zwei weissen aras, die katze miranda, tommy, das frettchen, esse eine schüssel kellogg’s k fitness choco und eine banane, die ärgerlicherweise in zwei teile gebrochen ist. dann ziehe ich eine regenjacke und die mütze, die ich noch vom art on ice 1996 habe (du weisst ja wie gerne ich eiskunstlauf sehe. aber auch das ist eigentlich vorbei. heute bin ich eher für so bodybuilding events), an und gehe aufs velo. dort fahre ich zehn minuten und überfahre fast einen fetten, vortrittsunberechtigten hund, der mir in die fahrbahn rennt. ich steige ab und sage gedankenlos aber voller wut dem frauchen: „passen sie doch auf, wenn das jeder machen würde, so ohne leine herumzulaufen“, steige wieder auf und fahre in die sbb.
im aargau gab es eine gleisstörung und ich war den ganzen morgen damit beschäftigt, hanna daran zu erinnern, dass sie die störungen durch die lautsprecher in den zügen verkündet. sie fand ständig, dass zweimal reiche, dabei lautet die anweisung klar dreimal, nichts zu rütteln.
10:34 ich drucke das reglement bei geleiseschäden und personenunfällen aus, streiche die betreffende stelle, die mir recht gibt, mit einem dicken gelben stift an und bringe das blatt hanna. dort sehe ich, wie sie mit dem thomas von der kantine witzelt. meine wut verpufft sofort und ich frage mich: was macht der von der kantine hier oben? ich war viel zu überrascht, um ihn anzuschreien, aber ich schreibe heute noch dem chef, dass er besser auf seine kantinenmitarbeiter aufpassen soll. als ich zu meinem computer zurückkam, hatte ich den ersten schwindel.
11:00, mittag, ich esse allein auf der terrasse und überschaue den güterbahnhof. zürich wird auch nicht schöner mit dem alter.
12:10 ich werde vor dem pissoir gefunden, wo ich ohmächtig zusammengekracht bin. mir ist nichts passiert. zum glück war mein schwengel verstaut, aber du weisst, dass es für die lästereien trotzdem kein gefundeneres fressen gibt. der chef schickte mich nach hause, die andern kicherten aus verlegenheit und weil sie ein bisschen schockiert waren. das ist für die schon ein ereignis, wenn mal jemand in ohnmacht fällt.
12:17 ich lehne hilfe ab und stosse das velo nach hause. vor der sihlpost war ein auto falsch geparkt. ich gehe hinein und betone, dass es falsch geparkt ist, die am schalter sah nämlich nicht aus, als ob sie sich gleich darum kümmern würde. sie sagt: „geht es ihnen gut? sie sehen so bleich aus.“
14:00 ich pflege die tiere und trinke einen kaffee. ich schreibe einige zeilen und denke nach. dann gehe ich joggen.
14:10 ich komme vom joggen zurück. schon wieder habe ich nicht geschwitzt. das ärgert mich und mir wird wieder schwindlig. ich trinke zehn gläser erdbeersaft. ich schlafe eine weile und will dann später an der geschichte, bestärkt durch deinen kommentar zum einarmigen banditen, weiterschreiben.
16:40 als ich aufwache, fühle ich mich unruhig und nervös. ich habe einen ausschlag auf der nase und bin damit beschäftigt, mir die haut vom nasenrücken abzuraspeln.
17:10 ich beschliesse, dir zu schreiben.
21:00 plane ich, schlafen zu gehen

was meinst du? erkennst du irgendetwas auffälliges? mache ich irgendetwas falsch? bin ich anders als die anderen menschen? isst du früher, oder was ist es bloss?

ich glaube, du unterschätzt dich, randolf. die konstruktion ist doch nicht nur dazu da, einen preis zu gewinnen! ich verstehe natürlich nicht so viel wie du davon, doch für mich klingt es, als könntest du damit weit mächtigeres anstellen. bestimmt ist deine mutter stolz auf dich, wenn sie es auch nicht zeigt. so sind mütter. das glaube ich wenigstens. und deine frau? ist sie wenigstens stolz? ist sie auch meiner meinung, dass du die konstrukion für höhere zwecke brauchen solltest?

was es bedeutet wenn ein kater lächelt, hm… ich muss da noch einmal darüber nachdenken. ich habe da so meine theorie, aber ich muss noch daran arbeiten.

die entscheidung der jury wegen der kurzgeschichte steht noch aus, aber ich bin sehr zuversichtlich. ich glaube, sie werden darüber erstaunt sein, wie ich die winter- und blumengerüche geschildert habe. ich werde dich auf dem laufenden halten.

und bei dir? wie läuft es bei der arbeit? gute güte, ich weiss wirklich nichts mehr von dir! du musst mir unbedingt erzählen.

liebe grüsse.
dein ephraim

PS: auf das glas wein muss ich in nächster zeit verzichten. der arzt hat mir davon abgeraten. tut mir leid.

Stolz der Mutter

An: randolf_gandalf@gmail.com
Betreff: stolz der mutter
Gesendet am 17. April 2012, 23:40

lieber randolf,

tut mir leid, dass es jetzt schon so lange her ist, seit ich dir das letzte mal geschrieben habe. es sind eine reihe von dingen passiert, die mich ein wenig aufgehalten oder wenigstens literarisch ausser gefecht gesetzt hatten. in letzter zeit habe ich zum beispiel wieder diese schwindelanfälle. woran es liegt, weiss ich nicht.
die hanna von der personalabteilung bringt mir immer diesen kaffee… kennst du das, wenn du in eine tasse schaust und es schwimmen so dinge drin, von denen du fasziniert wärst, wenn sie in einem dokumentarfilm in nahaufnahme gefilmt und mit einer tiefen, satten männerstimme erklärt würden? es gab vor einigen jahren eine zeit, da sah ich viele solche dokumentarfilme. besonders jene vom meer, wo man nie menschen sah und sich alles in farben auflöste, und so dinge betrachtete und sich dabei ausmalte, wie sehr es stinken musste, ich mochte das, ich sah sie mir jeden tag an. ich hatte immer das gefühl, als lernte ich die welt kennen. mein vater hielt das immer für schund. er sagte, ein buch wäre tausendmal wertvoller. aber das kann man doch überhaupt nicht vergleichen, oder? auf jeden fall haben mir diese dokumentarfilme nichts gebracht. erst hielt ich mich für blöd, denn selbst bei den interessantesten filmen konnte ich mich nicht an die fakten erinnern, die aufgezählt wurden, und alle die kuriosen und erstaunlichen begebenheiten, die erzählt wurden, waren verschwunden und vergessen, sobald ich zu bett ging. später bemerkte ich, dass es nicht allein an meiner blödheit lag. ich glaube nämlich, dass die das extra machen. die haben so eine art zu reden, die gar nichts sagt. man benennt ein tier, sagt den monat der brunstzeit, den monat der brutzeit, sagt eine kleine ansammlung hinfälliger zoologischer merkmale, die ausnahmsweise nicht augenscheinlich sind, und bekräftigt sie mit der intonation eines erstaunten, der gerade über seine ersten unfreiwilligen erfahrungen im weltall berichtet. vielleicht habe ich das jetzt nicht gut gesagt, aber du weisst doch, was ich meine?

jetzt fang ich schon wieder an zu plaudern. der grund weshalb ich dir eigentlich schreiben wollte, ist natürlich ein anderer. wie ist das jetzt mit deiner konstruktion? funktioniert sie schon? du wolltest doch mittlerweile fertig sein? meine fresse, deine mutter muss ganz schön stolz auf dich sein.
ich frage mich, ob meine mutter stolz auf mich ist. und wie finde ich das heraus? ich glaube man würde es merken, nicht? bloss woran, das frage ich mich ständig.

wenn ich vom bildschirm wegsehe, drohe ich den blick in den kaffee zu versenken und dann wird mir schlecht. deshalb habe ich in den letzten zwei stunden online-zeitung gelesen und ein paar wütende kommentare geschrieben. ich brauche das, um mich abzulenken. und die ganze arbeit, immer das weichenstellen für die sbb, darauf hab ich gar nicht so grosse lust. meistens brauchen die mich eh nicht, das ist heute vollautomatisch hitech, das sagen sie dir schon am ersten tag.

ich freue mich wieder von dir zu hören, lieber randolf. halt die ohren steif, das sag ich einfach so, musst du natürlich nicht.

liebe grüsse
ephraim