Tagesablauf zur Ferndiagnose

von Cedric Weidmann

An: randolf_gandalf@gmail.com
Betreff: tagesablauf zur ferndiagnose, Antwort auf AW: stolz der mutter
Gesendet am 22. April 2012, 19:56

lieber randolf

heute bin ich in ohnmacht gefallen. ich habe keinen blassen schimmer weshalb. dass es mit den schwindelanfällen zu tun hat, dessen bin ich mir sicher. aber woher die schwindelanfälle kommen? deine hilfreichen vorschläge waren mir sehr willkommen und ich bedanke mich herzlich dafür, dass du deine bekannten gefragt hast, die damit ja wirklich nichts zu tun haben. ich bin gleich zum arzt gegangen und ich habe ihn gefragt, ob es morbus méniere ist (musste ich googlen). er meinte nein. er sah sich auch meine lunge an, aber die ist es wohl auch nicht. deshalb verzweifle ich fast. ich werde dir jetzt erzählen, was ich heute getan habe. gut möglich, dass das völlig sinnlos ist, aber du hast deinen scharfsinn schon so oft unter beweis gestellt, dass ich einen versuch wagen will.

morgens, 03:45, ich stehe auf, stelle die lichter an, das licht in der küche ist kaputt und ich schreibe mir auf, dass ich den elektriker anrufen muss. ich kann keine glühbirnen auswechseln. ich bin einfach nicht so handwerklich begabt.
ich füttere meine zwei weissen aras, die katze miranda, tommy, das frettchen, esse eine schüssel kellogg’s k fitness choco und eine banane, die ärgerlicherweise in zwei teile gebrochen ist. dann ziehe ich eine regenjacke und die mütze, die ich noch vom art on ice 1996 habe (du weisst ja wie gerne ich eiskunstlauf sehe. aber auch das ist eigentlich vorbei. heute bin ich eher für so bodybuilding events), an und gehe aufs velo. dort fahre ich zehn minuten und überfahre fast einen fetten, vortrittsunberechtigten hund, der mir in die fahrbahn rennt. ich steige ab und sage gedankenlos aber voller wut dem frauchen: „passen sie doch auf, wenn das jeder machen würde, so ohne leine herumzulaufen“, steige wieder auf und fahre in die sbb.
im aargau gab es eine gleisstörung und ich war den ganzen morgen damit beschäftigt, hanna daran zu erinnern, dass sie die störungen durch die lautsprecher in den zügen verkündet. sie fand ständig, dass zweimal reiche, dabei lautet die anweisung klar dreimal, nichts zu rütteln.
10:34 ich drucke das reglement bei geleiseschäden und personenunfällen aus, streiche die betreffende stelle, die mir recht gibt, mit einem dicken gelben stift an und bringe das blatt hanna. dort sehe ich, wie sie mit dem thomas von der kantine witzelt. meine wut verpufft sofort und ich frage mich: was macht der von der kantine hier oben? ich war viel zu überrascht, um ihn anzuschreien, aber ich schreibe heute noch dem chef, dass er besser auf seine kantinenmitarbeiter aufpassen soll. als ich zu meinem computer zurückkam, hatte ich den ersten schwindel.
11:00, mittag, ich esse allein auf der terrasse und überschaue den güterbahnhof. zürich wird auch nicht schöner mit dem alter.
12:10 ich werde vor dem pissoir gefunden, wo ich ohmächtig zusammengekracht bin. mir ist nichts passiert. zum glück war mein schwengel verstaut, aber du weisst, dass es für die lästereien trotzdem kein gefundeneres fressen gibt. der chef schickte mich nach hause, die andern kicherten aus verlegenheit und weil sie ein bisschen schockiert waren. das ist für die schon ein ereignis, wenn mal jemand in ohnmacht fällt.
12:17 ich lehne hilfe ab und stosse das velo nach hause. vor der sihlpost war ein auto falsch geparkt. ich gehe hinein und betone, dass es falsch geparkt ist, die am schalter sah nämlich nicht aus, als ob sie sich gleich darum kümmern würde. sie sagt: „geht es ihnen gut? sie sehen so bleich aus.“
14:00 ich pflege die tiere und trinke einen kaffee. ich schreibe einige zeilen und denke nach. dann gehe ich joggen.
14:10 ich komme vom joggen zurück. schon wieder habe ich nicht geschwitzt. das ärgert mich und mir wird wieder schwindlig. ich trinke zehn gläser erdbeersaft. ich schlafe eine weile und will dann später an der geschichte, bestärkt durch deinen kommentar zum einarmigen banditen, weiterschreiben.
16:40 als ich aufwache, fühle ich mich unruhig und nervös. ich habe einen ausschlag auf der nase und bin damit beschäftigt, mir die haut vom nasenrücken abzuraspeln.
17:10 ich beschliesse, dir zu schreiben.
21:00 plane ich, schlafen zu gehen

was meinst du? erkennst du irgendetwas auffälliges? mache ich irgendetwas falsch? bin ich anders als die anderen menschen? isst du früher, oder was ist es bloss?

ich glaube, du unterschätzt dich, randolf. die konstruktion ist doch nicht nur dazu da, einen preis zu gewinnen! ich verstehe natürlich nicht so viel wie du davon, doch für mich klingt es, als könntest du damit weit mächtigeres anstellen. bestimmt ist deine mutter stolz auf dich, wenn sie es auch nicht zeigt. so sind mütter. das glaube ich wenigstens. und deine frau? ist sie wenigstens stolz? ist sie auch meiner meinung, dass du die konstrukion für höhere zwecke brauchen solltest?

was es bedeutet wenn ein kater lächelt, hm… ich muss da noch einmal darüber nachdenken. ich habe da so meine theorie, aber ich muss noch daran arbeiten.

die entscheidung der jury wegen der kurzgeschichte steht noch aus, aber ich bin sehr zuversichtlich. ich glaube, sie werden darüber erstaunt sein, wie ich die winter- und blumengerüche geschildert habe. ich werde dich auf dem laufenden halten.

und bei dir? wie läuft es bei der arbeit? gute güte, ich weiss wirklich nichts mehr von dir! du musst mir unbedingt erzählen.

liebe grüsse.
dein ephraim

PS: auf das glas wein muss ich in nächster zeit verzichten. der arzt hat mir davon abgeraten. tut mir leid.