Die Brücke

von Cedric Weidmann

Es ist nicht sicher, wie rege die Brücke, gebaut 1992, wirklich benutzt worden ist. Es ist keine wirkliche Brücke, eher ein breiter Baumstamm, der halbiert und mit Stahlschienen seitlich verstärkt worden ist. Wenn drei Leute gleichzeitig darauf stehen, stöhnt sie und beginnt für den geneigten Zuhörer im Quirrlen des Wassers, das darunter vorbeispült, leise Lieder zu summen. Es ist allerdings nicht leicht vorstellbar, dass drei Leute zugleich auf der Brücke stehen. Sie liegt in einer hinteren Schleife des Baches, die bereits tief im Wald der Auen versenkt ist, manchmal wird sie eine ganze Woche nicht benutzt. Ein Schrei verhallt in den Nadelvorhängen, in die die Baumstämme gehüllt sind, und wird kaum gehört werden.
Das Supermodel setzt seinen Fuss auf die zwanzigjährige Brücke. Sie hat sich beim Joggen verirrt, doch in solchem Ausmass, dass sie es nicht unwillentlich getan haben kann. Ihr Blick scheint auch nicht irrend, wenn sie vorwärts schreitet und die Wirbel im Wasser betrachtet. Ihr Blick ist fest und zufrieden. Sie spuckt in den Bach. Sie stützt sich auf das kalte Geländer und weint lange.
Glauben die Bachmenschen. Durch die Brechung, die das Licht oberhalb der Wasseroberfläche erfährt, sieht es aus, als liefen Tränen über die Wangen des Models. Die Bachmenschen sind traurig über den Anblick, einige erheben die Stimme, ob man ihr nicht helfen könne. Aber das ist, wie die Ältesten signalisieren, unmöglich, es gibt keine Hilfe für eine der Oberen. Je heftiger das Wasser in Bewegung ist, desto weiter zieht es ihre Mundwinkel herunter und das Mitleid macht die Bachmenschen völlig wehrlos und taub.
Das Model aber weint gar nicht, es lacht. Ihr Lachen wird von den Nadelbäumen verschluckt. Die Eichhörnchen erstarren mit zitternden Nüstern, nur die Bachmenschen sind nicht still, sie verwirbeln in traurigem Marsch stärker das Wasser, das rauscht und rauschend das Trommeln des nun einsetzenden Regens fast verschluckt. Das Holz der Brücke verdunkelt sich mit der Nässe und knarrt empfindlich, auf dem Stahl sammeln sich Tropfen zu pickeligen Einzelhügeln an, von denen keiner den anderen berühren will.
Sie lacht. Man hat ihr gesagt, sie würde sich verlaufen. Jetzt hat sie sich wirklich verlaufen.

(Handy#5)