…und dennoch, ist es immer noch ruhig in der Gegend?

von Cedric Weidmann

Der Song heisst …Still, It Is Quiet Around Here.

Wir hatten alles, das Garagendach gleich vor dem Fenster im zweiten Stock, man brauchte es nur zu öffnen und mit vorsichtigen Tritten auf die Dachziegel langsam zum Giebelkamm hochzusteigen. Dort war man das Leuchten einer Zigarre, die sich langsam rauchte, man war vielleicht jemand, der dort im Schneidersitz sass, mit dem Blick in das Hinterland einer Schweizer Bauerngegend. Man sah weit: Von dort her zündeten in einer langen Reihe angeordnete Strassenlaternen aus dem Tau, der sich nachts durch die kleinen Hügeltäler schob, um sich gegen Morgen auf die Felder zu legen. Am Friedhof fuhr selten ein Motorrad vorbei, ein junger Mann, der noch bei seiner Freundin gewesen war: Und er flackerte zwischen den Schatten auf, die die Strassenlaternen auf den Asphalt warfen. Der Zug quietschte durch die Fugen, auch spät in der Nacht sah man ihn, wie ein langsames, schnaufendes Tier, das dem Menschen aus dem Weg gehen mochte.
Wir hatten Instrumente, die wir auf das Dach mitnahmen, wir lockten uns auf die Strasse, indem wir Kieselsteine gegen die Fenster warfen, um die Eltern nicht zu wecken. Wir trugen Kopfhörer, wohin wir auch gingen, und leihten uns gegenseitig Speicherstände für die Playstation aus: Immer glaubten wir, dass es wenige von uns gab. Im Gegensatz zu den Hauskatzen, die ebenfalls über die Dächer streunten und deren Herrschaftsgebiete sich überschnitten, konnten wir ziemlich gut aneinander vorbeileben. Es war kein Stadtleben und dafür waren wir ganz dankbar, wir hatten meistens kein Geld für Vinyl, an manchen Nächten war es vollkommen windstill, auch Pools plätscherten, Sex, Liebe hatten wir praktisch keine.
Durch diese Gegend konnte man gehen, Strasse für Strasse ablaufen und plötzlich hörte man Schritte hinter sich und später vor oder neben sich: Wir waren immer bei uns. Der Himmel stand uns offen. Wir verstanden uns ohne zu reden, aber wir redeten auch. Und eigentlich verband uns vieles, wir hatten alles. Es war nur nicht ganz so geheuer.

Wir hörten bis spät in der Nacht solche Musik, auch alleine in den dunklen Zimmer, wenn wir so betrunken waren, dass wir uns kaum mehr bewegen konnten. Und dann hörten wir das Lied, so leicht es beginnt und schwierig es endet: Und wir hörten den knarzenden Stuhl zwischen Sekunde 13 und 14. Den knarzenden Stuhl oder die knarzende Diele eines Menschen, dessen Gewichtsverlagerung in einem Tonstudio in Tokio den Supervisors entgangen war, alles viele tausend Kilometer entfernt. — Das hören wir im Zimmer und draussen fahren die Traktoren los. Es ist das Einzige, was man hört, denn die Müllmänner hieven ohne zu seufzen.

sonntagabendsong