Edgy oder das grösste anzunehmende Potenzial des Internets

von Cedric Weidmann

Edgy White-Liberal hat alles verändert.

Ich stiess dazu, als er noch 700 Fans hatte. Das konnte irgendjemand sein, bis 1000 Likes ist man noch nicht wichtig. Deshalb sah mir die Seite an und versuchte zu verstehen, was das für ein Typ war. Edgy ist ein weisser, gepflegt, aber nicht zu modisch angezogener Mittdreissiger, glatt rasiert, aber mit lässiger Jeans. Er ist kein Hipster und er ist kein Yuppie. Er ist kein Neoliberaler, nur konsequent liberal. Er repräsentiert die «Creative Class», aber nur insofern sie innovativ ist, er steht für Nachhaltigkeit und eine offene Gesellschaft. Er verachtet Krieg und Homophobie, verurteilt die Haltung der rechten Politik und eigentlich findet er die Welt nicht so schlimm wie sie ist, weil sie besser wird. Im Grunde meine Meinung.
Er spricht mit Hashtags von seinen Konzepten, er benutzt Wörter wie «leverage» oder «innovate», «synergize», «diversity». In seinen Statements setzt er sich für die #underwealthed society ein (den Begriff der poverty lehnt er ab). Einige seiner Kernideen sind unter seinen Fans sprichwörtlich: #donth8innov8, #designthinking, #jargonmuch (wenn er linke Angriffe auf seine Position pariert), #straightbutnotnarrow (für LGBT-Rechte), #racetogether (gegen Rassendiskriminierung) und mein Liebling: #failingforward (#iterative).

Wenn es um Feminismus in der Entrepreneurship geht, ist er an vorderster Front.

thisiswhatafeministlookslike

Die Frage zu beantworten, ob das alles ein Witz ist, ist auf Anhieb gar nicht so leicht. Eine halbe Stunde lang klickte ich mich durch seine Statusnachrichten, um herauszufinden, ob Edgy eine Kunstfigur war oder das, was er sagte, ernst meinte. Oft stand es so auf der Kippe, dass nur der Name «Edgy White-Liberal» den Ausschlag gab, es ironisch zu lesen.

Das Grossartige an diesem Konzept ist die Sprache, die die Position untergräbt. Seine Meinung deckt sich meist mit meiner. Er kommentierte die Wahlen im UK kritisch und sprach davon, wie die politische Rechte die Möglichkeiten zur Innovation untergraben wird. Er ist gegen Abschottung, gegen Klimaerwärmung. Darin ist er nicht zu belächeln. Es ist jedoch die Sprache, mit der er diese Haltung verfechtet, voller Jargon und ideologischen Konzepten (selbst wenn sie «fortschrittlich» scheinen). Edgy ist aus meiner Sicht praktisch nicht angreifbar, er denkt wie ich und viele meiner Freunde denken — aber er führt uns vor. Mit Wörtern, die ausserhalb eines neoliberal durchtränkten 21. Jahrhundert-Weltbilds (eben eines edgy Weltbilds), gar keine Funktion haben, wie z. B. «leveraging» durchbricht er diese Aussagen. Leveraging ist nicht nur ein besonderes Wort, das selten verwendet wird, es ist ein Konzept, das so nicht existiert. Das Wort trägt in sich eine Idee über die Beschaffenheit der Welt, die ideologisch aufgeladen ist.

Einer kommentierte an Edgys Pinnwand. „Every one of my design instructors talks like this. #designthinking“
Edgy:

The question is whether they walk the talk, though, isn’t it, Thomas? Is their innovation rhetoric matched by the presence of flipped classrooms, MOOCs, and Lego-based exams? If not, they’re just empty words used to project a hip and bright progressive identity.

Zwei gute Freunde, die in Rotterdam Management of Innovation studiert haben, sind seit meiner Bekanntmachung mit ihm grosse Fans und geben zu, dass in ihren Kursen teilweise so gesprochen wird. Ich kenne ja selbst solche Menschen und habe so oder ähnlich mit meinem eigenen Mund schon argumentiert. Es gibt Twitteraccounts, die klingen als wären sie Edgy, die es aber völlig ernst meinen. Edgy retweetet sie hämisch.

wordcloudedgy

So subtil war Ironie im Internet noch nie: Und sprachlich so spielerisch und intellektuell so durchgängig.

Es kam so weit, dass Edgy den besten Kommentar zum Nahost-Konflikt abgegeben hat, den ich kenne. Er beginnt einen Satz, als wäre er palästinenserkritisch, stülpt ihn aber dann, wie unfreiwillig, in eine messerscharfe Kritik an Israel um:

But ultimately, we need to be working toward a borderless world: if we tear down the walls, our problems are solved. The ensuing nomadism would allow innovators to leverage ideal climates for their start-up projects, eliminating extreme underwealthedness within a quarter century by some estimates. The elimination of walls would also allow dialogue and thus end conflict. Take the case of the ancient, primitive, religious conflict in the Middle East, especially that of Israel and the Palestinians. Tear down the security barrier and the problem is solved, as the Palestinians would recognize the naked humanity of their Israeli neighbours and thus realize that there is no need for violence (or, for that matter, for hand-wringing over past grievances like who stole whose land, who exiled whom, who broke what international humanitarian laws, or who robbed whom of basic dignity for decades upon what amount of decades). ‪#‎coexist‬

Kennt ihr das Gefühl, dass ihr wölfisch losheulen möchtet vor Begeisterung?
Ich habe es im Internet schon lange nicht mehr gehabt.