Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Kategorie: Sonntagabendsong

Salomon

Der Song heisst Blast Doors

Sie hatten ihn erst vergewaltigt und dann, indem sie ihm die Haut über die Ohren abstreiften, auf dem verlassenen Perron im Hinterhof getötet. Salomon vom vierten Stock, den armen Schlucker, und das gleich nach Feierabend, wie anstelle des gewöhnlichen Biers.
Durch das Büro ritt sie auf kleinen Vielfrassen, die wie tollwütig ihre Hauer in die ledernen Zäume schlugen, an denen sie sie schirrte. Zweimal am Tag musste man sie füttern, dann stieg sie von ihren Rücken und las die wichtigen Akten, die der Sekretär vorbereitet hatte. Die Vielfrasse waren voller Energie, die sich im verlängerten Wochenende aufgestaut hatte. Sie hatte nicht die Geduld gehabt, den Betrieb noch länger zu unterbrechen, und nach zwei Tagen atmeten die Aktionäre auf, als sie nach all den negativen Schlagzeilen die Produktion wieder aufnahm. Die Mitarbeiter hatten sich nicht beklagt und waren mit müden Gesichtern an den Tischen erschienen, ausser natürlich Salomon. Viele der Mitarbeiter waren eher einsame Menschen und konnten wohl besser damit fertig werden, wenn sie sich mit kleinen Betätigungen ablenkten, deshalb wollte sie ihnen eine schnelle Rückkehr zur Normalität ermöglichen. Sie hatte grosse Zuneigung zu ihren Mitarbeitern. Aber jetzt zügelte sie ihre Vielfrasse nach einem kurzen Kontrollgang und verschwand ängstlich im eigenen Chef-Büro. Sie schielte durch die Jalousien. An die Säule vor dem Kopierer gelehnt stand Reto, einer der jüngeren Mitarbeiter, kürzlich verheiratet und von einer riesigen Brille gestraft, die er mit solcher Selbstsicherheit trug, dass ihn niemand auf sie anzusprechen traute. Er sah Lisa zu, ihrer jüngsten Praktikantin, die sich zu den Papieren hinunterbückte, um die Verstopfung im Papierschacht zu lösen. Sie streckte den Hintern absichtlich raus, weil sie wusste, dass Reto hinter ihr stand. Sie war auch die Erste gewesen, die ihn wegen seiner Brille ausgelacht hatte.
Daneben sassen Till und Tillman zwei ihrer liebsten Mitarbeiter, die genauso witzig wie beflissen waren. Das heisst, der eine war beflissen, der andere war nur die Parodie des einen, aber sie gehörten zueinander. Hektor, der dünne, kurz vor der Rente stehende Personaler, dessen Hemd über dem mageren Bauch hing, als könnte man noch zwei, drei Kissen in ihm tragen. Sandra, die beste Technikerin im Haus, aber grundsätzlich unterfordert, woran auch die regelmässigen Beförderungen nichts geändert hatten, mit ihrem Stachelhalsband und den Tattoos, die den Hals hinaufkrochen.
Flix ass schneller als Klix. Der sah Flix nur zu, nahm einen Schluck vom Wassertrog, liess den anderen aber nie aus den Augen. Sie fragte sich, was Klix von Flix hielt. Umgekehrt war es nicht schwierig: Wann immer Klix loszog, folgte ihm Flix, der jede seiner Bewegungen bewundernd imitierte. Wenn Klix die Richtung wechseln wollte, hielt sich Flix daran, und wenn er unglücklich war, streifte Flix mit seiner Wange am hellroten Fell entlang, um ihn aufzumuntern. Doch was dachte Klix von Flix, was hielt er von seinem Verehrer, fragte sie sich, als sie die beiden, Klix ein wenig vorsichtiger als Flix, wieder vorsichtig bestieg. So stand sie eine Weile vor der geschlossenen Tür und atmete laut. Sie würde die Tür wohl oder übel verlassen müssen. Sie musste den Botengang machen. Ein kurzer Kontrollgang durch den Stock und dann runter zum Sekretär, das wäre alles.
Heute oder morgen würde der DNA-Test ankommen. Die Polizei hatte sie alle antanzen lassen, sämtliche Mitarbeiter, die alle im Verdacht standen, nach Betriebsschluss in Richtung des leeren Perrons unterwegs gewesen zu sein, um im nahen «Takt» ein Bier zu trinken. Wer von ihnen hatte sich aus der Gruppe losgelöst? War Salomon freiwillig losgelaufen? Hatte man ihn mit Gewalt zum Perron gezerrt? Die Polizei weigerte sich voreilige Schlüsse zu ziehen, sie aber zweifelte keine Sekunde, dass es jemand von ihnen war. Salomon war nicht allein losgegangen, man hätte sein Verschwinden bemerken müssen. Er war der Auffällige, Wehrhafte. Es sei denn, man hätte ihn selbst in den Hinterhalt gelockt.
Sie atmete aus, senkte den Kopf, stiess die Tür auf und patroullierte durch die Reihen, aus denen sie allen an den Bürotischen zunickte. Die beiden Vielfrasse fauchten ein wenig, als sie an Till und Tillmann vorbeigingen, bei Lisa drehten sie ganz um. Vielleicht spürten sie auch nur die Nervosität im Raum und spielten verrückt. Sie hatte in einer langen Rede die Unschuldsvermutung beschworen, aber was war das eigentlich, eine Unschuldsvermutung? Es gab eine Schuld, man wusste nur nicht, wer sie trug. Sie hatte so Angst, dass sie abends in ihr Kissen weinte.
Sie trat in den Lift und wartete bis sich die Tür schloss, bevor sie den Kopf gegen die Wand schlug. Sie wollte dieses Büro, diesen von krankem Geist benetzte Spannteppich, nie mehr betreten. Sie wusste genau, dass ihr als Chefin nichts anderes übrig blieb. Wie lange konnte es denn dauern, einen DNA-Test auszuwerten?
«Hanno», rief sie, als sie den Sekretär hinter der Rezeption sitzen sah, «haben sie angerufen? Hast du die Ergebnisse gekriegt?»
Hanno liess sich mit der Antwort Zeit und mit einer etwas weit ausholenden Bewegung legte er ein Blatt Papier auf die Theke. Zum ersten Mal erkannte sie in seinen Augen einen obskuren Glanz und seine Stimme hatte etwas von Salomons bedenkenloser Anstössigkeit. Dieser Mann schien gerade etwas völlig anderes zu werden und wurde es, als er den Satz ausgesprochen hatte: «Sie sagten, es würde sich wohl verzögern.» Die Vielfrasse tobten vor Nervosität, das heisst einer tobte, Klix war nur eine heuchlerische Imitation davon.

sonntagabendsong

Das Gemälde

Der Song heisst Initiate.

Seit sie bemerkt hatte, dass er in sie verliebt war, versuchte sie ihm aus dem Weg zu gehen. Sie konnte seine Bemühung, sich nichts anmerken zu lassen, nicht ertragen. Jeder seiner Sätze zitterte unter dem Versuch, ihn nebensächlich auszusprechen, und beim Gespräch nahm er den Blick immer wieder von ihr weg, um ihn einer Kaffeetasse oder einem Wandgemälde zuzuwenden. Er gab sich langweilig, obwohl er das nicht war, und «wusste oft nicht, was sagen». In Verabschiedungen und Begrüssungen hatte er mit grossem Geschick unangenehme Kleinigkeiten eingefügt, dass er ihr zum Beispiel nur einen Kuss statt drei gab oder, wenn sie ein persönliches Gespräch gehabt hatten, ihr die Hand schüttelte. Über all das lachte er, um sich nicht den Anschein von Befangenheit zu geben, die man als versteckte Zuneigung auslegen könnte. Er gab sich grosse Mühe, ohne Verlegenheit oder eine andere Entschuldigung vorzuschützen, ein unangenehmer Umgang zu sein. Das fand sie eigentlich süss, aber er war gut darin: Sie fand ihn wirklich unangenehm. Sie nahm ihm übel, dass er sich seine Verliebtheit hatte anmerken lassen.
Er war ganz nett, auch als ihr Chef. Aber dann hat er angefangen zu malen, und das ausgerechnet dann, als er schnell die Gespräche unterbrach und «nichts mehr zu sagen» wusste. Sie konnte sich keine grössere Ironie vorstellen als diese: Der Leiter einer kleinen Werbeagentur beginnt plötzlich zu malen, gewinnt zwei Preise, erhält eine Ausstellung in Kopenhagen — und wird gleichzeitig langweilig, dröge und unangenehm. Er war ein sehr attraktiver Mann, ein talentierter Werber, ein nachsichtiger Chef, der, und auch das machte ihn doch interessant, in seine Angestellte verliebt war. In dieser Verliebtheit musste er einen Entschluss gefasst haben, seine erste Leinwand, jungfräuliche Pinsel gekauft und geordnet und sich eine kleine Auszeit genommen haben, um riesige Panoramen bei kaum vorhandenem Licht in der Garage zu malen, auf denen abgründige Schattenwesen, Allegorien von zeitgenössischen Lifestyles (der Hipster, der Entrepreneur, die Ernährungsbewusste), in stilisierten Schlachtgemälden einander zerfetzten. Aber wenn er ihr begegnete, tat er so gewöhnlich und als würde er sie gar nicht lieben, nicht einmal ein bisschen. Diese Lüge war so schwer für sie, dass sie, ausser in den gelegentlichen Sitzungen, in denen es unvermeidlich war, ihm und seinem Büro fern blieb. Er meldete sich in den Meetings kaum zu Wort und als sie einmal eine Idee präsentierte und er ohne Charme die Vor- und Nachteile des Vorschlags mit einer Miene auseinanderbröselte, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen, und als aus Mitleid selbst ihre Mitarbeiter sie mehr lobten und mit ihr flirteten, blieb sie nicht mehr zum Wochenendapéro, sondern fuhr direkt in den Baumarkt, kaufte einen Eimer Fixativ, eine grosse Staffelei, vierzehn Pinsel und die grellsten Farben, die sie finden konnte. Sie war richtig gut in der Schule gewesen, sie war sogar auf die Kunsthochschule eingeladen worden, dachte sie, während sie die Tür des Estrichs abschloss, die Stirnlampe einschaltete und sich auszog, um die Arbeitskleider nicht dreckig zu machen. Sie war immer schon langweilig gewesen, man hat sie im Gymnasium sogar als langweilig bezeichnet, das konnte unter ihrer Fassade von Schlagfertigkeit und Humor jederzeit wieder hervorbrechen, musste vielleicht sogar. Grinsend malte sie den ersten Strich. Man würde noch sehen, wer bald «weniger zu sagen wusste.»

 

 

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Die Ampel

Der Song heisst Portugal.

Da ist der Morgen, aus dem die Sonne herausscheint wie eine Mango durch einen Plastiksack. Auf der Strasse liegt noch der Regen der Nacht oder Tau, sonst sind alle Strassen sauber gewischt, die Läden haben noch nicht geöffnet. Da ist diese Ampel, die ein wenig länger als nötig auf Rot steht. Es sind vielleicht nur die drei, vier Sekunden, in denen alle Autos und alle Fussgänger zugleich Rot haben, aber sie reichen als Zeitspanne aus, sie innerlich zu beschädigen. Sie hasst diese Ampel, besonders am Morgen, wenn weder Autos fahren, noch Menschen da sind. Sie hasst es, wie sie ihren Nachhauseweg künstlich, über jedes nachvollziehbare Mass, verlängert und wie sie sie zwingt, sich in den Bereich der Illegalität zu begehen, wenn sie morgens zu spät dran ist und bei Rot über die Kreuzung huscht.
Eduard hat ihr erklärt, was das soll. Die Rotwelle ist künstlich verzögert, damit weniger Autos in die Stadt kommen. So kann die Stadtverwaltung dafür sorgen, dass die Strassen nicht überfüllt sind. Eduard weiss es und hat es ihr deutlich erklärt und sie hat sich gegen seine Brust geschmiegt, zufrieden mit der Erklärung oder wenigstens nachgiebig und aufopferungsvoll, weil in der Welt nun einmal alles mit rechten Dingen zu und her gehen müsse und weil drei oder vier Sekunden verlängerte Wartezeit nicht dasjenige sei, was zu den unrechten Dingen gezählt werden müsste. Aber jetzt wo sie draussen steht und der nasse Wind in ihr Gesicht weht und sie friert in ihrer Bluse, für die erst in einigen Stunden die richtige Temperatur herrscht, scheint ihr diese Frau, die an Eduards Brust klebt, fremd und lächerlich.
Da ist diese erste Sekunde, wo sie den Drang, die Hände vors Gesicht zu schlagen, unterdrückt, ein Hund ist auf der anderen Strassenseite, der Hund nagt an einer Eisenkette, seine Hoden knallen gegen die Eisenkette, als er sie markiert und zur Überprüfung beschnüffelt, sie will nicht mehr am Leben sein und sie steht breitbeinig da und schaut den grauen BMW an und da ist die zweite Sekunde, der BMW-Fahrer sieht ihren Blick, erwidert ihn, er trägt eine dicke Hornbrille und einen Anzug und neben ihm sitzt ein Jüngerer in dunklem Pullover, vielleicht sein Sohn mit einem Bart. Da ist die dritte Sekunde und ihr Blick fällt auf den Mann der gegenüber steht, fährt an seinen kräftigen Beinen hoch, er steht aufrecht und sieht ihr ins Gesicht, die Hand streichelt nachdenklich über die glattrasierte Wange und als sie ihren Blick auf sein Gesicht richtet, kantig und ohne ein einziges Versprechen, das über Unfreundlichkeit hinausgeht, lächelt er. Ihr fällt ein, dass sie ihn öfters hier gesehen hat, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie atmet erstaunt aus, sie liebt diesen Mann. Wie hat er ihr immer entgehen können? Sie ist sehr kurzsichtig.
Da ist das Grün der Ampeln und nun schleppt sie sich fast gelähmt über den Fussgängerstreifen und der Mann geht an ihr vorbei.
„Alles in Ordnung?“, fragt er sie.
„Ja“, antwortet sie und lächelt zurück. Der Mann nickt und geht weiter bis zur anderen Strassenseite und sie beginnt, den Rest ihres Wegs fortzusetzen. Die Männer aus dem BMW schauen sie ausdruckslos an und sie bemerkt, wie schön sie alle sind. Es ist alles in Ordnung, denkt sie, die Ampel wird gelb. Es ist ein bisschen wärmer geworden, als sie auf der anderen Strassenseite ankommt und sie zieht die Ärmel der Bluse ein wenig zurecht.

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Das Reh

Der Song heisst dance AUTOMATON dance.

Das Reh steht in der Dämmerung im Schnee und schaut zur Strasse hoch, wo es eine junge Frau sieht, die, um es nicht zu erschrecken, stehen geblieben ist. Das Kitz, der Sohn, wühlt leise in den Kompostabfällen eines Hauses, arglos oder gierig. Das Reh regt sich nicht.
Die junge Frau, die auf dem Weg zu einer Verabredung mit einem Studenten ist, der sie in ein Restaurant ausführen will, und in die sie nur aus Höflichkeit und ein bisschen überstürzt eingewilligt hat, zieht die kalte Luft durch die Nase und presst die Augen zusammen. Das Reh geht schon fast in die Dunkelheit ein, nur der weisse Schnee in seinem Rücken verrät seine unbewegliche Silhouette.
Obwohl die junge Frau keine Eile hat und schon vorhin stehen geblieben ist, um den Anblick eines kahlen Baumes gegen die Überreste eines Sonnenuntergangs anzusehen, spürt sie diesen Moment. Der Moment, wenn das Reh ihrer gewahr wird und das macht, was es nicht kann oder nicht muss, zumindest nicht so wie ein Mensch: denken. Es versucht abzuwägen.
Das Reh befindet sich auf dem Kamm zwischen panischer Angst um sich und ihren Sohn, die sie zur Flucht bewegen würde, und völligem Desinteresse, mit dem es weiterfrässe. Diesen Kamm, diesen Punkt, auf dem es sich so unwahrscheinlich lang, viele Sekunden, für die eine oder andere Reaktion entscheidet, erreicht es vielleicht durch Vorsicht, durch warnende Instinkte, die zugleich wissen, dass eine zu schnelle Flucht ein Energieverlust wäre. Aber die Vorsicht hätte es vorher walten lassen müssen, bevor es sich dem Haus genähert hat, und die Instinkte haben es schon dazu gebracht, hochzusehen, als die junge Frau gekommen ist. Das, was gerade passiert, das mit geblähten Nüstern prüfende, aufrechte Beobachten, mit dem es sich jedem Jäger ausliefern würde, kann nicht einfache Vorsicht sein. Denn es hat die junge Frau schon gesehen und abzuwarten, ob die junge Frau schiessen kann oder nicht, wäre ein sinnloses Risiko.
Die junge Frau kann Gesicht und Augen des Rehs nicht erkennen. Nicht einmal das Kitz sieht es.
In diesen Sekunden befindet sich das Reh in einem Zustand der Neugierde, der es zwischen der Flucht und dem Weiterfressen in der Schwebe hält, in einem Zustand der Neugierde, der über das Mass, das vernünftig oder nötig wäre, sich in Sicherheit zu bringen, sinnlos gesteigert ist. Das lässt sich an seiner Dauer erkennen, in der das Reh in der Dämmerung weit mehr sehen kann als die junge Frau, aber auch daran, dass, als die junge Frau mit der Zunge schnalzt, das Reh immer noch nicht wegrennt. Dass dies ein Mensch und eine Gefahr darstellen könnte, müsste auch das Tier verstanden haben. Und je nachdem wie es über Menschen denkt: Es könnte weiterfressen oder fliehen, aber es bleibt, als möchte es nicht verstehen, wer oder was das ist, und wie lange ihnen Zeit bei einem Angriff bleibt, sondern ganz als hätte es sich in der Frage versenkt, warum die Frau geschnalzt hat.
Sie beide stehen sich gegenüber, beide spüren die Neugierde des anderen, sie saugen sie durch ihre zitternden Nasenflügel mit der Kälte auf, versuchen zu verstehen und begreifen mehr als sonst, dass sie einander verstehen wollen. Sie erkennen im Gegenüber den Willen zu erkennen deutlicher als ihre Körper und so stark, dass die Neugierde all ihre Vorstellungen, wieviel sie davon verdienen, übertrifft. Sie wissen, dass ihr Gegenüber sie nicht verstehen kann und umgekehrt, aber der Versuch. Dieser hilflose Versuch. Sie fühlen sich wunderbar gestärkt und geliebt. Hinter dem Kamm geht es steil abwärts. Die Mutter rennt in den Wald, das Kitz hüpft hinterher.
Die junge Frau schnalzt mit der Zunge. Dann dreht sie um und setzt zum Heimweg an.

 

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Die Tragödie der Coma Lilies

Der Songt heisst Erotic Boxing.

Im Ürban Dictionary gibt es jetzt einen Eintrag zur Tragödie der «Coma Lilies». Dazu steht «A short-lived band out of Sonoma, California.» Santa Rosa heisst es in anderen Quellen. «They made and performed experimental, psychedelic, and hard rock. They were classy as shit, and never before has there been a band anywhere near them in style, originality, or sheer awesomeness. The tragedy of the Coma Lilies is that as a band they released less than 90 minutes of music, before having a total band shakedown.»
90 Minuten sind inklusive des Demo-Tapes, das sie vor dem Plattenvertrag aufgenommen hatten, also das einzige Album von Denovali Records und eine EP. 90 Minuten reichen gerade mal, eine Show zu spielen. Das ist noch kaum eine Band, eher ein Experiment. Und tatsächlich sind die Jungs, von denen die meisten noch unter 20 Jahre alt waren, zwischen 2002 und 2008 durch Amerika getourt. «Getourt», das heisst zum Beispiel, sie spielten bei einem Battle of the Bands in Colleges oder in einem Pub, nicht an Festivals, nur in ganz wenigen kleinen Clubs. Das war nicht einmal eine Tour, eher ein Dunst, der vom Wind getrieben wird und sich rasch verflüchtigt.
Die Band hat gut 500 Facebook-Fans. Das ist nicht einmal eine Fan Base. Das ist gar nichts.
Und doch gibt es diesen Artikel im Urban Dictionary: «the very essence of all that is good and awesome, a universe of lust and perfection, classy a shit, the band God made to make up to the travesty that the Coma Lilies would become». Ihre Hörer sind ihre Fans, ihre Fans vergöttern sie. Es gibt keinen Umweg darum. Nicht bei dieser Band, die zwischen 2002 und 2008 alles auf den Kopf gestellt hat und eine einzige Ankündigung darstellt. Sie ist eine der schönsten Ausgeburten des Postrocks. Mit 16, 17 Jahren, kurz vor ihrer Auflösung, bin ich ihr begegnet, und nichts war mehr das gleiche. Ich klatsche mir jetzt noch gegen die Wangen wenn ich die Trommeln bei 4:02 in grab a fork micron höre.
Diese Melodien, dieses untrügliche, scheinbar durch alle Zeiten hindurch über alle Kulturgrenzen hinweg vibrierende Gefühl, das klar pointierte Gitarrenläufe, sanfte Klavierakkorde, und der Bass, der zwischen Härte und Zurückgezogenheit hin- und herspringt,  durch die Welt schrammeln. Die Schönheit dieser Melodien sind bei The Coma Lilies mit einem Schlagzeug zusammengefallen, dessen klare Präzision und virtuose Arhythmie man nur als eine Tättowierung beschreiben kann, die unter die Melodie gestochen wurde, und durchschimmert. Dieses Schlagzeug ist etwas vom Gänshauterzeugendsten, was man je hören kann. Über die Auflösung dieser Band möchte man weinen wie über einen jungen Menschen, der zu früh gestorben ist, man reisst sich nur zusammen: Es ist mehr davon geblieben, als man sich zu wünschen traute.
Warum so grossartige Musiker sich auflösen, das ist bei Coma Lilies ein Rätsel, dem man einen eigenen Namen geben muss. The Tragedy of Coma Lilies: Der Schlagzeuger macht abgefahrenen Jazz — gute Musik, aber nichts im Gegensatz zu früher. Die anderen Bandmitglieder haben aufgehört Musik zu machen und spielen in zweitklassigen Hardrockbands. Diese Band ist der Rimbaud der Musik.

Warum dieses Lied, warum dieses belanglose, fast stille Lied, in dem das Schlagzeug sogar noch fehlt? Warum das als Beispiel für die Tragedy of the Coma Lilies?

Wegen Minute 6:30 und was danach kommt. Ein Anklang einer Musik, die sie sonst nicht gespielt haben. Ein rudimentärer Synthie, der gerade über das 16bit-Zeitalter hinausgewachsen scheint, und den man in einer Minute ausweidet: Stockende Bässe, übereinanderliegende Drums, verschwindende Leads, zwei, drei Klänge wie elektronische Harfen – und das Ganze ist vorbei. Das war nicht einmal ein Lied. Doch vielleicht ist es das nicht. Doch Coma Lilies spielten noch nicht einmal elektronische Musik. Sie mussten nur, am Ende eines der atemberaubendsten Alben aller Zeiten, in einigen Sekunden beweisen, dass sie auch diese Musik aufgeräumt hätten, wenn es nötig geworden wäre. Warum haben sie nicht aufgeräumt? Bekamen sie selber Angst davor? Das ist das Rätsel um die Tragödie der Coma Lilies.

sonntagabendsong

Adventszeit

Der Song heisst Dead Can.

Auch in der Adventszeit ist er immer mit dem Rucksack unterwegs. Wenn er durchs Dunkel nach Hause geht, immer die Feuchtigkeit seines Atems im Gesicht und an der Holztür ruckelt, um den Hausschlüssel drehen zu können. Wenn er an einem Kinderwagen die Schuhe vom Schnee freiklopft und die Treppe in Angriff nimmt, während er sich mit einer Hand den Schal vom Hals zerrt und mit der anderen den Schlüssel vor sich hinhält. Wenn er die Kopfhörer von den Ohren zieht, die Wohnung betritt, in der Hitze keuchend Jacke, Pulli und Hose abstreift und nur mit der Unterhose ins Bett seines finsteren Zimmers fallen will, dann wirft er den schweren Rucksack, diesen Rucksack, der das Gewicht von nassem Schnee aufgenommen zu haben schien, in die Ecke seines Zimmers.
Und er würde ein Geräusch hören können, das der Himmelauffalter dabei macht. Tief in seinem Rucksack steckt der und scheint ein eigenes Leben zu führen. Bis auf das Aufjaulen beim Sturz auf den Zimmerboden ist er still. Er nimmt fast keinen Platz im Rucksack ein, den man noch locker befüllen kann.
Er schläft die ganze Nacht in Unterhose und steht am nächsten Morgen mit schwindligem Kopf im Türrahmen, um nicht umzufallen. Es ist Adventszeit, er erledigt Einkäufe. Abends trifft er sie unter der Weihnachtsbeleuchtung, sie wollen Glühwein trinken. Ihre dicke Winterjacke ist geöffnet, darunter beweget sich ihre Brust zu den lachenden Lippen, er, ein bisschen angetrunken, steigt durch die Feuchtigkeit ihres Atems, küsst sie. Sie schlingt sich um ihn, sie ruckeln an der Holztür, um den Hausschlüssel drehen zu können, sie ziehen sich die Schals von den Hälsen, sie streifen, als sie die Wohnung betreten, keuchend Jacke, Pulli, Hose ab, der Rucksack landet in der Ecke und das Aufjaulen verschwindet unter Seufzern im Finstern.
Nur zwei Wochen später zeigt er ihr den Himmelauffalter, er greift per Zufall nach ihm im Rucksack und zieht ihn hervor. Er faltet über ihnen den glitzernd umwölkten Himmel auf, der sich von Kopf bis Fuss über sie spannen liess. Er scheut sich nicht, darüber zu sprechen, wenn er den Himmelauffalter auspackt, er packt ihn ja auch mehr aus Zufall aus, erst, wenn er vergessen hat, dass er den noch in seinem Rucksack hat. Er spricht von den anderen Frauen, denen er den Himmel schon aufgefaltet hat und wie er es immer anders gemacht hat, manchmal unsicherer, manchmal sicherer, er sei immer nervös davor, aber wenn er erst einmal aufgefaltet sei, könne man ihn auf sich wirken lassen. Danach sei alles anders. Und besser. Nicht unbedingt für beide, und nicht für beide gleich schnell. Aber meistens besser.
Auch danach trifft er sie manchmal, sie arbeiten ja im gleichen Büro. Sie sprechen noch miteinander, auch wenn der Himmel zwischen ihnen aufgefaltet worden ist, aber sie bleiben kurz angebunden und verabschieden sich immer erleichtert. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen.
Er hat den Himmelausfalter nicht immer selber aus dem Rucksack genommen. Einmal, er war schwer verliebt, fand ihn das Mädchen im Rucksack, als sie nach einem Stift suchte und er einkaufen war. Sie probierte den Ausfalter selbstständig aus. Er merkte es erst, als er in die Wohnung zurückkam, ihre Jacke und Schuhe weg, der Himmel aufgefaltet.
Jedes Auffalten ist jedenfalls ein wichtiger Schritt für ihn gewesen und hat ihn geprägt. Wenn er auch nicht sagen kann, ob er sich wirklich immer freut oder ängstigt, bevor er es tut, so wächst er doch mit den Himmeln und sie wachsen vielleicht auch mit ihm. Sicher überfordert er seine Freundinnen nicht mehr so damit wie früher, er ist behutsamer. Und mehr als früher kann er das Spektakel geniessen, den das Auffalten bietet. Er verspürt schon eine milde Verständigkeit, wenn er seine Finger, die im Rucksack wühlen, den Himmelauffalter berühren.

Wie es andere per SMS machen können, will ihm nicht in den Kopf. Er hält es für eine Stillosigkeit. Er hat seine Himmel immer vor Ort auffalten lassen.

sonntagabendsong

Ich habe die Kohlenmina

Der Song heisst Size Queen.

Main Vater hat immar gesagt: Aber, machst du schon. R hat mir immar auf die Schultern geklopft. Wenn R ins Tunnel hinabstieg, sagte R, ich steige jetzt tief, tief ins Tunnel hinab. R sagte, ich steige durchs Tunnel, so komm ich zur U-Bahn und dort zur richtigen Arbeit. Und wenn du alt genug bist, gehst du auch raus und siehst die Welt.

Ich bin andars als main Vater. Ich staige nicht ins Tunnal. Ich habe die Kohlanmine, ich tanze ums Feua.

R hat SI sonntags immar ausgefüart. Ich allain, mit der Schwesta und dem Cadillac. Wir manchma durch die verbotane Untafüerung zur Küste, wir und die jugandliche Grösse, in die wir uns aufpumptan. Lange Gänge, lange Schächte, achthundart Löcher, wo das Magma dampfte, am Pazifikstrand, die Kohleabfälle lagen über- und überall am ganzen Strand. Wir fuhren mit der Gütarlore, dessan Glais aus dem Bodan kam und ins Meer füarta ins schwarze Wasser und plantschten. Wir; Schwester, ich, der Cadillac und die varrussten Arbeiter, die in ihren Overalls steckten und im Sand die Füsse spraizten. In der Surfabar spialte die Wüstanband löchrige Songs, die hörten wir.

Wenn du alt genug bist, wirst du vielleicht von der Ostküste wegkommen. Du führst dann den Laden hier, sagte R, treibst das Geld ein an der Oberfläche. Atmest all die frische Luft, kommst weg von dieser Hitze, dem Russ und der Dunkelheit dieser Höhlen. Und SI gab ihm ainen langen Kuss, bavor R abtauchte. Als sie spät nachts rain torkalten, waren ich, die Schwester und der Cadillac wiader zurück und stellten uns schlafend. R schaute noch in unsere fenstalosen Zimmer und SI gab uns einen Kuss auf die blaiche Stirn. Sie stanken nach Whiskay.

Ich bin andars als main Vater. Ich staige nicht ins Tunnal. Ich fahre den Cadillac an die Küste. Ich mache aine Wüstenband, die mache ich. Ich habe die Kohlanmine, ich tanze ums Feua.

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Das Attentat

Der Song heisst Remurdered.

Auf dem Tisch steht der Wecker. Sie blickt ihn an. Die Zeiger rücken langsam vor. Sie schnalzt mit der Zunge. Sie steht auf, sie steckt das alte Telefon aus und zwirbelt das Kabel mithilfe eines Küchenmessers aus dem Hörer. Sie steckt es in ihre Tasche. Sie schminkt sich, sie richtet die Haare, sie zieht ihre engste Jacke an. Sie geht auf die Toilette, dreht das ganze Toilettenpapier ab, wirbelt es weg, bis die Rolle freiliegt. Sie steckt die Rolle ein und geht auf die Strasse. In der U-Bahn färbt sie die Kartonrolle mit schwarzem Mascara, sie hält sie über ihr Handy, damit sich niemand wundert, wohin sie schaut.

«Entschuldigen Sie», sagt sie im Vorbeigehen zu einem der Reinigungskräfte an der Station. «Haben Sie ein Taschentuch für mich?» Der Mann verweist sie auf den Kiosk. «Bitte», sagt sie mit Augenaufschlag, «ich brauche nur ein Papier.» Der Mann sieht sie an, seufzt und bückt sich nach hinten unter den Putzwagen. Aus der Ablage stiehlt sie eine orange Warnweste mit einer dunklen Mütze und versteckt sie unter ihrer eigenen Jacke. «Vielen Dank», sagt sie, als sich der Mann wieder zu ihr dreht, und drückt das Haushaltspapier an die Nase, während sie davonschleicht. Im Lift zieht sie die Mütze an. Mit den Zähnen reisst sie die schwarze Kartonrolle an der Seite auf. Eine alte Frau, die im Lift steht, sieht ihr zu, wie sie mit einem Taschenmesser einen Fetzen Leder aus der eigenen Jacke schneidet, der so gross ist wie eine Handfläche. Sie steigt aus dem Lift und hält auf die Bushaltestelle zu, sie reibt dabei das Leder an den alten Maschendrahtzäunen des Bahnhofs, wärmt es in den Händen und prüft sorgsam, ob sie etwas rau geworden sind. Sie stopft die Enden des Lederfetzens durch den Schlitz in der Kartonrolle und klebt ihn mit ihrem Kaugummi an. Sie wirft sich die Warnjacke über und während sie auf den Bus wartet, steckt sie die Haare hoch. Dabei hat sie etwas in den Mund geklemmt, vom dem man glaubt, es sei ein Haargummi, doch in Wirklichkeit ist es das dehnbare Kabel, das sie von ihrem Telefon getrennt hat.
Als der Bus hält, sieht sie die vier Männer in Anzügen, die sie immer belästigen, wenn sie mitfährt. Sie scheinen, und das macht sie wütend, nicht einmal traurig, dass sie, das Opfer ihrer Widerlichkeiten, nicht an der Station wartet, sondern nur farblose Pendler und eine Frau mit Putzweste. Als der Bus hält, tritt sie ein und gibt sich Mühe, die Männer nicht anzuschauen, die, wenn sie sie sonst festgehalten und nicht in Ruhe gelassen haben, nun lässig an den Halterungen hängen, sich auf die Schultern klopfen und plaudern. Sie flüstert dem Busfahrer etwas ins Ohr, das er nicht recht versteht. Sie bückt sich weit zu ihm hinüber und zieht im unsichtbaren Moment die Kartonrolle über das lederne Lenkrad. Sie steigt aus und der Bus fährt gerade los, als sie das Ende des Telefonkabels an die Mülltonne gebunden hat. Der Bus fährt einige Meter weiter gerade aus, bis das Kabel zurrt, durch die geschlossene Fahrertür ruckelt und des Lenkrad herumreisst. Der Bus zieht nach rechts und fällt von der Brücke. Das Kabel mit der Kartonrolle liegt in friedlicher Stille neben ihr an der leeren Station. Sie wirft das Kabel in die Mülltonne.

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