Das Attentat

von Cedric Weidmann

Der Song heisst Remurdered.

Auf dem Tisch steht der Wecker. Sie blickt ihn an. Die Zeiger rücken langsam vor. Sie schnalzt mit der Zunge. Sie steht auf, sie steckt das alte Telefon aus und zwirbelt das Kabel mithilfe eines Küchenmessers aus dem Hörer. Sie steckt es in ihre Tasche. Sie schminkt sich, sie richtet die Haare, sie zieht ihre engste Jacke an. Sie geht auf die Toilette, dreht das ganze Toilettenpapier ab, wirbelt es weg, bis die Rolle freiliegt. Sie steckt die Rolle ein und geht auf die Strasse. In der U-Bahn färbt sie die Kartonrolle mit schwarzem Mascara, sie hält sie über ihr Handy, damit sich niemand wundert, wohin sie schaut.

«Entschuldigen Sie», sagt sie im Vorbeigehen zu einem der Reinigungskräfte an der Station. «Haben Sie ein Taschentuch für mich?» Der Mann verweist sie auf den Kiosk. «Bitte», sagt sie mit Augenaufschlag, «ich brauche nur ein Papier.» Der Mann sieht sie an, seufzt und bückt sich nach hinten unter den Putzwagen. Aus der Ablage stiehlt sie eine orange Warnweste mit einer dunklen Mütze und versteckt sie unter ihrer eigenen Jacke. «Vielen Dank», sagt sie, als sich der Mann wieder zu ihr dreht, und drückt das Haushaltspapier an die Nase, während sie davonschleicht. Im Lift zieht sie die Mütze an. Mit den Zähnen reisst sie die schwarze Kartonrolle an der Seite auf. Eine alte Frau, die im Lift steht, sieht ihr zu, wie sie mit einem Taschenmesser einen Fetzen Leder aus der eigenen Jacke schneidet, der so gross ist wie eine Handfläche. Sie steigt aus dem Lift und hält auf die Bushaltestelle zu, sie reibt dabei das Leder an den alten Maschendrahtzäunen des Bahnhofs, wärmt es in den Händen und prüft sorgsam, ob sie etwas rau geworden sind. Sie stopft die Enden des Lederfetzens durch den Schlitz in der Kartonrolle und klebt ihn mit ihrem Kaugummi an. Sie wirft sich die Warnjacke über und während sie auf den Bus wartet, steckt sie die Haare hoch. Dabei hat sie etwas in den Mund geklemmt, vom dem man glaubt, es sei ein Haargummi, doch in Wirklichkeit ist es das dehnbare Kabel, das sie von ihrem Telefon getrennt hat.
Als der Bus hält, sieht sie die vier Männer in Anzügen, die sie immer belästigen, wenn sie mitfährt. Sie scheinen, und das macht sie wütend, nicht einmal traurig, dass sie, das Opfer ihrer Widerlichkeiten, nicht an der Station wartet, sondern nur farblose Pendler und eine Frau mit Putzweste. Als der Bus hält, tritt sie ein und gibt sich Mühe, die Männer nicht anzuschauen, die, wenn sie sie sonst festgehalten und nicht in Ruhe gelassen haben, nun lässig an den Halterungen hängen, sich auf die Schultern klopfen und plaudern. Sie flüstert dem Busfahrer etwas ins Ohr, das er nicht recht versteht. Sie bückt sich weit zu ihm hinüber und zieht im unsichtbaren Moment die Kartonrolle über das lederne Lenkrad. Sie steigt aus und der Bus fährt gerade los, als sie das Ende des Telefonkabels an die Mülltonne gebunden hat. Der Bus fährt einige Meter weiter gerade aus, bis das Kabel zurrt, durch die geschlossene Fahrertür ruckelt und des Lenkrad herumreisst. Der Bus zieht nach rechts und fällt von der Brücke. Das Kabel mit der Kartonrolle liegt in friedlicher Stille neben ihr an der leeren Station. Sie wirft das Kabel in die Mülltonne.

sonntagabendsong