Kleines Herbstupdate

von Cedric Weidmann

Während ich mich die letzten Wochen durch ein Buch von Garrett P. Serviss gequält habe, «Edison´s Conquest of Mars» von 1898, einer inoffiziellen Fortsetzung von H.G. Wells´ The War of the Worlds, wo sich die Menschen nun unter Anleitung von Edison, «Herr Roentgen» und Lord Kelvin an den Marsbewohnern rächen — ein unfreiwillig witziges, aber unglaublich zähes Stück voller aufgebauschter Stilüberdrehungen: Der Text erschien ursprünglich in einem Serial, als Fortsetzungsgeschichte in Zeitschriften, und man kann sich leicht denken, was daran so nervtötend ist: Man braucht sich nur vorzustellen, welche Ermüdungserscheinungen HBO- oder Netflixserien heute schon mit ihrem von Folge zu Folge zu hangelnden Spannungsbogen verursachen, der stetig mehr abflacht bis er irgendwann den Punkt vom «Jumping the shark» erreicht, und welche potenzierte Geschmacklosigkeit genau dieser Effekt hundert Jahre später darstellen wird (es gibt durchaus Ausnahmen, Gombrowiczs Die Besessenen zum Beispiel.) — während ich also dieses Buch unter meinem Kopfkissen hin und hergeträumt habe, sind einge Dinge passiert, zu deren Veröffentlichung auf dem Blog ich gar nicht gekommen bin.

Pro Infirmis

Im Juli habe ich für Pro Infirmis ein Porträt über einen grossartigen jungen Mann geschrieben, der seit Geburt an starkem Gedächtnisverlust leidet. Von Herausforderung kann gar nicht die Rede sein, es ist völlig unmöglich dieser Aufgabe gerecht zu werden. Menschenleben zu porträtieren ist immer eine Gewalttat, und manche Leben sind komplexer als andere. Der Text wurde in einer Begleitbroschüre zu den Jubiläen von Pro Infirmis Aargau und Solothurn publiziert.

Delirium-Party

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Am Donnerstag, 1. Oktober, feierte delirium N°5 sein Erscheinen. Statt der klassisch umstrittenen Vernissage, die prinzipiell auf Autorenlesungen verzichtet und die immer wieder von Gegnern und Fans als Argumente für oder gegen das Heft ins Feld geführt werden, haben wir die Feier in die Alte Kaserne verlagert und eine grosse Party gemacht. Mit der Unterstützung der virtuosen Balkanband Sebass, einer dann doch noch pflichtschuldigen Veranstaltung unsererseits — eine Parodie auf den Bachmannpreis, an dem unter anderem der delirium-Hausautor Gian Fermat teilgenommen hat — und DJs haben wir den Raum unseres Hefts etwas grösser machen wollen: Potenzial, so denken wir, hat die Zeitschrift viel. Für Literatur, über die sich diskutieren lässt, gibt es ein Interesse über die Studentenschaft hinaus. Und die steigenden Facebookfans (die sich im letzten halben Jahr verdoppelt haben), der Artikel in der NZZ vom 1. Oktober über uns («Literaturkritik mit dem Zweihänder»), unsere Taschen, die man als Abonnent gleich zum Heft dazukriegt, helfen uns in diesem Versuch. Ich bin doch ein bisschen stolz darauf, im umstrittensten Literaturmagazin der Schweiz zu sein, oder, wie wir gerne sagen: dem raffiniertesten. Und ich bin — es ist diesmal ja kein Text, dafür genug Konzeptionelles von mir drin — sehr zufrieden mit dem Resultat.
Von lockeren Gedichten, über Splatterartiges und dunkle Jazzreflexionen bis zu beissend satirischer Sezierung aller bisherigen Hefte und sehr verwinkelten Selbstreflexionen des Texts, über seinen Willen oder Unwillen im delirium zu erscheinen, streuen die literarischen Beiträge ein unglaubliches Spektrum, das durch die eigenwilligen Kritiken abgeholt wird. Versenkt euch im N°5! Dank des Stammbaums, wo wir die Verbindungslinien der Texte und ihrer Motive durch die 5 Ausgaben hindurch aufgezeichnet haben, gewinnt man rasch einen Einblick in die Funktionsweise des Hefts. Mittlerweile kann man doch einige Stündchen mit seiner Lektüre verbringen.
Jetzt geht es darum, das Heft an die Leute zu bringen. Wer noch ein Gönner-Abo lösen will, gerne unter:

http://www.delirium-magazin.ch/abonnements.php

Treppentexte

Am Freitag, dem 8. Oktober, war delirium einer der unterstützenden Gruppen, die Treppentexte wieder ins Leben gerufen haben. Es handelt sich um eine Offene Bühne in einem Keller des Niederdorfs, wo man Bier, Absinth oder Wein trinkt, in Sofas sitzt, und zuhört, sobald jemand einen Text präsentiert, und immer die Chance hat, selbst einen zu lesen. Das Schöne am Anlass ist, dass neben delirium alle Gruppen des untergrund.s dabei sind. untergrund. ist ein neuer Newsletter, der jeden Monat über die Veranstaltungen im Raum Zürich, die von nicht-kommerziellen und partizipativen Literaturgruppen gemacht werden, informert. Einschreiben lohnt sich:

http://www.untergrund.info

PLAYLAND

Am Donnerstag, dem 15. Oktober, ist die Premiere des Theaters. «Eine theatrale Nachtschwärmerei» heisst es und findet in der Telli, meinem Lieblingsort in Aarau, statt — dem Industriequartier, wo neben dem Kiff auch ein Membersclub, die AZ-Redaktion, eine Westernbar und die Bowlinghalle ‹Playland› steht. Für letztere habe ich die Szene geschrieben. Das war noch im Mai, unter Beratung des Autors Jens Nielsen, der übrigens sehr witzige Kommentare geschrieben hat.

Frage: Warum findet der Langbärtige die Todesart des Bruders schrecklich
Oder findet er einfach schrecklich dass er gestorben ist
Ich gebe zu ich hatte beim Lesen das Bild dass er in einen Schredder fiel und verhäxelt wurde
Ruth gefiel aber das Bild der verschleppten Blutvergiftung sehr gut
Und mir auch – nach Verabschiedung des Horrorbildes
Aber schrecklich ist die Todesart nicht wirklich – im Verhältnis sagen wir zu andern
Vielleicht meint er es ironisch – das wäre natürlich okay

Es geht um einen Mann, der für seinen Bruder die High Score an allen Spielautomaten der Stadt knacken möchte. Mit ein paar Hindernissen. Und einem Arcade-Spiel, auf dessen Umsetzung ich sehr gespannt bin. Ein Figurentheater ist übrigens auch dabei. Ein Besuch dürfte sich also lohnen: An der Umsetzung selbst war ich aber nicht beteiligt. Das Stück wird nur diese und nächste Woche aufgeführt.

Am 8. Dezember lese ich den Text noch im Aargauer Literaturhaus, am 14. Januar im Literaturhaus Basel.

Orte-Literaturmagazin

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Der Text wurde im orte N°138 publiziert. Leider ohne die Spielbeschreibung, mit einem doofen Bild und informellen Kommentaren, die für die Theatermacher gedacht waren. (In der Regieanweisung stehen Sachen wie
«8bit-Sounds wären cool».) Trotzdem freue ich mich, in der historisch gesehen bedeutensten Literaturzeitschrift der Schweiz veröffentlicht zu haben, und der Text ist so belustigend funktional unter den anderen, sprachlich verwinkelten.

DRALL

Unsere erste Literatursendung geht in den Äther. Das wollte ich immer schon einmal schreiben: In den Äther. DRALL wird am 17. Oktober um 18:00 Uhr und am 21. Oktober um 21:00 Uhr auf Kanal K ausgestrahlt. Trotz einiger Unbeholfenheiten des ersten Versuchs ist die Stunde gefüllt mit knackigen Sachen, ich empfehle euch sehr den TRACK — János Mosers Text wurde von der Aargauer Band Pinut vertont —, die Buchsprechung über Rolf Lapperts neues Buch und den Rückblick auf den A4 gewinnt-Wettbewerb. Ich werde auch informieren, sobald es das Ganze als Podcast gibt.