Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Kategorie: Ein-Satz-Review

Michael Kohlhaas (Ein-Satz-Review)

Michael KohlhaasMichael Kohlhaas by Heinrich von Kleist
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Inzwischen, nachdem ich die Geschichte des Kohlhaas, Rosskamm an der Havel im 16. Jahrhundert, aus Ärger über die Ungerechtigkeit, die ihm von Seiten des Junker Wenzels von Tronka widerfährt, eine grausame und gehirnversprützende Wendung um die andere zu nehmen, und somit immer schneller einen Strudel von Geschehen einzulassen, gelesen und mit in der Hektik aufgepeitschter Begeisterung genossen habe, schien ich mich an das Stakkato der Apposition, jenen sprachlichen Galopp gewöhnt zu haben, in dem die Kohlhaas entwendeten Rappen, von ihrem abgeschundenen bis zum strahlend wiederhergestellten Auftritt, nie inne gehalten haben müssen, und das den Takt dieser Geschichte trommelt; dergestalt, dass die Poetik des Clusterfuck, wie ihn die Coen-Brüder viele Jahre später wieder aufnehmen, der Verwechslungen und kleinen Ungerechtigkeiten wegen, die gänzlich unentwirrbar Knoten um Knoten knüpfen, bis sich ein chaotisches Geflecht ergibt, hier auf einer Schnelligkeit der Sprache reitet, wie sie die bewundernswerten Unberechenbarkeiten im Film vielleicht doch nicht vermögen.

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Die panische Hand (Ein-Satz-Review)

Die panische Hand. Erzählungen (Phantastische Bibliothek Band 233)Die panische Hand. Erzählungen by Jonathan Carroll
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Jonathan Carroll hat etwas, wofür ich den frühen Murakami einst bewundert habe, einen Ton, der lapidar ist, sich in den Registern klischierter Sprache vergreift, der auf nichts Mystisches verweist, aber auch das Esoterische in der romantischen Welt nicht unterschlägt, der im Grunde nur erzählt und das scheinbar unfreiwillig, ziemlich ohne Erzählgestus, ein Realitätseffekt, der aber nicht authentisch ist, der Gänsehaut verursacht, weil man dem Erzähler zu sehr vertraut, bevor er sich als Betrüger entpuppt, tatsächliche und nicht nur metaphorische Gänsehaut, weil es so gut geschrieben ist, in jenem Ton, in dem man selbst langweilige Grossvatergeschichten erzählen müsste; und Carrol erzählt Gruselgeschichten!

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Der Krieg im Garten des Königs der Toten (Ein-Satz-Review)

Der Krieg im Garten des Königs der TotenDer Krieg im Garten des Königs der Toten by Sascha Macht
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Dieses Buch ist eine Enttäuschung, die so gross ist, wie sie ein schlechtes Buch niemals bedeutete, denn es hält immerhin die Versprechung von Fantasie, jonglierenden Klischees und gespreizten Erzählsituationen, die mir Sascha Machts Gewinnertext des New German Fiction-Preises «Nach den Spionen» letztes Jahr gemacht hatte, indem auch hier die Handlung auf einer Just Cause-ähnlichen Abziehbild-kubanischen Insel spielt, wo die Klischees regieren, nicht nur als korrupte Generäle, kommunistische Sekten, deutsche Touristen, sondern auch in der Coming Off Age-Handlung selbst, als ein von den Eltern einsam zurückgelassener Junge namens Bruno Hidalgo, der sich in billige Horrorfilme, die auch nur schlechte Klischees von sich selbst und deren Inhaltsangaben oft lustig zu lesen sind, flieht und zu einem Filmfestival reist, um aus dem gelangweilten Elend der Existenz hinauszukommen, doch das Buch — trotz diesen gehaltenen Versprechungen — enttäuscht, weil die Sätze so lieblos zusammengeschustert sind wie die einzelnen Ideen und fantasievollen Schnipsel, deren Reihungen sie sofort in ein ironisches Licht rücken, wo, so spürt man, eben nichts so wirklich gemeint und alles nur das Spiel eines unglaublich bemühten Spassmachers ist, der sich an jedem sprachlich vulgären Register vergreift, in der Hoffnung, es münde in die Dreistigkeit eines Clemens Setz, auf der er leider einen grossen Rückstand hat.

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Ein-Satz-Review (In Stahlgewittern)

In StahlgewitternIn Stahlgewittern by Ernst Jünger
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Jünger, ein Meister des Gegenteils vom Erlebnisbericht, das sich noch in jedem Nebensatz als solchen ausgibt, ich wollte sagen, «beschreibt», aber das ist falsch, «erzählt», «konstruiert», Unsinn, dieser Text ist nicht auf eine solche Weise gemacht, er liest sich nur wie Honig.

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Ein-Satz-Review (Planet Magnon)

Planet MagnonPlanet Magnon by Leif Randt
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

In einem anderen Sonnensystem, von dem wir nicht wissen, ob es unseres, ob es nah von unserem, ob es überhaupt eins ist, liegt die schönste Utopie, von der ich schon gelesen habe, die zugleich vorstellbar und wünschenswert ist und nur in der plumpsten, langweiligsten Lesart, die in der fairen Verteilung des Übercomputers ActualSanity eine bedrohliche Autorität sieht oder hinter der Toleranz und dem Verständnis der post-pragmatischen Kollektiven eine Unterdrückung der «natürlichen» Emotionen vermutet, also in einer überholten links-konservativen Lesart einer Gesellschaftskritik gleichkommt, denn diese Erzählung, in einer austarierten Sprache, die sich zum Verschwinden bringt, hat an all das gedacht, hat noch viel weiter gedacht und kritisiert schon die, die dem Text ein gesellschaftskritisches Potenzial unterstellen wollen, weil sie seine Schönheit nicht verkraften: Planet Magnon ist die perfekte Welt, der schöne, unbedrohliche Kapitalismus, in dem ich gerne leben würde.

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Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Ein-Satz-Review)

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im SchattenIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten by Christian Kracht
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Vom Gemisch der geschichtslosen Erzählungen, den Anspielungen an Klischees, dem Wechsel zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Registern, der Aufzählung von Telegrafen und Artillerien aus dem 19. Jahrhundert, die der Schweizerischen Sowjetrepublik des bizarren 20. Jahrhundertklons quer stehen, möchte man nicht allzuviel halten, wenn einem gleichzeitig historische und literarische Anspielungen wie Joseph Conrad und Conan Doyle um die Ohren gehauen werden — nur ist die Art wie Kracht hier mischt meisterhaft vorsichtig und statt einen Witz nach dem anderen auszukosten, den sein schwarzer kommunistischer Söldner, der über alte Minen durch die Schweizer Winterlandschaft stackelt, zuliesse, oder sich für allegorisch bedeutend zu nehmen, steht die Erzählökonomie, auch wenn die Erzählung sie gegen Ende überschiesst, im Vordergrund; ein Gedankenspiel wie dieses auf weniger als 150 Seiten zu packen, sind schon eine Kunstfertigkeit für sich.

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A Voyage to Cacklogallinia

A Voyage to Cacklogallinia With a Description of the Religion, Policy, Customs and Manners of That CountryA Voyage to Cacklogallinia With a Description of the Religion, Policy, Customs and Manners of That Country by Samuel Brunt
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Samuel Brunt gerät aus einem misslungenen Sklavenaufstand, bei dem er als Geisel herhalten musste, auf ein abtreibendes Schiff, schliesslich auf eine sonderbare Insel „südlich von Jamaica“, auf dem Vögel ihren Staat Cacklogallinia, eine Konstruktion aus Selbstjustiz, Korruption, Blasphemie und Misswirtschaft, die der Europäer brav mit übertrieben grossartigen Antworten aus seiner Heimat kontrastiert (die englischen Reichen wären bereit zu teilen und den Armen zu helfen, weil das christliche Mitleid es erforderte; aber nein, dort gäbe es auch keine Fehlurteile und die Politiker wären ehrbare Gotteskinder, die noch nie ein einziges Versprechen gebrochen hätten; es gäbe keinen, der verschwende, betrüge oder nicht für das Wohl des Volkes einstünde…), zu betreiben versuchen und deren Staatskasse so nah vor dem Ruin steht, dass sie Samuel Brunt mit einem mutigen Vogel zum Mond schicken in der mit einer erhöhten Spekulation belohnten Hoffnung, dessen Goldreserven würden die zerpflückte Staatskasse wieder in Schwung bringen, nur um Samuel, im Gespräch mit den klugen Seleniten, die ihn den Vögeln vorziehen, aber auch ihm kein Gold gewähren, und in Anbetracht der Schläfer der Erde, deren Seelen auf dem Mond ihre sündigen sichtbaren Träume erleben, auf die Idee gebracht, erst einmal auf Jamaica zu landen und in seine wunderbare Heimat zurückzukehren, nie mehr wieder zu sehen.

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Der kleine buddhistische Mönch (Ein-Satz-Review)

Der kleine buddhistische MönchDer kleine buddhistische Mönch by César Aira
My rating: 1 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Umschlag und Aufmachung des Buches versprechen Überraschungen, aber ausser der unendlichen Anzahl von Schreibfehlern und Grammatikschnitzern, die in dieser Matthes&Seitz-Ausgabe sogar völlig unironisch einen Hund «rapportieren» lassen, zeichnet sich der kurze Band nur noch durch jene Unerwartetheit aus, dass er sehr viel ruhiger und linearer ist, als erwartet, so sehr, dass die Geschichte — ein kleiner buddhistischer Mönch ist aus Verehrung für die westliche Gesellschaft eurozentristischer Intellektueller geworden, der in der Hoffnung, Aufmerksamkeit von Europäern zu finden, einem französischen Künstlerpärchen eine seltsame Pagode zeigt, wobei nicht nur die Winzigkeit des Mönchs, sondern auch die seltsamen Bahnhöfe unterwegs und die Fotoaufnahme des Fotografen unheimlich scheinen und ein zum Ende hin ‹gelöstes› Rätsel mit sich tragen, — hier, ohne dass die matte Freude an der plumpen und kurzen Lektüre verdorben werden dürfte, ganz kurz erzählt werden darf.

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