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Kategorie: Ein-Satz-Review

Der kleine buddhistische Mönch (Ein-Satz-Review)

Der kleine buddhistische MönchDer kleine buddhistische Mönch by César Aira
My rating: 1 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Umschlag und Aufmachung des Buches versprechen Überraschungen, aber ausser der unendlichen Anzahl von Schreibfehlern und Grammatikschnitzern, die in dieser Matthes&Seitz-Ausgabe sogar völlig unironisch einen Hund «rapportieren» lassen, zeichnet sich der kurze Band nur noch durch jene Unerwartetheit aus, dass er sehr viel ruhiger und linearer ist, als erwartet, so sehr, dass die Geschichte — ein kleiner buddhistischer Mönch ist aus Verehrung für die westliche Gesellschaft eurozentristischer Intellektueller geworden, der in der Hoffnung, Aufmerksamkeit von Europäern zu finden, einem französischen Künstlerpärchen eine seltsame Pagode zeigt, wobei nicht nur die Winzigkeit des Mönchs, sondern auch die seltsamen Bahnhöfe unterwegs und die Fotoaufnahme des Fotografen unheimlich scheinen und ein zum Ende hin ‹gelöstes› Rätsel mit sich tragen, — hier, ohne dass die matte Freude an der plumpen und kurzen Lektüre verdorben werden dürfte, ganz kurz erzählt werden darf.

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Diesseits des Van-Allen-Gürtels (Ein-Satz-Review)

Diesseits des Van-Allen-GürtelsDiesseits des Van-Allen-Gürtels by Wolfgang Herrndorf
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Herrndorf möchte unaufgeregt wirken, das liebe ich, nur scheint die Form der Kurzgeschichte ihn zu einer Aufregung zu zwingen, die die Frage aufwirft, warum man es gerade hier geendet, gerade dort begonnen hat, eine Frage zuviel für die Belanglosigkeit der Figuren, und es ist kaum verwunderlich, dass die meisten Geschichten in chaotischen Settings aufgezogen sind, überworfenen Parties, in unaufgeräumten Häusern oder einem seltsam zusammengezwirbelten Fernen Osten, wo es einmal lakonisch heisst: «Langsam wurde es unübersichtlich», wo die chaotische, amoralische, aber immer präzise komponierte Welt wie in Herrndorfs übrigen Büchern einem die Faust ins Gesicht schlägt, was nur deshalb kein Problem ist, weil er manchmal eben doch nicht so tut, als wäre er unaufgeregt und zufällig, wenn, wie in der Kurzgeschichte «Herrlich, diese Übersicht», alle Fäden der anderen Geschichten zusammengesponnen und als bedeutsames Gesamtpacket verschnürt werden, nur ist das dann, und das macht es vielleicht aus, auch ganz erfrischend bedeutungslos: Herrlich, wie wenig uns die Übersicht geholfen hat.

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Glücklich wie Blei im Getreide (Ein-Satz-Review)

Glücklich wie Blei im GetreideGlücklich wie Blei im Getreide by Clemens Setz
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Setz fasst die Plots seiner frühen Geschichten zusammen, bis von ihnen nur die ungebändigte, respektlose und bezaubernde Kreativität übrigbleibt, die man sich im Halbminutentakt, wie einen wohligen Zaubertrank, zuführen kann, nur der nicht geneigte Leser könnte bemängeln, dass man eben daran sehe, dass es die Ideen seien, nicht die Literatur, von denen sich dieses Buch speise, psst, ruhig nur, flüstert der Trank, lass deine Literatur, ich hab eine neue Idee für deine Literatur.

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Der Ursprung des Kunstwerks (Ein-Satz-Review)

Der Ursprung des KunstwerkesDer Ursprung des Kunstwerkes by Martin Heidegger

My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein Erzähler erklärt uns, dass es ganz wichtig ist zu verstehen, was ein Kunstwerk ist, und tut das, indem er unendlich lange und fachgerecht «Dinge» und «Zeug» unterscheidet, die aber beide weder Kunst noch Werk und schon gar kein Kunstwerk sind, um sich dann zu fragen, ob wir einen Schritt weitergekommen seien und rechtfertigt die Bemühungen mit einer eleganten Unsicherheit und einem Zweifel seiner eigenen Argumentation gegenüber, der auch jeder anderen Philosophie schmeicheln würde, bis ein zitternder Moment kommt, eine augenblickliche Ungeduld, die seine Stimme bricht und uns ein paar Bauernschuhe als Beispiel für gewöhnliches Zeug vor Augen stellen will — zwar «bedarf es nicht einmal der Vorlage wirklicher Stücke dieser Art von Gebrauchszeug», denn jedermann «kennt sie», aber «da es doch auf eine unmittelbare Beschreibung ankommt, mag es gut sein, die Veranschaulichung zu erleichtern», wofür «eine bildliche Darstellung» genüge, und man sich daher auf (ja warum denn auch nicht auf die!) van Goghs gemalte Schuhe stützen könnte, die er dann sprachlich zu beschreiben anfängt und dort, spätestens dort, endet die Suche nach dem Kunstwerk, und ein neues, eigenes, sprachliches beginnt, warum?

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Das Dritte Reich (Ein-Satz-Review)

Das Dritte ReichDas Dritte Reich by Roberto Bolaño
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Im Kern eine Spielerei mit dem Vorwurf von Faschismus, den der Leser dem Deutschen Udo Berger, Weltmeister im Brettspiel „Das Dritte Reich“ und junger Bildungsbürger im Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg, gerne machen würde und doch nicht ganz kann — ausserhalb des Kerns ein Mantel von unheimlichen Begegnungen in einem verschachtelten Hotel, die so unverständlich wie bei Kafka, so voll unguter Ahnungen wie bei Clemens Setz sind und Udo in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen (warum nur sagt Hanna nicht, dass sie vergewaltigt wurde? Warum lügen alle darüber, wie böse die Welt ist?) — und in der zarten Hülle eine fiese Sprache, hochtrabend im Tagebuchstil, gleichzeitig lakonisch platt in Schilderungen und in manchen Kapiteln wie «Meine Lieblingsgeneräle» eine perfekte Gratwanderung zwischen Jux und Ernst, Antifaschismus und Anti-Antifaschismus, in einem schwebenden Zustand politischer und moralischer Gleichgültigkeit aufgelöst.

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Hunger (Ein-Satz-Review)

HungerHunger by Knut Hamsun
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Eigentlich ein Wunder, dass das Buch nicht Durst heisst, so viel wie der weint.

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Der Traum der roten Kammer (Ein-Satz-Review)

Dream of the Red ChamberDream of the Red Chamber by Cao Xueqin

My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

«Wir sind doch schon, wer weiss wie lange, unterwegs, sollten wir immer noch nicht aus unserem Park heraus sein?», fragt Pao Yü im Traum, indem er gleichermassen das Klaustrophobische, Unheilvolle und das Friedliche, Leichtsinnige dieser im Fürstenpark spielenden Geschichte anspricht, die den Ursprung der Soap Opera bildet, eines der schönsten Beispiele von allmählich verfallendem Reichtum zeigt und daher nicht zu Unrecht eines der meist gelesenen Bücher überhaupt ist.

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Becketts Erzählungen (Ein-Satz-Review)

Erzählungen.Erzählungen. by Samuel Beckett
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die letzten Erzählungen Becketts sind radikale Einschnitte in die Prosa, sprachliche Bauten aus Floskeln und Details, Pionierexperimente; seine ersten sind noch wunderbarer, ein junges, kochendes Etwas, virtuos und witzig, stilistisch den einfühlsamen Dubliner-Joyce noch einmal verspielter ausspielend; nur die Texte dazwischen, vergessen wir die einfach mal.

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