Das Reh

von Cedric Weidmann

Der Song heisst dance AUTOMATON dance.

Das Reh steht in der Dämmerung im Schnee und schaut zur Strasse hoch, wo es eine junge Frau sieht, die, um es nicht zu erschrecken, stehen geblieben ist. Das Kitz, der Sohn, wühlt leise in den Kompostabfällen eines Hauses, arglos oder gierig. Das Reh regt sich nicht.
Die junge Frau, die auf dem Weg zu einer Verabredung mit einem Studenten ist, der sie in ein Restaurant ausführen will, und in die sie nur aus Höflichkeit und ein bisschen überstürzt eingewilligt hat, zieht die kalte Luft durch die Nase und presst die Augen zusammen. Das Reh geht schon fast in die Dunkelheit ein, nur der weisse Schnee in seinem Rücken verrät seine unbewegliche Silhouette.
Obwohl die junge Frau keine Eile hat und schon vorhin stehen geblieben ist, um den Anblick eines kahlen Baumes gegen die Überreste eines Sonnenuntergangs anzusehen, spürt sie diesen Moment. Der Moment, wenn das Reh ihrer gewahr wird und das macht, was es nicht kann oder nicht muss, zumindest nicht so wie ein Mensch: denken. Es versucht abzuwägen.
Das Reh befindet sich auf dem Kamm zwischen panischer Angst um sich und ihren Sohn, die sie zur Flucht bewegen würde, und völligem Desinteresse, mit dem es weiterfrässe. Diesen Kamm, diesen Punkt, auf dem es sich so unwahrscheinlich lang, viele Sekunden, für die eine oder andere Reaktion entscheidet, erreicht es vielleicht durch Vorsicht, durch warnende Instinkte, die zugleich wissen, dass eine zu schnelle Flucht ein Energieverlust wäre. Aber die Vorsicht hätte es vorher walten lassen müssen, bevor es sich dem Haus genähert hat, und die Instinkte haben es schon dazu gebracht, hochzusehen, als die junge Frau gekommen ist. Das, was gerade passiert, das mit geblähten Nüstern prüfende, aufrechte Beobachten, mit dem es sich jedem Jäger ausliefern würde, kann nicht einfache Vorsicht sein. Denn es hat die junge Frau schon gesehen und abzuwarten, ob die junge Frau schiessen kann oder nicht, wäre ein sinnloses Risiko.
Die junge Frau kann Gesicht und Augen des Rehs nicht erkennen. Nicht einmal das Kitz sieht es.
In diesen Sekunden befindet sich das Reh in einem Zustand der Neugierde, der es zwischen der Flucht und dem Weiterfressen in der Schwebe hält, in einem Zustand der Neugierde, der über das Mass, das vernünftig oder nötig wäre, sich in Sicherheit zu bringen, sinnlos gesteigert ist. Das lässt sich an seiner Dauer erkennen, in der das Reh in der Dämmerung weit mehr sehen kann als die junge Frau, aber auch daran, dass, als die junge Frau mit der Zunge schnalzt, das Reh immer noch nicht wegrennt. Dass dies ein Mensch und eine Gefahr darstellen könnte, müsste auch das Tier verstanden haben. Und je nachdem wie es über Menschen denkt: Es könnte weiterfressen oder fliehen, aber es bleibt, als möchte es nicht verstehen, wer oder was das ist, und wie lange ihnen Zeit bei einem Angriff bleibt, sondern ganz als hätte es sich in der Frage versenkt, warum die Frau geschnalzt hat.
Sie beide stehen sich gegenüber, beide spüren die Neugierde des anderen, sie saugen sie durch ihre zitternden Nasenflügel mit der Kälte auf, versuchen zu verstehen und begreifen mehr als sonst, dass sie einander verstehen wollen. Sie erkennen im Gegenüber den Willen zu erkennen deutlicher als ihre Körper und so stark, dass die Neugierde all ihre Vorstellungen, wieviel sie davon verdienen, übertrifft. Sie wissen, dass ihr Gegenüber sie nicht verstehen kann und umgekehrt, aber der Versuch. Dieser hilflose Versuch. Sie fühlen sich wunderbar gestärkt und geliebt. Hinter dem Kamm geht es steil abwärts. Die Mutter rennt in den Wald, das Kitz hüpft hinterher.
Die junge Frau schnalzt mit der Zunge. Dann dreht sie um und setzt zum Heimweg an.

 

sonntagabendsong