Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Kategorie: Sonntagabendsong

Das Buch

Der Song heisst After the Thaw.

Der Morgen ist so frisch, dass der Junge, als er am Altersheim vorbeigeht, die Jacke enger zuzieht. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und es ist keine Spur von ihr zu sehen, aber der Junge schaut zu den Hügeln hinüber. Er weiss wo sie auftauchen wird. Auf der Strasse liegt eine umgefallene Mülltonne, er hüpft drüber, er zieht die Finger in der Jackentasche zusammen, bis die Gelenke knacken. Als er in den Zug steigt, setzen sich ihm seine Freunde gegenüber, sie holen ihre Handys hervor, hören auf einem Ohr Musik oder verfallen in eine beängstigende Dämmrigkeit. Ob er von der Prüfung gehört habe, die heute unangekündigt stattfinden solle. Jemand habe davon gesprochen. Der Junge schüttelt den Kopf. Man solle nicht immer alles glauben, sagt er, und seine Freunde erwidern, dass es bis jetzt aber immer gestimmt habe, wenn sich das herumgesprochen habe. Und während er sich darüber austauscht, was sie alle nicht können, und dass sie das Buch nicht gelesen hätten, gleitet der Blick des Jungen, wie versehentlich nach draussen, zu den vorbeiziehenden Lichtern der beleuchteten Küchen und Schlafzimmern, zu den roten Polkapunkten der im Stau stehenden Autos und den von Tau glitzernden Feldern. Eine Wolke scheint sich aus dem grossen Wolkenmeer herauszukämpfen und streckt den Kopf nach unten. Ausnahmsweise habe er sich vorbereitet, gibt der Junge zu. Das Cover hat ihn angesprochen. Mal sehen, ob ihm das etwas bringt, wenn es eine Prüfung gibt. Aber nur schon das — dass er das Buch gelesen habe — überzeuge ihn, dass es heute keine Prüfung gebe, so sei das nun einmal. Die anderen nehmen die Bücher hervor, manche lassen auch die Arme vor der Brust verschränkt und wollen ihn ausfragen, aber nachdem er es in wenigen Sätzen zusammengefasst hat, beharrt er darauf, dass sein Wissen erschöpft sei. Die Wolke schlenkert nun allein in der Luft, sie scheint ihm zuzurufen: Ich habe es geschafft, und so hässlich ich jetzt bin, ich bin etwas anderes. Das ist mein Jenseits, mein Himmel: Der Himmel aus dem Himmel der anderen heraus.

Der Junge schiebt den Freunden das Buch mit seinen Notizen zu, aber sein Blick schiesst an ihnen vorbei und bleibt am Sitzmuster der Stühle hängen. Ein Satz aus dem Buch schwirrt ihm durch den Kopf und das Bild eines kleinen Bauernsohns, das Aufbäumen gegen alles, was sich ihm widersetzt, steigt vor sein Blickfeld. Er spürt auf der Haut noch die Wildheit jener Person, die die Langeweile und die Umständlichkeit altmodischer Sätze nicht so recht dämpfen konnte, die von ihr berichteten. Es ist ihm, als sässe dieser andere Junge Rücken an Rücken zu ihm im nächsten Abteil und er spürt ihn durch die Lehne hindurch. Diese Prüfung wird er nicht bestehen, er ist sich sicher. Aber das Buch vergisst er nicht, er hat es irgendwie gemocht, und etwas daran macht ihm Angst. Denn er wird wegen ihnen, diesen Sätzen, nie mehr seine Freunde anschauen können, ohne durch sie hindurchzusehen. Vielleicht wird er gar nichts mehr wirklich ansehen können. Aber sein Körper fühlt sich besser an. Die Wolke leuchtet plötzlich auf, die Strahlen der Sonne, die noch hinter dem Hügel steckt, berühren sie vor den anderen. Der Junge spürt einen Stich in der Region seines Herzens, aber er verschwindet unverzüglich wieder. Draussen sieht er auf der Strasse keine Sekunde einen einzigen Menschen, aber ein Haufen in der Kälte stehenden Dinge, die aussehen, wie Dinge, die zu lange in der Kälte gestanden haben. Er schüttelt die Jacke aus, bevor er sie anzieht. Der Satz ist noch da.

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Der Donut

Der Song heisst Autopower.

«Sag mal», sagt er im Ton eines 80er-Jahre-Films, während er auf der Kühlerhaube des Polizeiautos sitzt und in den Donut beisst.
«Wie meinst du?», fragt der andere, der den Afro zurückkämmt und die grosse Fliegerbrille aufsetzt.
«Ist die Pause nicht schon vorbei?»
«Wie meinst du vorbei?», sagt er und lächelt.
Dann kurven die beiden mit stillem Blaulicht durch die Strassen, der Sand von Floridas Küste fegt ihnen durch die geöffneten Fenster in die so bemüht unbewegten Gesichter und sie blicken hinaus auf den mattgetönten Goldnachmittag, während ihre Kurven laute und stinkende Bremsstreifen in den Asphalt schrauben, und sie knisternde Meldungen aus dem Walkie Talkie plärren hören, sie blicken kalt, stolz und zufrieden, wie man nur blicken kann, wenn man Verbrecher in einer Welt jagt, in der man sie selbst dann dingfest machen kann, wenn man noch vom Chef rausgeworfen oder in eine Affäre mit einer der hübschen Cheerleaderinnen verstrickt werden sollte, aber es ist ein sehr rechtschaffener Blick.

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Mit den Schuhen klappern

Der Song ist ein Drum-Solo von Jaki Liebezeit.

Aufstehen und den Schrank verrücken, weil er immer gegen die Wand ruckelt, wenn man ihn öffnet. Zieh ihn weit genug, vermisse das Ruckeln, geh durch die Strassen wie durch eine Autowaschanlage, halte den Blick gesenkt und blinzle, als wärst du gerade aus einer kleinen Taucheinlage an die Oberfläche gestossen, wische mit dem Ärmel über die Stirn, einfach so, und klappere mit den Schuhen gegen die Tür der S-Bahn, klopfe die Finger an die Stange, schau jeden an, dass er weiss, wie es in deinem Inneren tobt, dein Herzschlag, nur weil du einmal dabei gewesen warst, ein einziges Mal in einem Keller um 1970 in Köln, und spreize die Hände als würdest du etwas Grosses auf ihnen tragen, Hauptsache, du hüpfst dabei und springst auf einen Betonpfeiler und hör nie auf, besonders nicht, wenn man es von dir erwartet, weil du nicht gerade dann müde bist, wenn du an den Drahtmaschen eines Zauns zupfst. Wenn du nach Hause kommst, den Schrank zurückstellen. Dann schwingen die Türen auf.

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…und dennoch, ist es immer noch ruhig in der Gegend?

Der Song heisst …Still, It Is Quiet Around Here.

Wir hatten alles, das Garagendach gleich vor dem Fenster im zweiten Stock, man brauchte es nur zu öffnen und mit vorsichtigen Tritten auf die Dachziegel langsam zum Giebelkamm hochzusteigen. Dort war man das Leuchten einer Zigarre, die sich langsam rauchte, man war vielleicht jemand, der dort im Schneidersitz sass, mit dem Blick in das Hinterland einer Schweizer Bauerngegend. Man sah weit: Von dort her zündeten in einer langen Reihe angeordnete Strassenlaternen aus dem Tau, der sich nachts durch die kleinen Hügeltäler schob, um sich gegen Morgen auf die Felder zu legen. Am Friedhof fuhr selten ein Motorrad vorbei, ein junger Mann, der noch bei seiner Freundin gewesen war: Und er flackerte zwischen den Schatten auf, die die Strassenlaternen auf den Asphalt warfen. Der Zug quietschte durch die Fugen, auch spät in der Nacht sah man ihn, wie ein langsames, schnaufendes Tier, das dem Menschen aus dem Weg gehen mochte.
Wir hatten Instrumente, die wir auf das Dach mitnahmen, wir lockten uns auf die Strasse, indem wir Kieselsteine gegen die Fenster warfen, um die Eltern nicht zu wecken. Wir trugen Kopfhörer, wohin wir auch gingen, und leihten uns gegenseitig Speicherstände für die Playstation aus: Immer glaubten wir, dass es wenige von uns gab. Im Gegensatz zu den Hauskatzen, die ebenfalls über die Dächer streunten und deren Herrschaftsgebiete sich überschnitten, konnten wir ziemlich gut aneinander vorbeileben. Es war kein Stadtleben und dafür waren wir ganz dankbar, wir hatten meistens kein Geld für Vinyl, an manchen Nächten war es vollkommen windstill, auch Pools plätscherten, Sex, Liebe hatten wir praktisch keine.
Durch diese Gegend konnte man gehen, Strasse für Strasse ablaufen und plötzlich hörte man Schritte hinter sich und später vor oder neben sich: Wir waren immer bei uns. Der Himmel stand uns offen. Wir verstanden uns ohne zu reden, aber wir redeten auch. Und eigentlich verband uns vieles, wir hatten alles. Es war nur nicht ganz so geheuer.

Wir hörten bis spät in der Nacht solche Musik, auch alleine in den dunklen Zimmer, wenn wir so betrunken waren, dass wir uns kaum mehr bewegen konnten. Und dann hörten wir das Lied, so leicht es beginnt und schwierig es endet: Und wir hörten den knarzenden Stuhl zwischen Sekunde 13 und 14. Den knarzenden Stuhl oder die knarzende Diele eines Menschen, dessen Gewichtsverlagerung in einem Tonstudio in Tokio den Supervisors entgangen war, alles viele tausend Kilometer entfernt. — Das hören wir im Zimmer und draussen fahren die Traktoren los. Es ist das Einzige, was man hört, denn die Müllmänner hieven ohne zu seufzen.

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Der Beter

Der Song heisst Sit in the Middle of Three Galloping Dogs.

Selbst wer die Stadt kennt, kennt nicht jeden Ort. Wenn man von der Brücke hinunterschaut, sieht man, wo der Beter zwischen Hochhaus und einem Fahrradweg, der am Fluss entlangführt, sitzt. Wenige Menschen sind so arm, dass sie in den heruntergekommenen Hochhäusern wohnen, die nur über die Brücke erreichbar sind. Der Student, der noch hoch hinauswill, wohnt gerade dort, in einer Dachwohnung. Über sich hört er, wie die Fernzüg rattern, während er sein Fahrrad weiterschiebt. Es ist weit nach Mitternacht und die Lampe kaputt. Wenn er jetzt zu der Stelle hinunterschaut, sieht er ihn wieder, den Beter. Er sitzt im Schneidersitz da und wirft Dokumente vor sich hin. Während er sich nachdenklich über die Glatze fährt, betrachtet er die vor ihm liegenden Papiere, die im Licht der Strassenlampe gerade noch lesbar sind. Manchmal verschiebt er ein paar Papiere. Meistens sieht er sie nur an.
Drei Hunde galoppieren um ihn herum. Sie haben lange Beine, die sie sich in die Flanken schlagen, die Zungen klatschen ihnen um die Münder und sie scheinen sich in konzentrischen Kreisen gegeneinander zu bewegen. Der Student, der schon über seine Pläne nachdenkt, wenn er zurück in seiner winzigen Wohnung angelangt sein wird, weiss nicht, wie er auf «Beter» gekommen ist. Aber den Hunden misst er keine besondere Bedeutung bei.

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Die Wut, kein Freund zu sein

Der Song heisst Focker.

Er schlenkert seine Gummiarme, die wie Tentakel an die Wände der Häuser klatschen. Beim Klatschen kommen Papageien unter der Handfläche hervor, die ihre farbigen Federn verlieren. Er lacht, sein auf den Schultern drehender Kopf quietscht und singt, bis ihm das Feuerwerk aus dem Mund schiesst. Er verfolgt dich mit seinen farbigen Rauchwolken, den aufblitzenden Funken, die aus seinen Ohren sprühen: Er trägt ein oranges Shirt, immer das gleiche orange Shirt, und du musst dich hinter den Mäuerchen verstecken, damit er dich nicht findet.
Dabei hat es etwas Tragisches. Er will dein Freund sein. Er ruft, er wolle doch nur dein Freund sein. Dein «Freu- heu-heu-heund, oh ja!» Er versteht es nicht. What have I said, give me a clue, what have I done to you? Und dabei rennt er an den Häuserfassaden hoch, macht den Kopfsprung durch die Basketballkörbe, hebt die Container hoch, bietet allen, an denen er vorbeikommt, Samosas und Chiliwraps an, die Augen kollern, es stinkt nach Diesel und er möchte, möchte doch nur dein Freund sein.

Dann wird er langsamer, bleibt stehen. Es lässt den Kopf sinken, als wäre er müde. Ist er tot? Oder geht er nur nach Hause?

Regungslos — bis er aufspringt, in die Lüfte hüpft, den Helikopterrotor aus der Schädeldecke fährt, dich hinter jedem Mäurchen wittert und noch immer freundlich lächelt und etwas irr, diesmal breiter als sonst. Das ganze Dorf feiert und tanzt besinnungslos.
Doch es gibt einen Moment in diesem Zustand der letzten Ekstase, ein kleines Loch, ein Zittern, wo die Rotorenblätter zurückschnellen statt weiterzudrehen, nur ein kleines Flackern in Sekunde 2:56 — nur das verrät seine Wut.

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Versuch über die Glocken

Being held_google search

Der Song heisst Being Held.

Er besteht aus etwa 8 Tönen. Drei davon machen den grössten Teil des Liedes aus und schwingen regelmässig von Anfang bis Ende. Sie sind das Herzstück. Sie sind nicht gerade schrill, aber auch nicht dunkel wie ein Gong. Es sind Glocken. Dazu gesellen sich im Laufe des Lieds ein summender Bass und kurze Einwürfe eines insektenartig hohen Klangs. Mit Ausnahme der Glocken, die am ehesten von Schiffsglocken eines Frachters auf See stammen, lässt sich keines der Geräusche einem Instrument zuordnen. Erst das Schlagzeug. Es setzt fast unhörbar bei Minute 1:30 ein und flüstert, als dürfte es die Glocke nicht hören. Es begleitet sie und wird Takt für Takt klarer, bis es die Glocken, die sich bis zu diesem Zeitpunkt fast ins Gehör geschrammelt haben, ins Trommelfell tättowiert. Erst bei 2:38 übernimmt das Schlagzeug ganz und dominiert die Melodie. Das Tempo zieht an, als würde es auf einen Höhepunkt oder eine Auflösung zugehen. Glocken, Schlagzeug, Bass. 8 Töne. Das ganze Lied. — Und natürlich gibt es keinen Höhepunkt.

Being Held klingt wie ein Prädikat, ist aber eine Eigenschaft. Statischer geht es nicht: Die Aktion geht von etwas anderem aus: jemand oder etwas hält. Dazu kommt, dass man selbst noch festgehalten, also unbeweglich ist. Zur Bewegungslosigkeit gehört auch die Bewegungslosigkeit der Glocken, die unablässig und ohne Pause durch das Lied klingen. Being Held heisst nicht I am being held oder You oder We are being held, und es sagt nichts darüber aus, ob man umarmt wird — zärtlich, schützend, liebend oder freundlich — oder ob man festgehalten wird — aggressiv, gewalttätig, unabwendbar.

In der Dunkelheit höre ich das Lied, wenn ich nach Hause laufe. Die Welt kommt mir dann vielleicht eng vor. Ich fühle mich wirklich beklemmt, ich kann das Lied nur einmal am Tag hören und ich kriege Atembeschwerden in der Hälfte. Es ist ein bisschen zu laut, die Glocken lassen fünfeinhalb Minuten keinen Freiraum in den mittleren Frequenzen. Es ist unheimlich, aber nicht gruselig. Es ist, wie es sich für Postrock gehört, stimmungsvoll, aber es lässt seltsamerweise keine Welten entstehen. — Am frühen Morgen höre ich es, wenn es mir sehr schlecht geht. Es geht mir dann besser. Vielleicht so, als würde mich jemand festhalten, ohne dass ich wüsste, wer.

Das, was ich für eine der besten Kompositionen halte, die die Musikgeschichte hervorgebracht hat, ist vielleicht gar keine Musik.
Die Glocken bringen in ihre hermetische Welt ein bisschen Realität, allerdings wie durch den Vorhang eines Wasserfalls  hindurch. Die Schiffsglocke ist verzerrt. Man müsste sich den rostenden Frachter vorstellen, die Matrosen, die auf diesem öden Ozean leben. Gezeichnete, die die andauernde Nichtstille ertragen, und aus lauter Gewöhnung ein Klingeln in den Ohren hören, wenn sie einmal an Land gehen, wo sie es nur ein paar Tage aushalten.

Aber nein, muss man nicht! Muss man sich nicht vorstellen. Man kann es fast nicht. Man möchte wohl. Möchte ein wenig herumdenken. Aber mehr als daran zu denken, dass man das möchte, kann man nicht. Hier scheint man von Pawlow dressiert. Die Glocken halten den Gedanken auf der Stelle fest.

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