Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: dialog

Platon

Der Athener. Und diese Glückseligkeit, wie könnte sie sich besser beschreiben lassen als in der Glückseligkeit der Familie, der zwei Gestalten sich zugehörig fühlen und machen, von denen die eine eine Frau und die andere ein Mann ist? Welches grössere Heil gäbe es, als wenn diese beiden jung wären und überdies froh, noch ohne dass der Mann die Form und die Frau die Materie zu etwas hätten geben können, das ihr Kind werden sollte?
Kleinias. Keines.
Der Athener. Aber steigerte sich nicht in dem Masse, wie das Heil sich in der geraden Bewegung durch das Glück junger Menschen vervielfältigt nicht auch das Unheil?
Kleinias. Hilf mir, das zu verstehen.
Der Athener. Das grosse Heil und die Glückseligkeit im Moment ist, solange es währt, gross, doch solange es währt, droht es auch nicht mehr zu sein, daher ist das Unheil ebenso gross wie das Heil gross ist. Nimmt nicht die Angst vor dem Verlust bei allen Menschen zu, sobald ihnen der Besitz wächst, und schwindet sie ihnen nicht gar, wenn sie bettelnd und unbekümmert unter den Platanen liegen?
Kleinias. Wie könnte sie nicht?
Der Athener. Solange keine Unterbrechung hereinbricht, von der ein Klopfen an der Tür ausgenommen wäre, ist die Glückseligkeit unbeschränkt.
Kleinias. Wie steht es jedoch, wenn das Klopfen an der Tür eintrifft, von dem du sprichst?
Der Athener. Nun, Kleinias, ist es nur wahrscheinlich und nicht sogar notwendig, dass einer, wenn es bei ihm an der Türe klopft und er sich dem Glückseligen hinzuwendet, doch sie öffnen ginge?
Kleinias. Es ist notwendig, meine ich.
Der Athener. Doch was hat er entgegenzuhalten, wenn der Urheber des Klopfens eindringen will. Trifft es zu, dass der, der öffnet, weiss, dass er nichts weiss?
Kleinias. Wie auch nicht, wenn er tatsächlich so klug und glückhaft ist, wie du schilderst.
Der Athener. Wie aber soll er so wissen, wie er sich zu wehren hätte, gegen jemanden, der in den Kreis des Hauses eindringt und sich seine Glückseligkeit zu eigen macht. Denn es ist jeder Teil des Nichtgrämlichen und des Grämlichen, die zu beiden Teilen in uns bewahrt sind, von einer solchen Beschaffenheit, dass sich die Kräfte der Galle weigert, die Glückseligkeit mit Gewalt aufrecht zu erhalten. Das ist ganz unmöglich.
Kleinias. Wieso?
Der Athener. Mit Gewalt in die Glückseligkeit einzugreifen, muss doch unweigerlich dazu führen, dass die Glückseligkeit zusammenfällt. Schaue dir die Menschen an, die sich mit Düften der Orakel in Zustände der Ekstase versetzen und wie es ihnen, sobald sie dem Dunstkreis enthoben sind, wieder grämlich werden. Muss es nicht einem so ergehen, dem seine Frau, die seine Kinder gebären könnte, genommen wird?
Kleinias. Ja, allerdings.
Der Athener. Wenn es so ist, dass diese Frau nicht in ein anderes Land, sondern in den Himmel gezogen wird, so schmälert dies die Gram etwa?
Kleinias. Wie könnte es?


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Sokrates, Phagos

Sokrates. Du scheinst müde und hungrig zu sein, mein lieber Phagos.
Phagos. Das ist wahr, Sokrates, meine Reise war lang. Erst heute Morgen habe ich Athens Stätte betreten.
Sokrates. Ist es nicht so, mein Freund, dass der Hunger mit der Müdigkeit die grösste Gemeinsamkeit aufweist?
Phagos. Erkläre mir das.
Sokrates. Hunger ist doch wohl ein grässliches Gefühl?
Phagos. Das grässlichste.
Sokrates. So sehr der Hunger grässlich, so erfreulich wird das Essen, das nichts anderes als das Stillen des Hungers ist.
Phagos. Sehr richtig.
Sokrates. Und da der Hunger mit der Zeit zunimmt, so folgt daraus, dass es dem grossen Glück förderlich wäre, lange nichts zu essen, bis der Hunger gross genug ist.
Phagos. Jawohl.
Sokrates. Und da dasselbe vom Schlaf zu sagen ist — so ist es der schnellste Weg zum Glück, weder zu essen noch zu schlafen?
Phagos. Mhm.
Sokrates. Bist du nicht auch schon in der Nacht aufgewacht? Und war dir dadurch nicht die Nacht und der Schlaf viel klarer ins Bewusstsein getreten, als wenn du durchgeschlafen hättest?
Sokrates. Ist es nicht so, dass das Essen sich durch das Ausmass der Hungerns verbessert, das Schlafen durch die Unruhe, die wach hält?
Sokrates. Und da dem so ist, müsste es doch das Beste sein, statt eine Nacht lang zu schlafen, oder eine Mahlzeit zu essen, nur viele, kurze Nickerchen zu machen und kleine Bissen zu verzehren?
Sokrates. Wirst du also nicht zugeben, dass es der Glückseligkeit am ehesten zureichte, das Essen in seine kleinsten Teile zu spalten und den Schlaf in seine kürzesten Phasen zu trennen, so dass man im Stehen und Liegen, in der Schlacht und auf dem Marktplatz immerzu ein wenig schläft und ein wenig isst, ohne sich jedoch in grossen Portionen satt zu knabbern, noch wach zu schlafen?
Sokrates. Würdest du, Phagos, daher nicht behaupten, dass das kleine Mass in jedem Fall die Müdigkeit und den Hunger bei Stange hält und somit für das Essen und den Schlaf am zuträglichsten sind?
Sokrates. Phagos?
Sokrates. Phagos?!
Sokrates. Es wäre zumindest höflich, nicht so viele Pinienkerne auf einmal in den Mund zu nehmen, damit du mir noch Antwort geben könntest.
Phagos. Verzeih, werter Sokrates, der Hunger…!

Albtraum

Selbst als der Zombie mit Kniebeugen fortfuhr, wollte ich der Sache noch nicht trauen.
»Sie behaupten also, Sie können alle Dinge aus den Träumen zum Leben erwecken?«
»Wie gesagt, nicht ganz. Nur die albtraumhaften. Zombies, Spinnen, Mörder. Es ist doch schon ein grosser Fortschritt, wenngleich die Reproduktion nicht ganz ungefährlich wirkt. Dennoch, das Arsenal an möglichen Reproduktionen ist schier unerschöpflich. Vergleichen Sie es mit positiven Träumen, da finden Sie nur Feen und Ritter und solche Sachen.«
»Und den haben Sie aus Ihren eigenen Träumen exzerpiert?«
»Ja. Sicherheitshalber. Bei mir wusste ich wenigstens, was auf mich zukommen würde.«
Der Zombie hielt plötzlich inne, dann drehte er seinen gehäuteten Schädel zu uns. Seine Faust schlug gegen das Panzerglas. Als hätte ihm das vorübergehend Befriedigung verschafft, liess er ab und ergriff eine Neonlampe, an der er sich in Klimmzügen übte.
»Und weshalb diese Trainings?«
»Sportunterricht Neufeld, von 74 bis 79 dreimal die Woche. Altes Trauma.«
»Achso«, antwortete ich und sah zu, wie der Zombie seine zerfletschten Beine zum Spagat spannte.