Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Tag: georg klein

Georg Klein

Erst jetzt, als er mit einem ärgerlichen Schnauben auf die alte Bank gesunken ist, spürt Peter in seiner linken, seit langem dem gerade nicht Verstaubarem anheimgegebenen Hosentasche das Pieksen. Unmöglich, so weiss ich jetzt, und das bräuchte mein säuselnder Spitzmund keinem sagen, der sich bereits auf die eine oder andere Weise mit stechenden Hosentaschen abzuquälen hatte, unmöglich handelt es sich dabei um eine gewöhnliche Quittung oder das Knautschpapier eines Kaugummis. Peter lüpft den Schenkel einige Zentimeter. Es verschiebt sich im Textilinneren und entlastet die Druckstelle auf Kosten einer weit empfindlicheren. Endlich, zögerlich und schuldbewusst, als würde er einem anderen die Überraschung verderben können, langt er hinein und ich schiele ihm über die Schultern, bis mein Schnäuzchen seinen Hals kitzelt. Es muss diesmal besonders quälend sein, dass es ein Niedersinken abverlangt. Aber noch ist er nicht so weit! Das Hervorzubringende ruht zwischen den Fingerbeeren, sie ertasten ein Kantiges, Dünnes. Zweimal rutscht es ihm aus dem Griff und die Finger zappeln ohne Beute ans Tageslicht. Erst ein Hinaufschieben von der Aussenseite, ein Hochdrücken des Jeansstoffs und das schliessliche Herauszwicken mit Zeigefinger und Daumen bringen den Eindringling hervor. Eibein Stibift! In der ausgepolsterten Kindersprache ruft Anja, mit adlerscharfen Augen von weitem das zum Vorschein Kommende erkennend, den Sommer voll. Peter hält ihr den Kugelschreiber verwundert entgegen, das linke Lid gepresst, so dass aus ihrem Gesicht ein grosser Metallzahn zu wachsen scheint.
Ich lächle einfach mit. Ich lächle wie der Unbekannte über uns, der den Sommergeruch der Wiesen auf sich trägt. So kommt’s manchmal plötzlich. Der Kugelschreiber ist kein gewöhnlicher, denn er, wer sonst, hat das Raumschiff gerufen. Anjas Haare wehen, Peters Hand lässt den nach oben gerichteten Stift nicht los, als es brummt und tuckert über ihnen. Es ist ankündigungslos still geworden in der Landschaft, bis auf das Maschinendröhnen. Mein Schnäuzchen weht im Druck der Düsen, warum nicht, es ist ein starker Wind. So stark, dass ein Kastanienblatt schnell von einem dünnen Ast des Parks geweht, durch die Luft gewirbelt wird und an verschiedenen Orten landet. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Peter Derartiges am eigenen Leibe erfahren muss, aber es ist das erste Mal, dass es ihn soviel kostet. Gerade bereit, seinen Fund wieder einzustecken, bevor ihn die Ablenkung von oben unachtsam werden lässt, steuert die Flugkurve des Blatts auf das rechte Auge zu. Aus heiterem Himmel!
Anja hat mit ihren dünnen Händen schon Flinkeres angestellt und verknäueltere Knoten gelöst, und doch ist beachtlich, wie behände sie dem Blindgewordenen seinen Fund aus den Fingern rupft und wie eiswürfelkalt sie dem Raumschiff den Rücken zugewandt hält, wie stolz sie noch ist, den Kugelschreiber ihrer Jugendtage wiederzufinden, selbst als dafür und für die Freude darüber nicht mehr viel Zeit ist. Die Tintenfarbe eines anderen hat ihr selbst für ein messerdünnes Krakeln nie ausgereicht und das Tagebuch lag seinen Rücken, bäuchlings an der Stelle, an der sie zuletzt mit dem bereits fast leergemelkten Stift noch einige Worte eingekerbt hatte, zehn Jahre oder mehr wund. Hier, als sie schon im Himmel davonzuckelte, lächelt sie. Sie triumphiert, mit dem Stift ausgestreckt und dem hochklappenden Rock. Das aufgebrachte Antlitz von Peter erhält nun eine sehr lange, kantigdünne, metallische Nase, die anschwillt wie gestossen. Winken kann sie noch genug, aber sie tut es nicht, sondern hebt die Hand mit ausgestreckter Handfläche zu einem alten, noch nicht verwundenem Gruss, der wie eine Schwanzsteuer die Richtung in den Platinbauch des Fluggeräts lenkt. Peters Hose, die traurig von seinen Hüften hängt, ist schon viel bequemer. Ich lächle einfach mit.


kleine schule des stils logo

Kleines Frühlingsupdate

1. Denkbilder, das Germanistik-Magazin der Uni Zürich, veröffentlichte letzten Donnerstag einen Text von mir. Gewissenhaften Blog-Lesern dürfte „Ein Irrer im Dunkeln“ bekannt vorkommen. In ihm war der „Zwang“ (so das Thema des Hefts) schon immer angelegt. Manche kluge Geschmäcker mögen diesen besser als den Delirium-Text. Mir geht es nicht so. Aber ich habe in vielen Geschmacksangelegenheiten — und ich bin einer der Wenigen, die das ernst meinen — auch wirklich keine Ahnung.

2. Ich freue mich, dass ich mit der Kurzgeschichte „Widerstand“ in die Endauswahl (die ersten 10) des Literaturpreises Prenzlauer Berg gewählt wurde. Nun gibt es eine Kampflesung am 18. Mai, von der ich mir noch nicht sicher bin, ob ich sie in Berlin abhalten kann. Nur die ersten Drei gewinnen (500€, 250€, 250€) und es ist eine kostspielige Angelegenheit. (Falls jemand so verrückt wäre, mich finanziell unterstützen zu wollen, darf er oder sie mich gerne kontaktieren). Es freut mich aber, bereits so weit in diesem renommierten Wettbewerb gekommen zu sein.

3. Nun wird auch noch das Lasso-Magazin einen, den Blog-Lesern ebenfalls flüchtig bekannten, aber stark überarbeiteten Text abdrucken: „Eine effiziente Stadt“. Nettes Heft-Thema: „Schöne, neue Welt“. (Von einer Kurzgeschichte im nächsten NaRr habe ich ja kürzlich schon berichtet.)

4. Zwei Texte von mir sind im aktuellen Delirium N°2 vor wenigen Tagen erschienen. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte und einen Essay. Die Ausrichtung von Delirium verdient besondere Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu anderen Literaturzeitschriften möchte es eine Plattform schaffen, in der Literatur verhandelt wird. Das heisst: Hier wird nicht für sich geschrieben oder für den erhofften Erfolg in der Sphäre gestandener Schriftsteller, sondern die Texte beziehen sich aufeinander, spielen mit sich, erschaffen ein Forum. Deshalb wird jede Kurzgeschichte von einer Kritik begleitet. Meine Kurzgeschichte „Drei Geometrieaufgaben“ entzündet sich an einem Text der ersten Ausgabe, steht aber durchaus für sich allein: In drei formal unterschiedlichen, inhaltlich aber überschneidenden Teilen geht es um die Themen „Helix“, „Tesserakt“ und „Symmetrie“. Der Kritiktext lässt mich erglühen vor Stolz: „Verkorkst“ sei meine Geschichte, ein „surreales Labyrinth“, „spielerisch“, eine „Übersetzung“ und ihr Hauptmotiv sei — es hat mich selbst überrascht, aber sofort überzeugt — das „Mittagessen“.
Ausserdem gibt es den Essay zum Thema „Literatur: Ausdruck oder Programm?“ im zweiten Heftteil, wo theoretische Themen diskutiert werden. In „Verbuggte Literatur“ erkläre ich, dass der Ausdruck nicht aus dem Inneren des Autors kommt, „sondern aus der Systemlogik eines Programms, dessen Tiefenstruktur bis zur Unerreichbarkeit vergraben ist.“ Ausdruck ohne jemanden, der sich ausdrückt? Wer wirklich wissen will, wie ich über Literatur denke, sollte sich diesen kurzen Essay anschauen.

Link.

5. Ich bin in der Endauswahl (die ersten 8) des entwürfe-Literaturwettbewerbs, im Rahmen dessen der Text „Das Shoppingcenter“ auch Eingang in die Mai-Ausgabe von entwürfe findet. Dieser Text ist über Monate hinweg entstanden und ist für mich noch wichtiger als „Drei Geometrieaufgaben“. Ich habe lange gerungen, bis ich zufrieden war, also verdient er meine wärmste Empfehlung.

6. Die Webseite von Georg Klein — ziemlich berühmter, vor allem aber unglaublich sprachbegabter Schriftsteller — hat mein Ein-Satz-Review zu „Die Zukunft des Mars“, seinem neuen Roman, publiziert. Der Untertitel übersetzt rührend: „Cédric Weidmann, Rezension in einem Satz“. (Herzlich Dank an Dunja für den Hinweis.)

7. Die Webseite des Rotpunktverlags hat in einer Stellungnahme zum Saladin-Buch meine Rezension verlinkt. Die Affäre hat sich durch den fast zeitgleich mit meiner Empfehlung erschienenen Blick-Artikel zugespitzt. Eine wachsende Liste von Unterstützenden mit Lehrern, Schülern, namhaften Professoren, Schriftstellern und allen möglichen anderen Berufen (alles und in geraumer Zahl auch in weiblich!) formiert sich als Widerstand gegen die Zensur und den tendenziösen Diskurs der Medien. Ich stehe mit Überzeugung auf dieser Liste. Für alle, die etwas Gutes tun oder sich gegen diese Formen der Unterdrückung wehren wollen: Schreibt einen Kommentar unter diesen Post und ich werde euch einen Platz auf der Unterstützerliste vermitteln.

Die Zukunft des Mars (Ein-Satz-Review)

Die Zukunft des MarsDie Zukunft des Mars by Georg Klein
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte — quasireligiös im Erklärungsmangel und sprachlich in sperrigem Ton gezimmert — ein Rückfall zu einer Primitivität der postapokalyptischen Erzählung, die das Wilde, zu dem sich die vormalig russische Kolonie und heute völlig verwahrloste Marsbevölkerung hingezogen fühlt, naiv zelebriert, und es fällt erst im Laufe der Lektüre das Zeitgemässe und Versponnene daran auf, das in der Überspitzung der Kommunikation zu finden ist: Lange nach dem Zusammenbruch des Internets auf der Erde ist der Versuch einer Aufrechterhaltung von Ferngesprächen mit dem Don-Phon ebenso schwierig wie die Sprachvielfalt, die in dieser Post-Globalisierung aufkommt, dennoch ist dieses ‚kommunikative Nicht-Handeln‘ durchbrochen vom Dialogischen Terrorismus und von Bruderbanden, die durch das ganze Buch als genealogische Anker verstreut sind und einen religiösen Anspruch vorzubringen scheinen („Dialogische Brüder“ der Terroristen; verblüffend ähnliche Zwillinge der beiden Opa Sprithoffer; Zwillinge auf dem Mars, die nur für einander verständliches Brabbeln von sich geben; sowie die politischen „Brüder“: Der weisse Khan, Der Alte Ogo und Don Dorokin), und es zeigt sich ein Zukunftsentwurf, in dem der Kommunikationsteilnehmer in der Kommunikation völlig aufgegangen und überflüssig geworden ist — wie Freund Mockmock, der aus dem Innern des Mars hervorbrechende Lebensspender, der ein Kollektiv von einzelnen kleinen Kugeln mit Beinchen ist, vaporisiert die Menschheit in ihrem Verschwistern in einem grossen, überindividuellen, erlöserbildartigen, leblosen Ganzen.

View all my reviews