Georg Klein

von Cedric Weidmann

Erst jetzt, als er mit einem ärgerlichen Schnauben auf die alte Bank gesunken ist, spürt Peter in seiner linken, seit langem dem gerade nicht Verstaubarem anheimgegebenen Hosentasche das Pieksen. Unmöglich, so weiss ich jetzt, und das bräuchte mein säuselnder Spitzmund keinem sagen, der sich bereits auf die eine oder andere Weise mit stechenden Hosentaschen abzuquälen hatte, unmöglich handelt es sich dabei um eine gewöhnliche Quittung oder das Knautschpapier eines Kaugummis. Peter lüpft den Schenkel einige Zentimeter. Es verschiebt sich im Textilinneren und entlastet die Druckstelle auf Kosten einer weit empfindlicheren. Endlich, zögerlich und schuldbewusst, als würde er einem anderen die Überraschung verderben können, langt er hinein und ich schiele ihm über die Schultern, bis mein Schnäuzchen seinen Hals kitzelt. Es muss diesmal besonders quälend sein, dass es ein Niedersinken abverlangt. Aber noch ist er nicht so weit! Das Hervorzubringende ruht zwischen den Fingerbeeren, sie ertasten ein Kantiges, Dünnes. Zweimal rutscht es ihm aus dem Griff und die Finger zappeln ohne Beute ans Tageslicht. Erst ein Hinaufschieben von der Aussenseite, ein Hochdrücken des Jeansstoffs und das schliessliche Herauszwicken mit Zeigefinger und Daumen bringen den Eindringling hervor. Eibein Stibift! In der ausgepolsterten Kindersprache ruft Anja, mit adlerscharfen Augen von weitem das zum Vorschein Kommende erkennend, den Sommer voll. Peter hält ihr den Kugelschreiber verwundert entgegen, das linke Lid gepresst, so dass aus ihrem Gesicht ein grosser Metallzahn zu wachsen scheint.
Ich lächle einfach mit. Ich lächle wie der Unbekannte über uns, der den Sommergeruch der Wiesen auf sich trägt. So kommt’s manchmal plötzlich. Der Kugelschreiber ist kein gewöhnlicher, denn er, wer sonst, hat das Raumschiff gerufen. Anjas Haare wehen, Peters Hand lässt den nach oben gerichteten Stift nicht los, als es brummt und tuckert über ihnen. Es ist ankündigungslos still geworden in der Landschaft, bis auf das Maschinendröhnen. Mein Schnäuzchen weht im Druck der Düsen, warum nicht, es ist ein starker Wind. So stark, dass ein Kastanienblatt schnell von einem dünnen Ast des Parks geweht, durch die Luft gewirbelt wird und an verschiedenen Orten landet. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Peter Derartiges am eigenen Leibe erfahren muss, aber es ist das erste Mal, dass es ihn soviel kostet. Gerade bereit, seinen Fund wieder einzustecken, bevor ihn die Ablenkung von oben unachtsam werden lässt, steuert die Flugkurve des Blatts auf das rechte Auge zu. Aus heiterem Himmel!
Anja hat mit ihren dünnen Händen schon Flinkeres angestellt und verknäueltere Knoten gelöst, und doch ist beachtlich, wie behände sie dem Blindgewordenen seinen Fund aus den Fingern rupft und wie eiswürfelkalt sie dem Raumschiff den Rücken zugewandt hält, wie stolz sie noch ist, den Kugelschreiber ihrer Jugendtage wiederzufinden, selbst als dafür und für die Freude darüber nicht mehr viel Zeit ist. Die Tintenfarbe eines anderen hat ihr selbst für ein messerdünnes Krakeln nie ausgereicht und das Tagebuch lag seinen Rücken, bäuchlings an der Stelle, an der sie zuletzt mit dem bereits fast leergemelkten Stift noch einige Worte eingekerbt hatte, zehn Jahre oder mehr wund. Hier, als sie schon im Himmel davonzuckelte, lächelt sie. Sie triumphiert, mit dem Stift ausgestreckt und dem hochklappenden Rock. Das aufgebrachte Antlitz von Peter erhält nun eine sehr lange, kantigdünne, metallische Nase, die anschwillt wie gestossen. Winken kann sie noch genug, aber sie tut es nicht, sondern hebt die Hand mit ausgestreckter Handfläche zu einem alten, noch nicht verwundenem Gruss, der wie eine Schwanzsteuer die Richtung in den Platinbauch des Fluggeräts lenkt. Peters Hose, die traurig von seinen Hüften hängt, ist schon viel bequemer. Ich lächle einfach mit.


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