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Tag: postmoderne

Das Dritte Reich (Ein-Satz-Review)

Das Dritte ReichDas Dritte Reich by Roberto Bolaño
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Im Kern eine Spielerei mit dem Vorwurf von Faschismus, den der Leser dem Deutschen Udo Berger, Weltmeister im Brettspiel „Das Dritte Reich“ und junger Bildungsbürger im Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg, gerne machen würde und doch nicht ganz kann — ausserhalb des Kerns ein Mantel von unheimlichen Begegnungen in einem verschachtelten Hotel, die so unverständlich wie bei Kafka, so voll unguter Ahnungen wie bei Clemens Setz sind und Udo in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen (warum nur sagt Hanna nicht, dass sie vergewaltigt wurde? Warum lügen alle darüber, wie böse die Welt ist?) — und in der zarten Hülle eine fiese Sprache, hochtrabend im Tagebuchstil, gleichzeitig lakonisch platt in Schilderungen und in manchen Kapiteln wie «Meine Lieblingsgeneräle» eine perfekte Gratwanderung zwischen Jux und Ernst, Antifaschismus und Anti-Antifaschismus, in einem schwebenden Zustand politischer und moralischer Gleichgültigkeit aufgelöst.

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Endlich: Auch unauthentische Bücher

Ruft man sich meinen Artikel zu den postmodernen Doktorarbeiten der Medizinhistoriker in Erinnerung, hat man das Gefühl, die Literaturwissenschaftler hinkten einem längst begrabenen Ideal des „Originals“ hinterher.

Das tun sie tatsächlich. Allerdings dürfte sich das bald ändern. Die Literatur-Verlage wollen gegen Piraterie mit einem erstaunlichen Konzept vorgehen: Sie werden alle Ebooks mit individuellem Wasserzeichen versehen. Dieses Wasserzeichen besteht nicht aus einem versteckten Code oder sichtbaren Zeichen, sondern ändert den Originaltext automatisiert um, wie das Fraunhofer Institut in folgenden Beispielen (via Nerdcore) vorschlägt:

Das Original wäre also verschwunden, stattdessen hat jeder das eigene Buch. Ob das wirklich ein gutes Vorgehen gegen Raubkopie ist? Oder eher eine Institutionalisierung davon? Kommt dabei nicht der Wert der Literatur abhanden, weshalb es gar keinen Grund mehr zur Piraterie gäbe?  Mir egal. Wir werden endlich wie die Medizinhistoriker sein. Wir wären bei der Zerstörung des angeblich hohen Werts angelangt, den die Literatur so unzweifelhaft haben soll. Ich klatsche in die Hände vor Freude.