Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: presse

Wochenrückblick

productivity13Juni15
Zwei Wirtschaftsprüfungen sind vorbei: Noch fühlt sich alles anders an, die Berührung, das Aufwachen, ein neuer Ort, ein neuer Wind und der Bart, als wäre ich aus dem Dschungel zurückgekehrt. Produktivität bei 40%.

Jung im All. Heute die Radioausbildung mit Jung im All abgeschlossen: Bald werden wir regelmässig Literatursendungen fürs Radio und als Podcasts machen dürfen. Man darf gespannt sein, was sich daraus machen lässt.

delirium. Letztes Wochenende waren ein paar Jungs unseres deliriums an einem Workshop für Indie-Magazine. Ausserdem sind wir bei Print Matters, einem Pop-Up-Store für unabhängige Heftchen mitten in Zürich, vertreten, der seit einer Woche geöffnet ist. Ausserdem war ein grossformatiger Bericht über delirium im Lichtensteiner Vaterland, im Landbote und im Zürcher Unterländer. Die Liste liest sich wie eine irre Auswahl an peripheren Regionalblättern, die mit der Zürcher Literaturszene nichts am Hut haben. Aber delirium ist auch nicht nur für Zürcher, geschweige denn Schweizer. Morgen ist Abgabetermin für literarische Eingaben.

Ach, und dann bin ich da jetzt noch bei Twitter, zum Lesen, kaum zum Schreiben. Aber Blog-News findet man dort auch.

Ausserdem ein paar Lesetipps.

Lesetipps

«Der Fortschritt als Langsamgeher» (FAZ) thematisiert aus Sicht der Schriftstellerin Tanja Dückers das Problem der Gender Gap im Literaturbetrieb. Der Titel des Artikels ist völlig abstrus, ich verstehe nicht ganz, wie man drauf gekommen ist, eigentlich ist er viel zu wenig anklagend, aber der Text ist lesenwert, weil er das Problem in einer Branche beleuchtet, die man sich von den herkömmlichen, ökonomisch dominierten Arbeitsmärkte unterschiedlich denken möchte: Sie funktioniert aber ganz ähnlich, wie er mit einigen klaren Fakten zeigt. Sexismus ist auch unter Schriftstellerinnen und Schriftstellern ein Problem.

«Die Krönung war und blieb eine Rezension in der „Berliner Zeitung“ von einem mir bis dato unbekannten Germanistikprofessor der Humboldt-Universität: „Mit diesem Buch hat Tanja Dückers einen schlechten Blowjob hingelegt.“»

Begründungen für die Probleme oder Überlegungen, was den Diskriminierungen vorhergeht, findet man erfrischenderweise nicht.

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Der Artikel spielt sich natürlich im Vordergrund der eher uninteressanten Debatte um Ronja von Rönne ab, die wegen ihrer ziemlich mittelmässigen, aber polemischen Texte ins Kreuzfeuer der (feministischen) Kritik geriet, aber einen Eklat verursachte, weil sie letzte Woche als Kandidatin für den Bachmann-Preis nominiert wurde. Das ist alles nicht sehr interessant, aber ich habe eben «ins Kreuzfeuer der Kritik» geschrieben. Eine der letzten ausgelatschten Phrasen, die ich bis zum heutigen Tag nie gebraucht habe. Dahin!

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Das Literaturhaus Berlin hatte keine bessere Idee, als eine Ausstellung mit Wolfgang Herrndorfs Bildern zu machen. Kann man machen. Keine schreckliche Idee, aber eben auch keine gute. Und es passierte, was mit nicht so guten Ideen meistens passiert: Es folgten gleich zwei haarsträubende Artikel.

«Die Kunst des Wolfgang Herrndorf» von Tillmann Prüfer im Zeit-Magazin glänzt mit raffinierter Kunstbetrachtung:

Und dennoch sind seine Bilder ein Kommentar zu unserer Zeit, zu unserer Flüchtigkeit und der Sucht, modern sein zu wollen. Herrndorf versuchte nie, zeitgemäß zu sein. Er hatte seine eigene Zeitrechnung. Er malte einen Birkenwald, wie ihn nur jemand malen kann, der sich Birken sehr lange angeschaut hat. Einen Birkenwald, der so realistisch dargestellt ist, dass er wirklicher ist als die Realität.

Man kann mir vorwerfen, man hätte nichts anderes zu erwarten, wenn sich ein Lead mit «Als Schriftsteller wurde er von seinem Publikum geliebt. Doch zunächst war er ein Maler. Wir zeigen unbekannte Bilder» anbiedert. Das ist dermassen plump, dass sich die Lektüre des Artikels schon lohnt. Wie ihn nur jemand malen kann, der sich Birken sehr lange angeschaut hat. Sand, wie es nur jemand schreiben kann, der sehr lange einen Tumor im Kopf hatte. Grossartig!

Weniger plump ist Oliver Maria Schmitts Bericht von seiner Zusammenarbeit mit Herrndorf als Zeichner der Titanic in der Zeit unter dem Titel «Was mich interessiert, kann ich nicht malen». Hier ist der Versuch der übertriebenen Glorifizierung eines Autors schon gelungener, indem er den Geniekult mal so richtig ungezügelt auslebt. Das Schmierige und Geschmäcklerische an der Sache lässt sich dann mit manchen ausgetretenen Formulierungen auch nicht mehr verstecken. Wo der andere Artikel an der Malerei scheitert, scheitert dieser an der Literatur:

Und so ist Sand, neben allem anderen, auch ein unendlich detailreiches, mehrfach in sich verschachteltes Bild – ein Vexierbild.

Vexierbild.
Was die Bilder selber angeht, von denen man einige im Zeitmagazin finden kann: darf man sich ansehen. Wenn ich einem Personenkult Vorschub leisten möchte (auch das darf man machen (man muss ja nicht gleich die Gesamtwerke im Novalis-Umschlag herausbringen)), so sähe ich zwischen der Literatur und der Malerei den Humor und die Bereitschaft, sich konventioneller und veralteter Techniken und Klischees zu bedienen, ohne, wie die Postmoderne es tat, nur zu zitieren, anzuspielen oder zu collagieren, sondern sie in vollem Ernst als Klischees zu verwenden. Sand ist dafür ein eindrückliches Beispiel und unter diesen Bildern ist dieses Beispiel der seltsame, niedergestreckte, langhalsige Eisbär auf der Scholle im Ozean einer deutschen Romantik.
Ich finde sie allerdings, wenn man das sagen darf, nicht so überwältigend und die Karikaturen eigentlich auch eher okay.

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«Dichterfreunde». Roman Bucheli wagt sich mit seinem Artikel in der NZZ auf #neuland. Er geht ins Internet und tastet dem nach, was alle Journalisten, seit sie sich von dem investigativen Scheiss und dem Reportagenstress befreit haben, längst tun: Er checkt Facebook- und Twitterprofile von Autoren und Autorinnen.
Für mich ein spannender Artikel: Hier wagt sich einer, der total keine Ahnung hat, Digital Immigrant wäre schon zu viel gesagt, auf ein Feld vor, wo auch die Spieler keine Ahnung haben: Es ist nicht nur traurig wenn Bucheli von seinen 23 Freunden erzählt, auf deren geringe Zahl er — so muss man vermuten — stolz ist, biedermeierstolz, mit einem richtigen Feuilletonisten-Stolz. (Und sich sogar in dieser Logik ins Abseits stellt mit der Klammerbemerkung: «(nur 23 Freunde, aber immerhin gegen 200 unbeantwortete Freundschaftsanfragen)» (So cool.)) Es ist vor allem traurig, wenn er ausgerechnet mit Verlegern und Autoren als Experten darüber spricht, die sich so schäbig ins Internetzeitalter einfügen. (Natürlich ist Clemens Setz eine Ausnahme. Auch Herrndorf war es.) Ich sage es rundheraus: Die Facebookseiten der Verlage sind die traurigsten, langweiligsten, kümmerlichsten Auftritte, die ich in meiner Facebook-Timeline habe, und ich habe Promotions für Salsaparties in den Aargauer Agglostädten in meiner Timeline.
«Der deutsche Literaturbetrieb auf Facebook» könnte der Titel eines den Untergang der westlichen Welt verkündenden Non-Fiction-Wälzers sein, den man in der Verschwörungsecke seiner Buchhandlung findet. Es wäre ein sehr trauriges Buch.

Denn mag es auch zutreffen, dass zwar manch einer Verse dichtet, aber kaum einer sie liest, so gilt für Facebook und zumal für die Sites der Dichter: So viele Leser hatte mancher noch nie in seinem Leben.

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Im amerikanischen Raum tobt ebenfalls eine Debatte um Diskriminerung. Angezettelt hat sie eine Kolumne auf Electric Literature, die Leserfragen zum literarischen Handwerk beantwortet. Ein weisser Mann fragte, ob es noch möglich sei, weiter aus seiner herrschaftlichen, patriarchalen Perspektive zu schreiben, aus der er, als weisser Mann, nicht herauskäme. Die Antwort auf «Should White Men Stop Writing?» erschien am 2. Juni:

When the VIDA counts come out and multiple publications are shown to publish far more men than women (with the numbers for POC writers looking even worse), editors make excuses about their submission pools – they get far more submissions and pitches from men than women. Then people inevitably respond by telling women to write more, submit more, and pitch more. I think this is exactly the wrong response: Instead we should tell men to submit less. Pitch less. Especially white men. You are already over-represented. Most literary magazines are drowning in submissions.»

Gefällt mir in der Provokation. Bin aber auch froh, dass die Angelegenheit hier in Europa nicht so verbissen verhandelt wird. Hier ist der «Fortschritt» ein «Langsamgeher», aber er geht wenigstens von selbst.

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Mit «Dichter, traut euch ins Zentrum» geht wenigstens wirklich was ab: Nora Bossong nervt sich über die Kritik des Leipziger Buchpreises an Jan Wagner. Der Preis ging überraschend an einen Lyriker — zum Ärger vieler Lyrikfans, die Jan Wagner für konventionell und langweilig halten. Bossong findet diesen Ärger heuchlerisch und argumentiert klug für eine grössere, ja auch, Kommerzialisierung der Lyrik.

Viele Bände werden schlicht überhaupt niemals gelesen, und so mutet es mitunter hilflos an, wenn mit großer Geste das Gesellschaftskritische einer Arbeit betont wird, die die Gesellschaft überhaupt nicht erreicht.

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Und eine handvoll englischer Übersetzungen Clemens Setz-Gedichten: «Why I’m Not A Great Lover».

Der Würstchen-Mann ist systemrelevant

Yunus Peterson, der immer die warmen Brötchen und die American Hot Dogs auf der Limmatbrücke verkauft und bei vielen als der ‘Würstchen-Mann’ bekannt ist, ist too small to fail. So lautet der Entscheid der letzten Kantonsratsssitzung, die unter Anrufung der Wirtschaftskommission darüber beraten hat. Der 46-jährige Yunus Peterson ist schon länger durch seine Unscheinbarkeit aufgefallen.
“Man übersieht ihn rasch”, bestätigt der Amtsvorsitzende der Kommission, Dietmar Schneebeli. “Er tut ganz normale Wienerli in sein Brötli.” Dennoch widmete man sich vier Stunden dem Würstchen-Mann und sprach von einer “schwierigen Situation”. Im letzten Quartal hatte Yunus dreihundert Hot Dogs weniger verkauft, was seine wirtschaftliche Lage zunehmend beengt. “Ich habe keine Ahnung, was passiert. Immer weniger wollen American Hot Dogs. Alle mehr Starbuck’s und so”, analysiert der betroffene Peterson. Dieser Quartalsbericht des Ein-Mann-Standes machte die Untersuchungskommission hellhörig. In einem Dossier stellt sie fest: Petersons Prekarität betrifft die kantonale Volkswirtschaft fundamental. “Yunus Peterson könnte man als das ‘schwächste Glied in der Kette’ bezeichnen, als derjenige, dessen Einflussbereich von allen Wertschöpfern derzeit am Geringsten ist.”
Das Problem daran: Wenn Peterson bankrott geht, leidet die Volkswirtschaft frappant. Wenn derjenige mit dem geringsten Einfluss wegfällt, fällt diese Rolle einem anderen Unternehmer zu. Der Schuhmacher von Roll aus Truttikon ist ein solcher Kandidat. Wenn dieser dem zunehmenden Druck nicht standhalt, was zu vermuten wäre — so Schneebeli –, könnte eine Kettenreaktion in Kraft treten, die die Wirtschaft von unten her “erodiert”. Ein weiterer Grund ist der externe Effekt. Bekanntlich liegt Petersons Geschäft auf einer der Hauptschlagadern des mittaglichen Geschäftverkehrs. Wenn sein Angebot wegfällt, droht die Aggression verschiedener Banker und hoher Beamter aufgrund von Hunger. Ausserdem hat sein Lächeln die Menschen unbewusst angeheitert, was für die Produktivität wertvoll sein konnte. Die Folgen, die das Zusammenbrechen von Yunus Petersons “Hot Dog und Brötli-Stand” auslösen würde, sind auf jeden Fall nicht abzuschätzen. Zumal mit grossen Kursstürzen gerechnet werden muss, wenn öffentlich wird, dass der Staat sich nicht um die Bevölkerung kümmert und auch den Schwächsten fallen lässt. Gerade dies ist, der Kommission zufolge, der wunde Punkte.
Deshalb wurde Yunus Peterson am Montagvormittag im Kantonsrat offiziell für “systemrelevant” erklärt. Das bedeutet auch, er muss die Einlagen seines Geschäfts erhöhen und stärkere Hygiene-Kontrollen über sich ergehen lassen. Fürs Erste aber ist er gerettet. Der unscheinbarste Unternehmer des Kantons bleibt, wie erwartet, bescheiden. Darauf angesprochen, dass der Kantonsrat ihn in den Diensten für die Bevölkerung als unverzichtbar ausgewiesen hat, erwidert er wenig überrascht: “Ja, essen muss das ganze Volk.”

Das Atomprogramm

»So kann ich Ihnen allen versichern…« Die Zunge vom Gaumen abzulösen ist schwer, wenn sie im trockenen Mund klebt. Deutlich sprechen. Ich muss mich stark nach vorne lehnen, weil die Mikrophone so weit weg aufgestellt sind und ich fürchte, dass man mich nicht verstehen kann. Es ist so stickig hier, denke ich, und die Kante des Tisches drückt in meinen Magen. Es kürzte mir den Atem. Was ist das? Schweiss auf der Stirn. Er darf nicht sichtbar sein, nicht in mein Gesicht gleiten, wo die Kameras seine Spiegelung erkennen lassen. Ich versuche ihn in einer Runzel abzufangen, in dem ich ein ernsteres Gesicht mache, und tatsächlich — ich spüre wie der Tropfen in die Rille perlt und von dort seitwärts zur Schläfe, unter meine krausen Haare und schliesslich in den Vollbart gleitet. »…dass wir keine Atomwaffen produzieren und auch nicht die Absicht haben, welche herzustellen.« Ich sah bei diesen Worten streng und überzeugt in die Kameras. Nachdem ich das beteuert habe, sehe ich auf, zu meinem Berater hinter den Stühlen. Ich warte auf sein zustimmendes Nicken, aber er sieht unbewegt aus. Nicht einmal die Andeutung eines Lächelns. Habe ich etwas Falsches gesagt? Nein, ich musste es tun. Ich muss diesen Zweifel aus dem Weg räumen, bevor er uns das Handwerk legt. »Unsere Forschungen sind rein wissenschaftlicher Art. Militärische Interessen stehen bei uns, wie alle Welt weiss, zurück. Wir werden keine Atomwaffen produzieren und ein Programm zur Rüstung solcher existiert nicht.« Ich sehe noch einmal zu meinem Berater, aber noch immer kein Anzeichen. Kein schelmisches Funkeln, das meines erwidern würde. Kein Nicken, kein Grinsen. Er sieht nur so aus, als warte er. Vielleicht ist er abgelenkt, denke ich. Deshalb wende ich meinen Blick zum Innenminister, der neben mir auf dem Podium sitzt. Das ist ein Wagnis, denn alle Welt kann mich auf dem Bildschirm verfolgen. Aber ich tue es ruhig und arglos, wie um zu zeigen, dass ich nicht darauf angewiesen bin, mit strengen Augen meine Behauptung zu unterstreichen. Ich hoffe, dass der Innenminister weiterhin nach vorne schaut und tut, als würde er meinen Seitenblick nicht bemerken. Wenn er nämlich weiss, dass ich lüge, muss er nach vorne schauen, um nicht verlegen oder verräterisch zu wirken… Doch das geschieht nicht. Stattdessen dreht er seinen Kopf zu mir, seine Augenbrauen sind zu runden, harmlosen Bögen gekrümmt, ein unschuldiges, ermunterndes Lächeln auf seinen Lippen. Man könnte glauben… Ich sehe auf die Tischplatte. Ein unsicherer Gedanke! Auf den Papieren steht, was ich sagen muss: Begrüssung der Medien, Rüstungsreform, kein Atomprogramm, wissenschaftliche Zwecke. Es war ein schäbiger Computerausdruck, in Comic Sans, mit Streifen von Druckerschwärze auf der Seite. Wer hat das eigentlich geschrieben? Mir fällt ein, dass der Departementschef für nukleare Forschungsprogramme im Publikum sitzt. Ich suche ihn hinter den Scheinwerfern, die mir ins Gesicht blenden und Tropfen, die ich mit den aufgeworfenen Stirnrunzeln abfangen muss, aus meiner Stirn ziehen. Irgendwo da erkenne ich ihn, im weissen Kittel. Aber er sitzt nicht. Er plaudert an der Bar und steckt sich Erdnüsse in den Mund. Nicht einmal einen Blick schickt er in diesem Moment zu mir herüber, als würde ich mit meiner Lüge nicht gerade sein Leben und sein Projekt aufs Spiel setzen — als wäre nichts zu befürchten — als wäre es gar keine Lüge.
Ich schlucke tief und lächle. Mir ist schwindlig, ich fürchte mich vor dem Ende der Pressemitteilung, vor den Antworten meines Sekretärs. Ich sehe auf mein Blatt, auf dem Schwarz auf Weiss steht: Kein Atomprogramm. In Comic Sans. Meine Schläfe ist nass, die Kante drückt mir in den Bauch.