Der Würstchen-Mann ist systemrelevant

von Cedric Weidmann

Yunus Peterson, der immer die warmen Brötchen und die American Hot Dogs auf der Limmatbrücke verkauft und bei vielen als der ‘Würstchen-Mann’ bekannt ist, ist too small to fail. So lautet der Entscheid der letzten Kantonsratsssitzung, die unter Anrufung der Wirtschaftskommission darüber beraten hat. Der 46-jährige Yunus Peterson ist schon länger durch seine Unscheinbarkeit aufgefallen.
“Man übersieht ihn rasch”, bestätigt der Amtsvorsitzende der Kommission, Dietmar Schneebeli. “Er tut ganz normale Wienerli in sein Brötli.” Dennoch widmete man sich vier Stunden dem Würstchen-Mann und sprach von einer “schwierigen Situation”. Im letzten Quartal hatte Yunus dreihundert Hot Dogs weniger verkauft, was seine wirtschaftliche Lage zunehmend beengt. “Ich habe keine Ahnung, was passiert. Immer weniger wollen American Hot Dogs. Alle mehr Starbuck’s und so”, analysiert der betroffene Peterson. Dieser Quartalsbericht des Ein-Mann-Standes machte die Untersuchungskommission hellhörig. In einem Dossier stellt sie fest: Petersons Prekarität betrifft die kantonale Volkswirtschaft fundamental. “Yunus Peterson könnte man als das ‘schwächste Glied in der Kette’ bezeichnen, als derjenige, dessen Einflussbereich von allen Wertschöpfern derzeit am Geringsten ist.”
Das Problem daran: Wenn Peterson bankrott geht, leidet die Volkswirtschaft frappant. Wenn derjenige mit dem geringsten Einfluss wegfällt, fällt diese Rolle einem anderen Unternehmer zu. Der Schuhmacher von Roll aus Truttikon ist ein solcher Kandidat. Wenn dieser dem zunehmenden Druck nicht standhalt, was zu vermuten wäre — so Schneebeli –, könnte eine Kettenreaktion in Kraft treten, die die Wirtschaft von unten her “erodiert”. Ein weiterer Grund ist der externe Effekt. Bekanntlich liegt Petersons Geschäft auf einer der Hauptschlagadern des mittaglichen Geschäftverkehrs. Wenn sein Angebot wegfällt, droht die Aggression verschiedener Banker und hoher Beamter aufgrund von Hunger. Ausserdem hat sein Lächeln die Menschen unbewusst angeheitert, was für die Produktivität wertvoll sein konnte. Die Folgen, die das Zusammenbrechen von Yunus Petersons “Hot Dog und Brötli-Stand” auslösen würde, sind auf jeden Fall nicht abzuschätzen. Zumal mit grossen Kursstürzen gerechnet werden muss, wenn öffentlich wird, dass der Staat sich nicht um die Bevölkerung kümmert und auch den Schwächsten fallen lässt. Gerade dies ist, der Kommission zufolge, der wunde Punkte.
Deshalb wurde Yunus Peterson am Montagvormittag im Kantonsrat offiziell für “systemrelevant” erklärt. Das bedeutet auch, er muss die Einlagen seines Geschäfts erhöhen und stärkere Hygiene-Kontrollen über sich ergehen lassen. Fürs Erste aber ist er gerettet. Der unscheinbarste Unternehmer des Kantons bleibt, wie erwartet, bescheiden. Darauf angesprochen, dass der Kantonsrat ihn in den Diensten für die Bevölkerung als unverzichtbar ausgewiesen hat, erwidert er wenig überrascht: “Ja, essen muss das ganze Volk.”