Das Atomprogramm

von Cedric Weidmann

»So kann ich Ihnen allen versichern…« Die Zunge vom Gaumen abzulösen ist schwer, wenn sie im trockenen Mund klebt. Deutlich sprechen. Ich muss mich stark nach vorne lehnen, weil die Mikrophone so weit weg aufgestellt sind und ich fürchte, dass man mich nicht verstehen kann. Es ist so stickig hier, denke ich, und die Kante des Tisches drückt in meinen Magen. Es kürzte mir den Atem. Was ist das? Schweiss auf der Stirn. Er darf nicht sichtbar sein, nicht in mein Gesicht gleiten, wo die Kameras seine Spiegelung erkennen lassen. Ich versuche ihn in einer Runzel abzufangen, in dem ich ein ernsteres Gesicht mache, und tatsächlich — ich spüre wie der Tropfen in die Rille perlt und von dort seitwärts zur Schläfe, unter meine krausen Haare und schliesslich in den Vollbart gleitet. »…dass wir keine Atomwaffen produzieren und auch nicht die Absicht haben, welche herzustellen.« Ich sah bei diesen Worten streng und überzeugt in die Kameras. Nachdem ich das beteuert habe, sehe ich auf, zu meinem Berater hinter den Stühlen. Ich warte auf sein zustimmendes Nicken, aber er sieht unbewegt aus. Nicht einmal die Andeutung eines Lächelns. Habe ich etwas Falsches gesagt? Nein, ich musste es tun. Ich muss diesen Zweifel aus dem Weg räumen, bevor er uns das Handwerk legt. »Unsere Forschungen sind rein wissenschaftlicher Art. Militärische Interessen stehen bei uns, wie alle Welt weiss, zurück. Wir werden keine Atomwaffen produzieren und ein Programm zur Rüstung solcher existiert nicht.« Ich sehe noch einmal zu meinem Berater, aber noch immer kein Anzeichen. Kein schelmisches Funkeln, das meines erwidern würde. Kein Nicken, kein Grinsen. Er sieht nur so aus, als warte er. Vielleicht ist er abgelenkt, denke ich. Deshalb wende ich meinen Blick zum Innenminister, der neben mir auf dem Podium sitzt. Das ist ein Wagnis, denn alle Welt kann mich auf dem Bildschirm verfolgen. Aber ich tue es ruhig und arglos, wie um zu zeigen, dass ich nicht darauf angewiesen bin, mit strengen Augen meine Behauptung zu unterstreichen. Ich hoffe, dass der Innenminister weiterhin nach vorne schaut und tut, als würde er meinen Seitenblick nicht bemerken. Wenn er nämlich weiss, dass ich lüge, muss er nach vorne schauen, um nicht verlegen oder verräterisch zu wirken… Doch das geschieht nicht. Stattdessen dreht er seinen Kopf zu mir, seine Augenbrauen sind zu runden, harmlosen Bögen gekrümmt, ein unschuldiges, ermunterndes Lächeln auf seinen Lippen. Man könnte glauben… Ich sehe auf die Tischplatte. Ein unsicherer Gedanke! Auf den Papieren steht, was ich sagen muss: Begrüssung der Medien, Rüstungsreform, kein Atomprogramm, wissenschaftliche Zwecke. Es war ein schäbiger Computerausdruck, in Comic Sans, mit Streifen von Druckerschwärze auf der Seite. Wer hat das eigentlich geschrieben? Mir fällt ein, dass der Departementschef für nukleare Forschungsprogramme im Publikum sitzt. Ich suche ihn hinter den Scheinwerfern, die mir ins Gesicht blenden und Tropfen, die ich mit den aufgeworfenen Stirnrunzeln abfangen muss, aus meiner Stirn ziehen. Irgendwo da erkenne ich ihn, im weissen Kittel. Aber er sitzt nicht. Er plaudert an der Bar und steckt sich Erdnüsse in den Mund. Nicht einmal einen Blick schickt er in diesem Moment zu mir herüber, als würde ich mit meiner Lüge nicht gerade sein Leben und sein Projekt aufs Spiel setzen — als wäre nichts zu befürchten — als wäre es gar keine Lüge.
Ich schlucke tief und lächle. Mir ist schwindlig, ich fürchte mich vor dem Ende der Pressemitteilung, vor den Antworten meines Sekretärs. Ich sehe auf mein Blatt, auf dem Schwarz auf Weiss steht: Kein Atomprogramm. In Comic Sans. Meine Schläfe ist nass, die Kante drückt mir in den Bauch.