Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: Science-Fiction

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Ein-Satz-Review)

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im SchattenIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten by Christian Kracht
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Vom Gemisch der geschichtslosen Erzählungen, den Anspielungen an Klischees, dem Wechsel zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Registern, der Aufzählung von Telegrafen und Artillerien aus dem 19. Jahrhundert, die der Schweizerischen Sowjetrepublik des bizarren 20. Jahrhundertklons quer stehen, möchte man nicht allzuviel halten, wenn einem gleichzeitig historische und literarische Anspielungen wie Joseph Conrad und Conan Doyle um die Ohren gehauen werden — nur ist die Art wie Kracht hier mischt meisterhaft vorsichtig und statt einen Witz nach dem anderen auszukosten, den sein schwarzer kommunistischer Söldner, der über alte Minen durch die Schweizer Winterlandschaft stackelt, zuliesse, oder sich für allegorisch bedeutend zu nehmen, steht die Erzählökonomie, auch wenn die Erzählung sie gegen Ende überschiesst, im Vordergrund; ein Gedankenspiel wie dieses auf weniger als 150 Seiten zu packen, sind schon eine Kunstfertigkeit für sich.

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Der Satz (LXXI)

I told him they [the Fowls] were rational Beings, but that the Story was now too long to tell him.

Samuel Brunt, A Voyage to Cacklogallinia.

Wir (Ein-Satz-Review)

WeWe by Yevgeny Zamyatin
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Was genau hier passiert, kann ich nicht sagen, aber es ist bestimmt etwas Grosses, wenn sich in die Welt der mathematischen Perfektion plötzlich Metaphern einschreiben, die völlig unkontrolliert sind, Metaphern, wunderschöne, die aus der Luft gegriffen scheinen, die Metaphern für andere Metaphern sind, verirrte Metaphern, nur angetönte Metaphern, Metaphern, die sich selbstständig machen, und die eine sprachliche Dystopie sprachlich überwältigen, wobei das Wir — das verrückte «Wir» dieses Textes — von Zeile zu Zeile in eine andere Richtung geschoben wird und alles über den Haufen wirft, was man von utopischer Literatur zu wissen geglaubt hat.

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Der Planet der Gleichungen

Übrigens, wir sind tatsächlich die einzigen Lebewesen in diesem Universum. Der Grund dafür liegt darin, dass wir unentwegt nach Lebewesen suchen, obwohl es anderes gibt, das ist, das west und das lebt, das sich jedoch nicht oder nur mit Mühe in den Begriff von Leben fügen lässt. Betrachten wir einmal den Planet der Gleichungen. Bevor wir über das Erscheinungsbild der Einwohner und ihre genaue Lokalisierung zu sprechen kommen (worauf wir nicht zu sprechen kommen werden), müssen zwei, drei Voraussetzungen neu getroffen werden. Die Lebewesen, die wir hier der Einfachheit halber «Gleichungen» nennen, und die weder Tiere, noch Menschen, noch Bakterien, noch Pilze, noch Zellen, also eigentlich keine Lebewesen sind, existieren bereits seit Urzeiten. Tatsächlich sind sie weniger physikalische Entität, als Gleichungen: platonische Gegenstände. Diese Gleichungen, die jenen der menschlichen Mathematik auffallend ähneln, ändern im Laufe der Zeit ihre Werte und Variabeln. Es wurde deshalb eingehend über die Frage diskutiert, ob es sich wirklich um Gleichungen und nicht um Funktionen handelt, doch der Begriff der Gleichungen hat sich durchgesetzt, weil sie die meiste Zeit tatsächlich als normale Gleichungen vorherrschen und sich nur gelegentlich wandeln oder ihre Variabeln parametrisieren. Dies geschieht in der Regel im Einklang mit allen übrigen Gleichungen, die sich nach denselben Variabeln richten müssen. Die Gesamtzahl der Gleichungen muss also aufgehen — es kann nicht sein, um ein ganz einfaches Beispiel zu nennen, dass eine dieser Gleichung «a * s + x + c^df = 2k + m * t/h» parallel mit einer anderen «a * s + 2x + c^df = k + m * t/h» existiert. Um dieses Problem zu umgehen, kennt das System, in dem sich diese Gleichungen bewegen, mehrere Möglichkeiten: Erstens, die beiden Gleichungen nehmen alle ihre Kräfte zusammen, um die ihnen eingeschriebenen Faktoren zu transformieren, und pendeln sich in kurzer Zeit auf einem Wert ein, der sich in sie einfügen lässt, indem sie die rechte oder die linke Seite verändern. Eine andere, weniger aufwendige Möglichkeit, besteht darin, dass eine dritte Gleichung hinzukommt, die Variabeln definiert und mit «x = -k» wieder richtigstellt. Freilich sind das Anschauungsbeispiele, denn so kurze Gleichungen kommen auf diesem Planeten fast nicht vor. Die Gleichungen entstehen als lange Reihen von Variabeln und Zahlen, die mit der Zeit erst abnehmen. Dies ist jedoch ein langwieriger Prozess und kann nur durch die Hilfe der anderen Gleichungen gelingen, welche mithilfe von Vereinfachungen der Faktoren und Variabeln ein Kürzen ermöglichen. Da es also breite Unterstützung sowie lange Erfahrung erfordert, kurz zu werden, zollt man den kurzen Gleichungen überall Respekt. Sie gelten als die Ranghöchsten.
Die Gleichungen existieren nicht in Köpfen von anderen Lebewesen, auch sind sie physikalisch nicht direkt messbar, denn sie haben keinen Körper und wirken nicht auf Materie. Man hat sie nur dadurch entdecken können, weil man bemerkt hat, dass auf dem Planet der Gleichungen andere logische Gesetze vorherrschen. Man hat Signale zu diesem unbewohnten Exoplaneten gesendet und das Signal, das meistens zurückkam, in bestimmten, von dichten Gasen überwölbten Himmelskörpern aber auch verschluckt werden konnte, tat beides: Es kam zurück und es kam nicht zurück. Ein Aufschrei fuhr durch die Forschergemeinschaft. Man hatte etwas entdeckt, das nicht möglich war. Lange versuchte man das Problem auf physikalische Hindernisse zurückzuführen. Als das misslang, gedachte man der Möglichkeit, dass hier die physikalischen Gesetze anders sind und deshalb solche Störungen hervorriefen, man deutete es als verzerrte Echos, die sich der Raumzeit wegen überlagern. Erst später erfuhr man von der Gemeinschaft der Gleichungen, die auf dem Planeten lebt und die direkt die logischen Gesetze beeinflusst. Dies scheint einem sich damit wenig beschäftigenden Menschen unwahrscheinlich: Wie können die logischen Gesetze ausser Kraft gesetzt werden? Sie gelten immer und überall im Universum, denn sie sind doch Kategorien des Menschen: Er findet dieses und jenes logisch.
Dies ist jedoch nicht korrekt. Die Differenz im logischen System, also die Eigenschaft, die die sogenannte Logosphäre jenes Himmelskörpers von unserer unterscheidet, ist die Aufhebung des Ausgeschlossenen Dritten. Das Gesetz des Ausgeschlossenen Dritten ist eine Regel in der irdischen Logosphäre, die mit den physikalischen Eigenschaften auf der Erde korrespondiert: «Es regnet» kann wahr sein oder «es regnet nicht» kann wahr sein. Es ist jedoch unmöglich, dass beides zugleich wahr ist oder dass beides falsch ist — es gibt nichts Drittes. Man mag einwenden, dass es noch Graupel gäbe, und Hagel und Schnee, und dass man sagen könnte: Es regnet ein bisschen oder es herrscht 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das stimmt, aber auch diese Fälle sind entscheidbar: Entweder es ist Regen oder Graupel, Luftfeuchtigkeit, Schnee etc. Das klingt in der sprachlichen Formulierung klar, wenn man jedoch durch schlechtes Wetter stackst wird deutlich, dass es nicht so einfach ist: Es gibt unscharfe Trennlinien, Vagheiten, die man jedoch nicht verwendet, wenn man vom Wetter spricht. Die sprachlichen Anforderungen der Menschen verlangen, dass auf Vagheiten verzichtet wird, sie bestenfalls verdrängt werden, um Klarheit zu schaffen. Seit gut fünfzig Jahren ist auch bekannt, dass die Begriffe des Menschen Voraussetzung dafür sind, was der Mensch wahrnimmt. Also fasst der Mensch auch in seiner Wahrnehmung sehr viele Witterungen unter «Regen», deren Unterschiede ihm, seit es das Wort «Regen» gibt, nicht mehr bekannt sind. Daher stehen die Logosphäre und die Atmosphäre in Wechselwirkung: der Begriff von «Regen» und der physikalische Regen passen sich auf der Erde gegenseitig so an, dass die Regel des Ausgeschlossenen Dritten gültig ist. Dies ist auf dem Planet der Gleichungen nicht eingetreten: Das Signal der Forscher kam zurück und es kam nicht zurück, weil es dort Signale geben und es sie nicht geben kann. Man kann es in unserer Sprache (noch) nicht besser erklären und wir können es nicht verstehen, solange wir uns in unserer Logosphäre bewegen.
Die Gleichungen auf dem Planeten lassen sich aus den physikalischen Besonderheiten ableiten. Es gibt erkennbar Verzerrungen in der Logosphäre, die uns davon ausgehen lassen, es herrschten logische Knäuel, Verschlingungen innerhalb der Gruppen von Gleichungen. Das wiederum kann nur dann eintreffen, wenn sie ihre rechte oder linke Seite kürzen oder Variabeln verändern. Sogleich geht grosse Bewegung durch die Allgemeinheit der Gleichungen, die sich den anderen anpassen müssen. Da das Gesetz des Augeschlossenen Dritten nicht herrscht, kann eine Gleichung falsch und nicht falsch sein. Um diese Falschheit mit Inbrunst zu vertreten, bedarf es einer gewissen Dreistigkeit oder Aufmüpfigkeit, die nur wenige aufzubringen im Stande sind. Ein solches Gegen-den-Strom-Schwimmen kommt einem politischen Umsturz gleich, bei dem mehrere Gleichungen dazu überzeugt werden müssen, die fremde Anpassung vorzunehmen. Mit Durchhaltewille ist es möglich, dass die übrigen Gleichungen von eigentlich ‹falschen› Gleichung überzeugt werden und alle in den Modus der Falschheit wechseln (zum Beispiel so: eine Implikation bestimmt, dass sie nur dann richtig ist, wenn die Bedingung wahr und die Konsequenz falsch ist, oder: 3 = -3). So kommt es zu gewaltigem Wandel, dessen Ausformungen und Komplexitäten von den irdischen Mathematikern noch nicht vollständig verstanden wurden. Für die meisten ist der Planet der Gleichungen aber nicht relevant. Manche sprechen ihm das Leben, andere gleich seine Existenz ab. Ich würde nicht so weit gehen, unterstütze aber eine gesunde Skepsis. Auch wissen wir leider noch zu wenig über den «Mond der Mengen».

Meine Welt ist nicht von Pappe! (Ein-Satz-Review)

Meine Welt ist nicht von Pappe: Ein Paul Scheerbart-LesebuchMeine Welt ist nicht von Pappe: Ein Paul Scheerbart-Lesebuch by Paul Scheerbart
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Paul Scheerbarts drei Haupttexte in diesem Buch („Perpetuum Mobile“, „Glasarchitektur“ und „Luftmilitarismus“) sind der ganze Scheerbart und also die vielleicht unverständlichste Literatur überhaupt, die mit ironisierter Ironie jonglierend im Ton kindlicher Einfalt bedrückende Visionen und vorwärtsweisende Ideen formuliert; und trotzdem lässt sich in Scheerbarts Suche nach dem „Perpeh“, die freilich sinnlos ist, nicht nur eine das Lachen und die Fröhlichkeit feierende, künstlerische Fantasie erkennen, denn die geometrischen Skizzen und selbstgebauten Holzmodelle in seinem Keller, die Patente für Perpehs, die er selbst einreichte und die ihm das letzte Geld aus der Tasche zogen, sind Beweise dafür, wie Ironie und literarisches Programm dieser Literatur nicht mehr gerecht werden können; Scheerbart feiert den Luftmilitarismus, weil er den Militarismus überflüssig macht, und die Glasarchitektur, weil sie die Architektur überflüssig macht: Aber er feiert sie aufrichtig, wie man sie eigentlich nicht feiern können dürfte, und schreibt feiernd so einfach und plump, dass die überragende Stilsicherheit eine, selbst für Robert Walser unerreichbare, klare Unklarheit erreicht.

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Nichts von euch auf Erden (Ein-Satz-Review)

Nichts von euch auf ErdenNichts von euch auf Erden by Reinhard Jirgl
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Erst kommts wie ein Arno Schmidt-Imitat daher, nur ernster und hochtrabend, mit all dem prätentiösen Beigeschmack, der davon kaum loszumachen ist, doch erst in der Umkehrbewegung, im Abstossen der geblümten Sprache durch den genervten Leser stellt sie sich selbst als Teil dieser Geschichte dar und treibt die grossartig ausgestaltete Zukunftswelt zu voller Blüte, denn die degenerierten Zurückgebliebenen auf der Erde, die Arno Schmidts Sprache aufgenommen und friedvolle Trägheit zum Lebensinhalt erklärt haben, müssen so sprechen, wie sie sich auch mit 25 Lebensjahren von ihrer grossen Liebe trennen müssen, wie sie ihre Gesichter schminken müssen, wie sie alle direkten Fragen und Tatbereitschaft verhindern müssen, wie sie von den zurückkehrenden, genetisch einwandfreien Marsbewohnern erobert werden müssen, und alle Menschen müssen sterben, die Bücher müssen leben und dieses Buch muss genau so hochtrabend, arrogant und anstrengend sein, wie es durchtrieben, ergreifend, durchdacht ist.

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Pulsarnacht (Ein-Satz-Review)

PulsarnachtPulsarnacht by Dietmar Dath
My rating: 1 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Grossräumig und gewitzt steckte diese Geschichte in faszinierend naturwissenschaftlicher Manier neue Grenzen ab, die sie mit der Erzählweise und den Eigenheiten der Science-Fiction-Sparte, wie Szenen von Gemetzel, sprücheklopfenden Dialogen und Sex, auffüllt, und wäre eine spannende, in ihrer politischen und wissenschaftlichen Dimension des hochskalierten Paradigmenwechsels (der Pulsarnacht) sogar übertölpelnde Lektüre, wäre sie nur von einem guten Lektor um zweihundert Seiten gekürzt worden; vielleicht denke ich zu sehr in inertialsystematischer Raumzeit, aber: meine Lebenszeit scheint mir kostbar genug.

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Der Satz (LI)

Sobald man von unsern Augen und Fernröhren nicht das Unmögliche verlangt, so wird das, was mir diese geleistet haben, wenn es der Verstand bearbeitet, immer soviel Ausbeute liefern, dass auch der Unbilligste kaum mehr erwarten könnte.

Franz von Paula Gruithuisen, Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner, besonders eines collossalen Kunstgebäudes derselben.

Anmerkung:

Fernröhre der grössten Art, die eine Summe von 5.000 bis 20.000 Gulden kosten, konnte ich nicht anwenden. Unter meinen drei Frauenhöfer’schen Fernröhren von 18, von 30 und von 60 Zoll hat das grösste vier Pariser-Zoll Oeffnungen. Grössere Instrumente brauchen viele Mühe, oder kostbare Gebäude, um sie schnell aufzustellen und verlangen äusserst gute (reine, ruhige) Luft, um damit gut zu sehen. Und so habe ich durch grossen Fleiss und treffliche Sehorgane schon mit dem 30zolligen Tubus ganz unverhoffte Dinge am Himmel gesehen.