Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: tod

Übersehen

Zwei Kinder zanken über einer toten Spitzmaus. Ich kann sie nicht verstehen, aber die ausgestreckten Hände und die verzerrten, angeröteten Gesichter beschreiben Anschuldigungen. Auf der Bank neben ihnen sitzen die beiden Mütter und essen genüsslich aus einer Tüte Cashewnüsse. Auf der anderen Seite des Spielplatzes sehe ich eine verschrobene Krähe, die sich in einer Spirale nach unten schraubt und die Flügel, vor dem Wind schonend, zu früh einzieht. Sie landet hart und springt wie auf heissen Kohlen um einen Abfalleimer herum, während der schräg gelegte Kopf nach Essbarem Ausschau hält und mein Blick schweift wieder hinüber, aber jetzt sehe ich das Gezänk zweier Mütter, die mit verzerrten Fratzen und schrillen Stimmen einander anklagen und vor ihnen liegt eines der Kinder tot, das andere rüttelt vertändnislos an seiner Schulter, als schlüge es trotzdem nächstens die Augen auf. Die Spitzmaus schwirrt, wie ich nun erkenne, eifrig über den Schnee und hascht nach aus einer Tüte gekollerten Nüssen, die sie langsam isst.

Grabrede

Seht, wie friedlich er schaut. Sein Gesicht ist starr. Ja, starr, aber doch… Etwas ist passiert, seht nur, er schaut so friedlich, so friedlich hat er früher nie geschaut. Da muss etwas passiert sein. Er muss etwas gesehen haben, was ich nie gesehen habe. Ich wünschte, ich könnte auch so aussehen, wenn ich sterbe, und wünsche euch das auch, wünsche euch, dass ihr so friedlich ausseht, aber, nein, seht euch Fritz doch einmal an… Da geht etwas mit ihm vor. Der hat doch etwas gesehen, etwas sehr, sehr Schönes, oder… Ja, ich bin nicht ein Mann grosser Worte und eigentlich auch nicht der kleinen und deshalb möchte ich nur sein Gesicht sprechen lassen, denn bestimmt ist sein Gesicht ein Gesicht grosser Worte, wenn man so sagen darf.
Ich habe Fritz lange Zeit gekannt — und eigentlich ist das auch übertrieben — gekannt hat ihn ja doch keiner, denn wer könnte unter euch aufstehen und sagen: Ich weiss woher dieses Gesicht — dieses ruhige Gesicht — plötzlich herkommt. Nein, so gut hat Fritz keiner gekannt. Aber er ist wirklich entspannt — entspannt wie wir uns nie geträumt hätten —, obwohl starr. Diese Lippen sind starr aufeinandergepresst und natürlich blutleer, ja aber natürlich, wie auch sonst? Der Fritz, der ist natürlich blutleer, aber trotzdem doch nicht weniger der Fritz, den wir alle gekannt haben, und nicht weniger hat ers verdient, dass man ein paar Worte über ihn verliert wie über den, den wir gekannt haben. Ich habe Angst gehabt, als ich hergekommen bin, aber jetzt, als ich ihn gesehen habe, bin ich ganz erfreut, dass aus seinem Gesicht so viel Ruhe spricht und ich bin zuversichtlich gegenüber dem Sterben, trotzdem natürlich hat es auch etwas Kalt-, Kalt-Lächelndes und doch… und doch… Doch — ich glaube es ist ihm gutgegangen in seiner letzten Sekunde. So soll es uns auch gehen! Und wir werden immer an Fritz denken, wenn wir das grosse Glück haben, am Ende unseres Lebens etwas zu sehen, das uns solche Ruhe eingibt.
Ich habe Fritz lange gekannt und diesen Gesichtsausdruck hätte ich gerne an ihm früher kennengelernt. Ich meine nicht, dass ich ihn nicht gemocht habe wie er war, selbstverständlich habe ich ihn gemocht — ich habe Fritz kein besseres Ende wünschen können als dieses — nicht, dass ich ihm tatsächlich das Ende gewünscht hätte, jedenfalls nicht mehr als so, wie einem das unter Umständen passiert — aber doch etwas früh ists eingetroffen, das findet ihr doch auch —, aber wenn ich ihn so ansehe, dann wird mir doch ganz wohl ums Herz, obwohl er so starr ist und eigentlich so blutleer… So blutleer, aber so ruhig in seinem Gesicht, schaut es euch noch einmal an, es zeigt mehr als tausend Bilder, es ist so viel Hoffnung, die es mir gibt, obwohl es zuweilen auch befremdend ist, dass er nicht die Augen aufmacht, sein Maul aufmacht und ausruft: Was steht ihr alle da rum und labert und labert und warum ist ausgerechnet der am Reden? Der verheddert sich doch beim Sprechen, der ist jetzt wirklich kein Mann grosser Worte — und damit hätte er natürlich recht, aber das macht er nicht, er wird immer so ruhig schauen. Schaut es euch an und haltet ihn so in Erinnerung, allerdings vergesst nicht wie er früher war, denn jetzt sieht er beleibe nicht so aus wie er eigentlich aussah, gottseidank war er anders, nicht so blutleer, nicht so ruhig zwar auch, aber auch nicht so starr, so war er, unser Fritz, auch ihn dürfen wir nicht vergessen und ihm nur das Beste wünschen auf seiner Reise hinüber.

Werthers Tod

»Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn und ich zögere nicht.« Seine Hand huschte rasch über das Blatt. Auf dem Gesicht blitzte ein ingrimmiges Lächeln auf. Er hustete, hielt inne, nahm Tinte zur Hand, schüttelte den Kopf über einen Gedanken und hob dann die Feder wieder an, um fortzufahren. »Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für Dich zu sterben!« — Ja, das hätte sie wohl gern! Dass ich daran glücklich würde, Wahnsinn! Werther schüttelte wieder den Kopf. Für dich, dich Hure, der dir alles egal ist. Sterben — gar traurig sein. Glaubst, ich mache gar alles für dich, weil ich dir diese Briefchen schreibe. Ein Flittchen im Herzen bist du — du Schwärmerin —, aber entscheidungsträge wie ein Himmelskörper im Wechsel seiner Umlaufbahn. »In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, Du hast sie berührt, geheiligt.« Jetzt lachte und höhnte er. Eher würde ich sterben als dieses Clownkostüm noch einmal anziehen. Wie können die Frauen nur auf sowas abfahren? Blaue Jacke, gelbe Weste (und diese Stiefel!) — Augenkrebs grüsst mit Handkuss. Sie wusste das wohl. Er war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, wie lächerlich er den Aufzug fand. Und ihr hatte es, tief im Herzen, auch nicht gefallen. »Es schlägt zwölfe!«, kritzelte er noch hin. »So sei es denn! — Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!«
Werther lachte laut auf, beglückwünschte sich zu dem sarkastischen Schriftstück, mit dem er die ihr zugeschickten Briefe, die ernsten wie die unernsten, abstrafte und zugleich Lotte ihre Gemeinheiten so tief ins Herz zurückbohren konnte, dass es den Schmerz der Trennung linderte. Er konnte viel zu gut schreiben, als dass er sich diese Genugtuung hätte entgehen lassen, für sich selbst ein solches Textchen zu verfassen, dass er dann auch wieder verbrennen würde, sobald der Schmerz abgeklungen war. Er las den meisterhaften Brief mit höchstem Entzücken noch einmal und versiegelte ihn sorgsam. Gehste halt, Lotte! Machste das halt, Lotte! Wofür du dich nur wieder hältst? Andere Mütter haben auch schöne Töchter! Hältst dich für etwas Besseres? Klopstock hat doch auch schon die erstbeste Magd gelesen! Aber du fällst auf alles, auf das kleinste Tänzchen, das zarteste Gewitter herein, als wäre es eine Verführung. Ich sag dir jetzt mal was, ich sag dir mal was zu deiner Gebildetheit, zu deiner künstlerischen Bewandertheit, auf die du soviel gibst: OSSIAN GIBT ES GAR NICHT! Haha, es ist lächerlich und — oh, ich könnte sie niederstechen, dieses verlogene Biest. Ich, der ich mir alles bin — wie könnte ich dich brauchen?
Um sich ein wenig vom Ärger zu erholen und sein neues Leben als völlig Ungebundener angemessen einzuläuten, wandelte er durch das Zimmer und geriet zum Bücherregal. Irgendwo musste es sein… Ein Blick in die alten Briefkorrespondezen mit Grete und Gisella würde sich lohnen, könnte ihn erheitern und erwärmen. Auf den unteren Regalen waren sie nicht, denn er erinnerte sich noch einer Zeichnung, die man aus bestimmten Gründen besser von Kindern entfernt hielt und die ihm Grete in einen Brief gesteckt hatte. Seine Augen wanderten nach oben. Dort, im Dunkel unter der Decke, auf der verstaubtesten Ablage, die fast nicht zu erreichen war, dort musste es irgendwo stecken. Nur kein verdammter Schemmel!
Werther stützte sich auf die Fläche des Regals, die in Brusthöhe lag, und versuchte durch Abstossen mit dem Fuss den nächsten zu erwischen. So hatte er erst wenige Zentimeter erreicht, als ein Knarren ertönte und seine beschissenen Stiefel vom Holz rutschten. Werther fiel nach hinten, konnte sich aber fangen, taumelte zum Schreibtisch zurück, schlug sich den Zeh an der Vertäfelung und jaulte auf. Der Schmerz im kleinen Zeh war so höllisch, dass er zum besseren Halt zur Seite griff — und ein offenes Kästchen erwischte — die alte, aber gerade frisch gereinigte Pistole des Grossvaters in den Händen, hüpfte er den Indianertanz — kniff die Augen zusammen. Er bemerkte, aus Versehen die Pistole geladen zu haben, und hielt sich dazu an, sie wieder zurückzulegen, doch der Schmerz im Zeh war so gross, dass es ihn nach einer Linderung verzehrte. Ein Schlückchen Schnapps! Irgendwas, das das Gefühl betäubt. Leider hatte er nur den teuren Rotwein, trotzdem langte er mit der freien Hand nach der Flasche, entkorkte sie und trank ein halbes Glas, bevor er sich wieder sammeln konnte. Neu gestärkt, kletterte er nach oben aufs Regal, als er halber Höhe merkte, dass die Vase, ein Stück aus dem fernen China, zu fallen drohte, und er einen Fuss befreien musste, um sie aufzuhalten. Dies gelang, aber er war jetzt in einer so unglücklichen Position, dass er begriff, dass er die Pistole möglichst schnell aus der Hand legen musste, um Bewegungsmöglichkeiten zu gewinnen, und da das Kästchen noch offen und fast in Reichweite lag, wollte er die Waffe gleich sorgsam hineinlegen. Doch als er sich hinüberbeugte um die Pistole hineinzulegen, schlitterte sein Fuss, den er gegen die Vase gedrückt hatte, unglücklich ab, die Vase blieb auf wundersame Weise stehen, aber ein dicker Schinken löste sich daneben und fiel hinab auf seinen anderen Fuss, auf dem er seinen Stand hatte. Ausgerechnet dort litt sein kleiner Zeh noch die lodernsten Schmerzen und der Fall des Buches zog ihm sofort den Halt weg. Er ruschte zur Seite, sein Kopf hing jetzt bereits gegen unten — er klammerte sich mit dem Zeigefinger an einen Buchrücken, während er mit den anderen Finger selbiger Hand die Pistole festhielt. Dieser Scheiss! Es würde ihn noch das Genick kosten. So verharrte er mehrere Sekunden und er hätte es wohl ausgehalten, aber der Wein brummte ihm im Kopf und gab ihm — er hatte auf leeren Magen getrunken — einen ganz zarten Schwindel ein, der ihn schliesslich taumeln liess.
Der Rest ging schnell. Der Buchrücken klappte heraus, der Lessing löste sich, Werther flog hinab, die Pistole drohte wegzufallen, weshalb er den Zeigefinger zum bessern Griff in den Abzug schlang — er drehte sich im Fall, schlug sich das Kinn an der Tischplatte auf, der Schuss löste sich und drang über Werthers rechtem Auge ein, Emilia Galotti flatterte auf das Pult und klappte auf. Neben dem Stuhl lag er kümmerlich zusammengekrümmt. Sein Zeh brannte. Das Gehirn lag neben ihm. Er hätte gern jemanden gerufen, doch erst um sechs kam der Medikus, der ihm noch eine Ader liess. Um zwölf war endlich das Missgeschick zu Ende, von den Missverständnissen beschlich ihn nur eine Ahnung.