Werthers Tod

von Cedric Weidmann

»Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn und ich zögere nicht.« Seine Hand huschte rasch über das Blatt. Auf dem Gesicht blitzte ein ingrimmiges Lächeln auf. Er hustete, hielt inne, nahm Tinte zur Hand, schüttelte den Kopf über einen Gedanken und hob dann die Feder wieder an, um fortzufahren. »Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für Dich zu sterben!« — Ja, das hätte sie wohl gern! Dass ich daran glücklich würde, Wahnsinn! Werther schüttelte wieder den Kopf. Für dich, dich Hure, der dir alles egal ist. Sterben — gar traurig sein. Glaubst, ich mache gar alles für dich, weil ich dir diese Briefchen schreibe. Ein Flittchen im Herzen bist du — du Schwärmerin —, aber entscheidungsträge wie ein Himmelskörper im Wechsel seiner Umlaufbahn. »In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, Du hast sie berührt, geheiligt.« Jetzt lachte und höhnte er. Eher würde ich sterben als dieses Clownkostüm noch einmal anziehen. Wie können die Frauen nur auf sowas abfahren? Blaue Jacke, gelbe Weste (und diese Stiefel!) — Augenkrebs grüsst mit Handkuss. Sie wusste das wohl. Er war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, wie lächerlich er den Aufzug fand. Und ihr hatte es, tief im Herzen, auch nicht gefallen. »Es schlägt zwölfe!«, kritzelte er noch hin. »So sei es denn! — Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!«
Werther lachte laut auf, beglückwünschte sich zu dem sarkastischen Schriftstück, mit dem er die ihr zugeschickten Briefe, die ernsten wie die unernsten, abstrafte und zugleich Lotte ihre Gemeinheiten so tief ins Herz zurückbohren konnte, dass es den Schmerz der Trennung linderte. Er konnte viel zu gut schreiben, als dass er sich diese Genugtuung hätte entgehen lassen, für sich selbst ein solches Textchen zu verfassen, dass er dann auch wieder verbrennen würde, sobald der Schmerz abgeklungen war. Er las den meisterhaften Brief mit höchstem Entzücken noch einmal und versiegelte ihn sorgsam. Gehste halt, Lotte! Machste das halt, Lotte! Wofür du dich nur wieder hältst? Andere Mütter haben auch schöne Töchter! Hältst dich für etwas Besseres? Klopstock hat doch auch schon die erstbeste Magd gelesen! Aber du fällst auf alles, auf das kleinste Tänzchen, das zarteste Gewitter herein, als wäre es eine Verführung. Ich sag dir jetzt mal was, ich sag dir mal was zu deiner Gebildetheit, zu deiner künstlerischen Bewandertheit, auf die du soviel gibst: OSSIAN GIBT ES GAR NICHT! Haha, es ist lächerlich und — oh, ich könnte sie niederstechen, dieses verlogene Biest. Ich, der ich mir alles bin — wie könnte ich dich brauchen?
Um sich ein wenig vom Ärger zu erholen und sein neues Leben als völlig Ungebundener angemessen einzuläuten, wandelte er durch das Zimmer und geriet zum Bücherregal. Irgendwo musste es sein… Ein Blick in die alten Briefkorrespondezen mit Grete und Gisella würde sich lohnen, könnte ihn erheitern und erwärmen. Auf den unteren Regalen waren sie nicht, denn er erinnerte sich noch einer Zeichnung, die man aus bestimmten Gründen besser von Kindern entfernt hielt und die ihm Grete in einen Brief gesteckt hatte. Seine Augen wanderten nach oben. Dort, im Dunkel unter der Decke, auf der verstaubtesten Ablage, die fast nicht zu erreichen war, dort musste es irgendwo stecken. Nur kein verdammter Schemmel!
Werther stützte sich auf die Fläche des Regals, die in Brusthöhe lag, und versuchte durch Abstossen mit dem Fuss den nächsten zu erwischen. So hatte er erst wenige Zentimeter erreicht, als ein Knarren ertönte und seine beschissenen Stiefel vom Holz rutschten. Werther fiel nach hinten, konnte sich aber fangen, taumelte zum Schreibtisch zurück, schlug sich den Zeh an der Vertäfelung und jaulte auf. Der Schmerz im kleinen Zeh war so höllisch, dass er zum besseren Halt zur Seite griff — und ein offenes Kästchen erwischte — die alte, aber gerade frisch gereinigte Pistole des Grossvaters in den Händen, hüpfte er den Indianertanz — kniff die Augen zusammen. Er bemerkte, aus Versehen die Pistole geladen zu haben, und hielt sich dazu an, sie wieder zurückzulegen, doch der Schmerz im Zeh war so gross, dass es ihn nach einer Linderung verzehrte. Ein Schlückchen Schnapps! Irgendwas, das das Gefühl betäubt. Leider hatte er nur den teuren Rotwein, trotzdem langte er mit der freien Hand nach der Flasche, entkorkte sie und trank ein halbes Glas, bevor er sich wieder sammeln konnte. Neu gestärkt, kletterte er nach oben aufs Regal, als er halber Höhe merkte, dass die Vase, ein Stück aus dem fernen China, zu fallen drohte, und er einen Fuss befreien musste, um sie aufzuhalten. Dies gelang, aber er war jetzt in einer so unglücklichen Position, dass er begriff, dass er die Pistole möglichst schnell aus der Hand legen musste, um Bewegungsmöglichkeiten zu gewinnen, und da das Kästchen noch offen und fast in Reichweite lag, wollte er die Waffe gleich sorgsam hineinlegen. Doch als er sich hinüberbeugte um die Pistole hineinzulegen, schlitterte sein Fuss, den er gegen die Vase gedrückt hatte, unglücklich ab, die Vase blieb auf wundersame Weise stehen, aber ein dicker Schinken löste sich daneben und fiel hinab auf seinen anderen Fuss, auf dem er seinen Stand hatte. Ausgerechnet dort litt sein kleiner Zeh noch die lodernsten Schmerzen und der Fall des Buches zog ihm sofort den Halt weg. Er ruschte zur Seite, sein Kopf hing jetzt bereits gegen unten — er klammerte sich mit dem Zeigefinger an einen Buchrücken, während er mit den anderen Finger selbiger Hand die Pistole festhielt. Dieser Scheiss! Es würde ihn noch das Genick kosten. So verharrte er mehrere Sekunden und er hätte es wohl ausgehalten, aber der Wein brummte ihm im Kopf und gab ihm — er hatte auf leeren Magen getrunken — einen ganz zarten Schwindel ein, der ihn schliesslich taumeln liess.
Der Rest ging schnell. Der Buchrücken klappte heraus, der Lessing löste sich, Werther flog hinab, die Pistole drohte wegzufallen, weshalb er den Zeigefinger zum bessern Griff in den Abzug schlang — er drehte sich im Fall, schlug sich das Kinn an der Tischplatte auf, der Schuss löste sich und drang über Werthers rechtem Auge ein, Emilia Galotti flatterte auf das Pult und klappte auf. Neben dem Stuhl lag er kümmerlich zusammengekrümmt. Sein Zeh brannte. Das Gehirn lag neben ihm. Er hätte gern jemanden gerufen, doch erst um sechs kam der Medikus, der ihm noch eine Ader liess. Um zwölf war endlich das Missgeschick zu Ende, von den Missverständnissen beschlich ihn nur eine Ahnung.