Wrag!

Tag: Zitat

Der Satz (LX)

Some people have maintained, in my hearing, that they have been drunk upon green tea; and a medical student in London, for whose knowledge in his profession I have reason to feel great respect, assured me, the other day, that a patient, in recovering from an illness, had got drunk on a beef-steak.

Thomas De Quincey, Confessions of an English Opium-Eater.

Der Satz (LIX)

Es fällt mir nur wieder ein, dass darin Zitronen vorkamen, oder Orangen, ich weiss nicht mehr welche Früchte, und für mich ist es eine Leistung, behalten zu haben, dass Zitronen oder Orangen darin vorkamen, denn von anderen Liedern, die ich in meinem Leben gehört habe, und ich habe wer weiss wie viele gehört, denn es ist praktisch unmöglich, sagen wir, zu leben, selbst so wie ich lebte, ohne singen zu hören, wenn man nicht taub ist, habe ich nicht das geringste behalten, kein Wort, keinen Ton, oder so wenige Worte, so wenige Töne, dass, dass was, dass nichts, dieser Satz hat lange genug gedauert.

Samuel Beckett, Erste Liebe.

Die Zukunft des Zitats // Kontaminierte Texte

Schöne neue Literatur! Sie wird noch besser. Ich habe vor einiger Zeit über die Plagiatsmethode der Medizinhistoriker mit einigem Wohlwollen geschrieben. Auch von den Urheberrecht-Wasserzeichen, die die Originaltexte verändern. Die automatisierten Headliner-Haikus, nicht-lesenden Professoren, die sich selbst in Patente umwandelnden Textprogramme kommen dazu. Und neuerdings gibt es noch etwas Weiteres, auf das ich mit Vorfreude blicken kann: Die Zukunft des Zitats.
Vorgeschichte ist ein Streit im Literaturclub, der mich nicht interessiert: Stefan Zweifel wurde als Moderator abgesetzt und hat den Literaturclub verlassen — unter anderem, weil er das SRF vergeblich darum bat, dass Elke Heidenreich sich für ihr Heidegger-Zitat entschuldigen müsse. Das hingegen ist interessant.
Hier der kurze Mitschnitt über Heidegger, mit dem fraglichen Zitat:

Es war Heidenreichs gutes Recht, das Buch auf den Tisch zu knallen! Schliesslich sind noch nicht alle für das Zitieren der Zukunft offen, ich hätte dasselbe getan. Man muss die Menschen empfänglich machen. Heute erschien zum Glück im Tages-Anzeiger eine Klarstellung von Elke Heidenreich, wo sie erklärt, wie sie das Zitat gemeint hätte:

Dann sagte ich: «Einen Satz wie ‹Die verborgene Deutschheit› (das wörtliche Zitat las ich vorsichtshalber ab, Band 96, S. 29) ‹müsse man entbergen›» (dieses Wort stammt aus einem Artikel in der SZ vom 25. März 2014 von Thomas Meyer zu Heidegger, enthalten im Dossier, das uns die Redaktion für die Sendung zur Verfügung stellte; ich fand das Wort «entbergen» so originell, dass ich es hier verwendete) – dann sah ich hoch und sagte, ohne weiter zu zitieren, mit meinen Worten, was ich als Fazit aus Heideggers Worten herausgelesen hatte, nämlich: «Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland – ?»

Natürlich ist es schade, dass sie die ersten drei Wörter noch aus dem Original abgelesen hat, aber man muss das verzeihen, denn in Kürze steigert sie ihr Verfahren merklich: «entbergen» benutzte sie, weil sie es so originell fand. Das ist nicht nur legitim, sondern richtig so. Spannende, lustige Wörter gehören in ein Zitat. Umso besser ist, dass das ‹originelle› «entbergen» in jedem zweiten Text Heideggers vorkommt, die Originalität ist nicht fadenscheinig, sie liegt auf einer Meta-Ebene: Es als originell zu bezeichnen, darin liegt Heidenreichs starker Ausdruck der Originalität.

Vieles der Wirkung dieser neuen Zitierweise ist jedoch auch Heidenreichs Rhetorik geschuldet. Sie hätte ja das Wort («entbergen») ein bisschen versetzt aussprechen können, aber sie schaffte es, es nahtlos einzufügen. Hinzu kommt, dass man ihre Bewunderung für das Wort nicht gerade anmerkt, sie faucht es fast und setzt damit die Originalität auf eine subtilere Ebene.
Diese Stärke zeigt sie schon in der Einleitung, in einer leichten Abwandlung der captatio benevolentiae: «Also ein Satz wie — ich kann ihn ja kaum lesen, also auch Klügere als ich verstehen ihn nicht, ich schäme mich dessen nicht, dass ich vieles nicht verstehe.»
Damit hat uns Heidenreich gezeigt, wie wir der neuen Welt zu begegnen haben: Zitate müssen schön sei, sie müssen klingen — sie müssen originell sein, indem sie ausserordentlich unoriginell sind. Zitate müssen nicht aus Büchern stammen, man soll sie nicht verstehen, nicht lesen, Zitate soll man bringen und aufsagen, und mit eigenen Sätzen, mit kaum hörbaren Fragezeichen ergänzen, alles wird so nur virtuoser, Zitate sollen nicht länger als drei Worte am Stück sein, Fazite sollen aus einem Zitat und einem schönen Wort gezogen und lückenlos ans Ende des Satzes angefügt werden, aber das Wichtigste: Man muss diese Art zu zitieren gegen jede Stumpfheit verteidigen, komme, was wolle. Auch in der Öffentlichkeit, in Stellungnahmen. Zitate sind die Pflastersteine unserer Zukunftswege.


 

Ich möchte dennoch ein Bedenken aufwerfen, das sich auf den zweiten Teil von Heidenreichs Rechtfertigung bezieht. Erneut versucht sie, Heidegger nationalsozialistisch zu färben. Sie macht das mit nichtssagenden Zitaten, die im Diskurs der Zeit — auch dem jüdischen — keine Auffälligkeiten bilden. Ich will Heidegger nicht verteidigen, er ist nicht zu verteidigen, vor allem ist mir das aber einfach zu blöd.

Hier ist etwas offensichtlich und öffentlich bedroht: das Lesen. Hier wird falsch gelesen und der Öffentlichkeit aufgeschwatzt. Für das Lesen noch viel fataler aber ist die Vorstellung von kontaminierten Texten. Heidenreich sieht Drohendes in Heideggers Text und fragt, «inwieweit man die Philosophie all derer, die von ihm beeinflusst wurden, auch mal neu überdenken muss mit diesem Hintergrund.» Die Vorstellung, Texte seien krank, ist für sich genommen schon gefährlich: Bereits der Glaube, es müsse einen Index für Bücher geben, halte ich für eine Zumutung. Gefährlich ist es hingegen, wenn eine Gesellschaft nicht weiss, wie man liest und wie man über das Lesen spricht. Es gibt keine kranken Texte.
Der Glaube an Unterschwelliges, an das Eigentlich-so-gemeint-Sein ist die Hauptgefahr für das Lesen. Das erinnert an die Argumentation aus Saladins Prozess, wo Bücher zwar nicht «per se» als Pornografie bezeichnet werden, aber es eigentlich doch sind. In diesem oder jenem Kontext. In der Fülle… Texte sind zwar keine Personen, man kann sie interpretieren, sie wollen nichts Böses. Aber eigentlich — im Innersten — in Wahrheit doch. So lautet die Vorstellung dieser Leute.
Das ist eine echte Bedrohung für das Lesen. Denn Texte haben kein Eigentliches. Keine eigentliche Absicht. Keine eigentlichen Ideen. Und dass sie andere Texte in ihrer Verseuchtheit anstecken können, gar Nachfolgetexte von innen zersetzen (denen man es bis jetzt nicht angemerkt hat, dass sie eigentlich böse sind — (moment, was?) —, die latent krank sind, deren Krankheit noch nicht ausgebrochen, vielleicht rezessiv, aber lauernd, zeitbombentödlich ist).  Gegen dieses Bild muss man sich früh genug wehren. Auch deshalb:

Lesen statt Hetzen

 

Der Satz (LVIII)

Wer Bäre töten will, braucht der den Fuss allein?

Gotthold Ephraim Lessing, Der Wunsch zu sterben.

Der Satz (LVII)

For why should you praise, for example, the integrity of a Square who faithfully defends the interests of his client, when you ought in reality rather to admire the exact precision of his right angles?

Edwin Abbott Abbott, Flatland.

Der Satz (LVI)

Anschliessend las Anja die richtige Interpretation, wie sie auch bei Google steht, dann gab es noch eine endlose Diskussion darüber, ob Brecht Kommunist gewesen war, und dann war die Stunde zu Ende.

Wolfgang Herrndorf, Tschick.

Der Satz (LV)

Der Rumpf dieser Katze galoppierte 2 — 3 Sekunden, aber der eines alten Katers that dieses viel länger, und als er aufgehört hatte, fasste ich ihn mit der Hand öfters schnell an den Ribben, worauf er allemal sogleich wieder zu galoppiren anfieng.

Franz von Paula Gruithuisen, Ueber die Existenz der Empfindung in den Köpfen und Rümpfen der Geköpften und von der Art, sich darüber zu belehren.

Der Satz (LIV)

Zerhacke die Haut von einem Aale in viele kleine Stücke, und wirf sie in einen schwammichten Weyer ; so wird man in einer Monatsfrist Aalenbrut davon bekommen.

Carl von Eckartshausen, Aufschlüsse zur Magie aus geprüften Erfahrungen über verborgene philosophische Wissenschaften und verdeckte Geheimnisse der Natur.