Der Satz (X)
Hamlet:
“Let me be cruel, not unnatural.”
…
William Shakespeare, Hamlet
Zwei Cowboys oder Antonio
Zwei Cowboys ritten in den Sonnenuntergang und verliessen die kleine Stadt Alabama. Oder Tennessee. Oder Wisconsin. Oder Missouri. Oder Ohio.
Die kleinen Kinder der Stadt standen auf der Strasse und sahen ihre Helden ziehen.
Old Hammersmith nickte JD Terence zu.
„Guter Schuss übrigens.“
„Danke“, sagte Terence. „Die Aktion mit dem Fass war aber auch nicht ohne.“
Hammersmith lachte bloss aus dem Mundwinkel heraus, entzündete ein Streichholz am Sattel seines starken Pferdes und steckte seine und Terences Zigaretten an. So ritten sie eine Weile und lauschten, ob die Kinder ihnen noch zujubelten. Natürlich würden sie sich nicht umdrehen und zurücksehen, dafür passte der Sonnenaufgang viel zu grossartig zur Szene.
„Siehst du den Kaktus da?“, fragte Terence.
„Genau das, was noch gefehlt hat!“ Hammersmith grinste und sie trabten langsam am Kaktus vorbei, auf den Terence lässig sein Halstuch legte.
„Für die Kinder“, erklärte er. „Zum Andenken.“
Old Hammersmith nickte verständisvoll.
„Jimmy?“
Old Hammersmith antwortete nicht.
„Glaubst du, er hat gelitten?“
Er stutzte. „Antonio?“
„Weisst du, als du ihm den Arm abgetrennt hast. Und er am Boden lag, sich gerade zu mir hochgedreht hat… Als er da an seinen Pistolenschaft gelangt hat. Also, es war ein Versehen. Ich glaube, er wollte sich bloss die Wunde am Bauch halten. Und der Pistolengurt war verrutscht. Jedenfalls. Ich wusste, dass es ein Versehen war. Ich fühlte mich nicht im Geringsten bedroht. Als ich ihm die Kugel in den Schädel geschossen hab. Und seine Augen. Sie waren so voller Tränen. Ich kann nicht glauben, dass Augen so voller Tränen sein können. Menschliche Augen zumindest.“
Old Hammersmith brummte nachdenklich. Nach einem kurzen Schweigen öffnete er mit einem Seufzen seine vernarbten Lippen.
„Hör mir mal zu, JD. Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen.
Als ich noch ein kleines Kind war und ich in den Strassen mit den anderen Hosenscheissern amerikanische Eroberung spielte, versteckte ich mich oft in den Gassen zwischen Saloons und Häusern.
Einmal sah ich hinter einem Saloon eine Leiter. Sie ging nach oben aufs Dach und ich war gerade auf der Flucht. Also ging ich hinaus aus dem schützenden Schatten und hinauf an die Sonne. Von dort oben hatte man einen prächtigen Überblick. Man konnte das ganze Dorf überblicken. Ich sah die anderen, wie sie nach mir suchten. Sie waren nie im Leben auf die Idee gekommen, aufs Dach des Saloons zu schauen. Uns war es ohnehin verboten in den Saloon zu schauen, aber das ist eine andere Geschichte.
Jetzt war natürlich die Frage – wer hat die Leiter aufs Dach gestellt? Es war niemand auf dem Dach.
Ich kümmerte mich damals nicht darum und warf die Leiter zu Boden, damit niemand hinaufkäme. Es war mir völlig egal, wer die Leiter aufgestellt hatte.“
Terence zog die Augenbrauen zusammen.
„Jedenfalls sass ich auf dem Dach und es wurde dunkel. Langsam machte es keinen Spass mehr und ich wollte hinunter. Doch ich war nicht gerade beliebt im Dorf. Und würde man mich vom Dach holen müssen, erstrecht zu dieser späten Tageszeit, drohte mir eine mächtige Tracht Prügel. Also blieb ich lieber oben und wartete darauf, dass der Mann, der die Leiter aufgestellt hatte, hinaufkäme. Ich schlief diese Nacht. Es war einigermassen warm, aber Hunger hatte ich, Gott. Aber du weisst, da kämpft man sich durch, wenn man ein Waisenkind ist. Es war mir egal. Heute weniger zu essen hiess, weniger Stress zu haben um Essen zu bekommen.
Ich lag also da, betrachtete die Sterne und so Scheisse und schlief nach einer Weile ein.“
Old Hammersmith nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette und sah mit finsterem Blick in Richtung der abtauchenden Sonne.
„Damals brach das Goldfieber aus. Genau damals. In jener Nacht. Jemand kam in den Saloon, erzählte es herum und innert kürzester Zeit, nach einigem Unglauben, sprach sich herum, dass ganz in der Nähe, in der Nachbarstadt, Gold zu finden sei. Ich weiss nicht mehr. Es war auch irgendsoein Alabama. Oder ein Wisconsin. Oder ein Tennessee. Oder ein Ohio. Oder ein Missouri. Irgendso ein Mist. Jedenfalls sollte es dort eine Schürfstelle geben. Ausserdem so etwas wie ein Goldbruch oder dergleichen. Wie dem auch sei. Sie verliessen alle die Stadt. Und als ich am nächsten Morgen in die warme Sonne blinzelte, war ich völlig alleine. Ich konnte schreien und es war niemand da, der mir helfen und mich hinterher verprügeln würde.“
JD Terence fütterte sein Pferd mit einem Apfel.
„Es war niemand mehr da? Wirklich? Auch die Alten? Alle abgezogen?“
„Nun…“ Old Hammersmith grunzte. „Nicht alle. Der alte Leichenbestatter war da geblieben und der verkrüppelte Terry mit den zusammengewachsenen Armen. Sonst weiss ich nicht mehr. Das wirkliche Problem war, dass sie alle Gerätschaften mitgenommen hatten. Es gab keine Leitern, keine Hämmer, keine Seile mehr. Nur noch ein paar Nägel und ein, zwei unbrauchbare Holzlatten hatten sie übrig gelassen. Im ganzen Dorf.
Natürlich versuchten mir die anderen herunterzuhelfen. Aber sie kannten auch keine Möglichkeit, die wenigstens zu einer Mehrheit ausschloss, dass ich mir das Genick und die Beine brach. Stattdessen warfen sie mir regelmässig Essen aufs Dach. Der Leichenbestatter schusterte zwar etwas zusammen, er arbeitete einen Nachmittag mit herausgebrochenen Bälken an einer Art Leiter. Aber bevor er fertig wurde, starb er. Wahrscheinlich zu wenig Wasser oder so. Jedenfalls konnte ich den verkrüppelten Terry auch nicht ernsthaft fragen.“
„Mannomann“, seufzte JD Terence. “Und wie bist du von da wieder heruntergekommen?“
„Ich bin gesprungen.“
„Gesprungen?“
„Ja. Seit der Leichenbestatter die Bälken aus dem Saloon gerissen hat, begann er immer mehr zu schwanken. Wie durch ein Wunder kippte er nie schnell, sondern sehr langsam. Er schlug immer zu beiden Seiten aus, aber er pendelte sehr gemächlich. Er brauchte eine ganze Nacht um von der einen Schieflage in die andere zu kippen und am Tag schwang er zurück. Immer ein bisschen weiter. Als ich irgendwann genug nah dran war, sprang ich. Ich habe mir trotzdem ein Bein gebrochen. Aber du kennst mich. Das war nicht weiter schlimm für mich.“
„Hm…“, machte Terence. Und schob sich seinen Hut zurecht. „Hm.“
„Ich habe zwölf Nächte auf dem verdammten Dach verbracht.“
„Hm. Und warum hast du mir das jetzt erzählt?“
„Ich dachte einfach, du solltest es hören“, antwortete Old Hammersmith und zündete sich die nächste Zigarette an.
wiewohl klein
ist diese eidechse
auch giftig
in der sonne ist sie
langsam doch
im schatten dieser pinie
ist sie es nicht
auf einem grossen schiff
auf einem grossen schiff
auf einem grossen schiff
gibt es ratten
und fässer
und schiesspulver
-
und gibt es löcher
gibt es wasser
auf einem grossen schiff
Das Machen von 1000 Sachen
Ich müsste noch eine lange Reihe von Dingen erledigen, Dinge, die ich schon längst hätte erledigen müssen, ja ich sollte sie alle nach einander, Stück für Stück, hinter mich bringen, abhaken und am Ende ein paar Schritte zurückstehen und das Werk bewundern, das ich vollbracht habe, ich müsste diese Sachen einfach kurz machen, fertigstellen, vollenden, etwas davon hervobringen, etwas wegschaffen, jenes abschliessen, jenes anfangen, eines mitteilen, das andere zum Müllcontainer bringen, oh, ich bräuchte das alles bloss zu machen, natürlich, ich müsste nur anfangen und nicht aufhören, heute noch, und dann geht es nicht viele Wochen, einfach bis es zu Ende ist, die erste Sache machen, dann die zweite, dann die dritte, bis es abgeschlossen ist, denn es werden ja kaum unendlich viele Sachen sein und wenn ich so die 1000te Sache gemacht hätte, könnte ich mich ja aufrichten, in den Tag blinzeln, mir den Schweiss von der Stirn wischen und lächeln, wie die Bananenpflücker in der Fernsehwerbung., dann könnte ich schauen, was ich machen wollte, oder ich ob ich gar nichts machen wollte und dann würde ich genau das machen, zum Beispiel…
Mit Ballast
Mit einem Leben, das zu führen er nicht fähig, und einer Steuererklärung, die zu hassen er nicht gütig war. Mit einem Bauch, den zu trainieren er nicht willig, einem Haus, das zu pflegen er nicht fleissig, und einer Frau, die zu befriedigen er nicht Manns genug war. Mit einer Haltung, die zu wahren er nicht überzeugt, und einigen Talenten, die zu verbessern er nicht kundig war. Mit einem Garten, den zu giessen er nicht motiviert, und einem Swimming Pool, den zu nutzen er nicht rüstig genug war.
Mit all dem und noch mehr war es schliesslich kein Leichtes über die Runden zu kommen.
Der Satz (IX)
I just dropped in – to see what condition my condition was in.
…
Mickey Newbury/Kenny Rodgers & the First Edition, Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In)
Blaue Flecken rote Wangen
Thomas ass ein wenig Teig.
„Nicht jetzt, Thomas, du musst doch warten, bis wir es gebacken haben.“
„Aber es ist so lecker“, presste Thomas aus vollen Backen hervor und zwirbelte kleine Fasern der klebrigen Masse um den Finger.
„Du wirst Bauchschmerzen davon bekommen“, belehrt ihn seine Mutter, während sie sich die Hände trocknete und zu Kevin hinüberschielte. Der Junge war ihr nicht ganz geheuer. Manchmal trug Thomas blaue Flecken nach Hause, wenn er mit ihm spielen war, und bei einer Freundin hatte sie schon Bedenken geäussert, ob er zum Kreis ihrer Kinder passte. Er war so grimmig und still. Vielleicht war er auch ein wenig behindert, wer wusste das schon? Deshalb, das war der Plan, würden sie und die anderen Mütter Kevin ein wenig unter die Lupe nehmen. Hier, beim Kecksebacken schien er sich nicht sonderlich wohl zu fühlen, andererseits, wer konnte das schon sagen?
Mit funkelnden Augen stach er Formen aus, stumm und mechanisch, mit einer maschinellen Präzision und einer verächtlichen Schnelligkeit Thomas gegenüber.
„Schau doch mal, wie toll das Kevin macht“, sagte sie. „Vielleicht kann er dir zeigen, wies geht.“
Beide blickten vom Tisch auf und sahen sie an, als hätte sie etwas Falsches gesagt.
Dann begann Thomas, Figuren zu kneten, zu spielen und zu plärren, während im Gegensatz dazu das rhythmische Niederfallen der Ausstechform von Kevins Seite zur beängstigenden Drohgebärde auswuchs.
„Schau mal, der Samichlaus!“, erklärte Thomas, an niemanden im Besonderen gerichtet, und streckte sein Werk in die Höhe.
„Das ist doch nicht der Samichlaus“, sagte Kevin misstrauisch.
„Doch, das ist er. Und da ist sein Esel.“
Kevin zog kritisch die Augenbrauen hoch und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
„Und das hier bin ich“, meinte Thomas und legte Kevin ein Figürchen hin, das nicht wie Thomas aussah. Aber man sah, dass es mit Liebe geformt war, der Kopf hatte dutzende Eindellungen, das Produkt einer perfektionistischen Korrektur, sein Körper versuchte behelfsmässig seine echten Proportionen einzufangen, auch wenn die Arme viel zu lang geraten waren, und, was vielleicht das Rührendste war, er hatte ihm in vollem Bewusstsein eine platte Nase aufgedrückt – die zu seiner eigenen, aussordentlich platten Nase passte. „Du kannst mich haben.“
Thomas lachte für sich.
Kevin wartete kurz, denn die Rührseligkeit hatte Thomas’ Mutter überwältigt und sie musste hinschauen. Als sie sich wieder weggedreht hatte, nahm Kevin den geschenkten Teigthomas und legte ihn vor sich hin, dann trennte er, ohne zu Zögern, aber langsam, den Kopf vom Rumpf, schlug den Teig lange, mit sechs oder sieben Schlägen, flach und stach, in heftigem Hin- und Herdrehen, Formen aus dem, was von Thomas’ Leiche übrig geblieben war.
Thomas traten Tränen in die Augen. Vor Unfassbarkeit versiegten sie jedoch, bevor sie über die Lider treten und hinabrinnen konnten.
„Schau doch mal“, sagte die Mutter wieder, als sie sah, wie Kevin nach dem Teig auf Thomas Seite grabschte, „Kevin macht sogar deinen Teig. Vielleicht solltest du dich ein wenig ins Zeug legen, um ihm nicht die ganze Arbeit zu überlassen.“
Kevin nickte.
Thomas schlug mit Wucht eine Hand an die Wange, die rot anlief.
Oh!, schoss es der Mutter durch den Kopf, Wer wusste schon, woher die blauen Flecken wirklich kamen!
Soziale Arbeit
„Sie können sie doch nicht feuern.“ Der entgeisterte Ausdruck wich nicht mehr von ihrem Gesicht.
„Wie heissen Sie nochmal?“
„Frau Dietrich. Sandra.“
„Sandra, sehen Sie, ich weiss nicht, wovon sie reden. Natürlich kann ich sie feuern.“
„Diese Mitarbeiter arbeiten seit über zwanzig Jahren für diese Firma. Herr -“
„Nennen Sie mich einfach Kevin, Sandra.“ Der Anflug eines Lächelns huschte ihm übers Gesicht, allerdings blieb es bei einem Anflug.
„Kevin, sehen Sie, diese Leute finden keine neue Arbeit mehr. Das wird unseren Ruf nachhaltig schädigen. Das ist keine leichtfertige Entscheidung für eine grosse Unternehmung wie diese.“
„Hören Sie, Sandra“, sagte Kevin ungeduldig, „Sie sind die Personalleiterin. Ich warte auf ihren Vorschlag.“
Auf dem Gesicht der Personalleiterin zeichnete sich ein verdutzter Ausdruck ab. Sie dachte nach.
„Na ja, das kann ich Ihnen, äh, Dir nicht auf die Schnelle sagen. Man könnte zum Beispiel die Arbeitszeiten entlasten.“
„Das habe ich vor. Die Arbeitszeiten von ein paar überflüssigen Mitarbeitern. Wieso sollten alle für die Schwäche von wenigen bestraft werden?“
„Kevin, ich bitte dich. Gib mir bis Donnerstag Zeit. Ich werde mir einen Plan ausdenken.“
„Weisst du was?“, plötzlich stellte sich ein Grinsen auf Kevins Gesicht ein. „Das werde ich machen. Sag mir noch einmal, was du studiert hast.“
„Psychologie. Und dann habe ich noch eine Weiterbildung für Soziale Arbeit gemacht.“
„Oh, das ist… nun, das ist schön. Schau, Sandra, ich werde dir Zeit zum Nachdenken geben. Bitte geh jetzt und räum dein Büro.“
„Was?“
„Ich gebe dir Zeit zum Nachdenken. Du wirst grenzenlos Zeit haben.“
„Sie wollen mich feuern?“, fragte Sandra schrill.
„Ach, sag das nicht. Ich meine… Sag mir du. Aber ja, ich will dich feuern. Du bist doch Personalleiterin. Du weisst bestimmt, wie man damit umgeht. Findest du nicht, die Personalleiterin sollte dem Personal als gutes Vorbild voranschreiten.“
Sandra drehte sich zur Tür um und murmelte mit weit aufgerissenen Augen. „Wie konnte ein solches Arschloch überhaupt …“
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