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Monat: Februar, 2012

Blaue Flecken rote Wangen

Thomas ass ein wenig Teig.
„Nicht jetzt, Thomas, du musst doch warten, bis wir es gebacken haben.“
„Aber es ist so lecker“, presste Thomas aus vollen Backen hervor und zwirbelte kleine Fasern der klebrigen Masse um den Finger.
„Du wirst Bauchschmerzen davon bekommen“, belehrt ihn seine Mutter, während sie sich die Hände trocknete und zu Kevin hinüberschielte. Der Junge war ihr nicht ganz geheuer. Manchmal trug Thomas blaue Flecken nach Hause, wenn er mit ihm spielen war, und bei einer Freundin hatte sie schon Bedenken geäussert, ob er zum Kreis ihrer Kinder passte. Er war so grimmig und still. Vielleicht war er auch ein wenig behindert, wer wusste das schon? Deshalb, das war der Plan, würden sie und die anderen Mütter Kevin ein wenig unter die Lupe nehmen. Hier, beim Kecksebacken schien er sich nicht sonderlich wohl zu fühlen, andererseits, wer konnte das schon sagen?
Mit funkelnden Augen stach er Formen aus, stumm und mechanisch, mit einer maschinellen Präzision und einer verächtlichen Schnelligkeit Thomas gegenüber.
„Schau doch mal, wie toll das Kevin macht“, sagte sie. „Vielleicht kann er dir zeigen, wies geht.“
Beide blickten vom Tisch auf und sahen sie an, als hätte sie etwas Falsches gesagt.
Dann begann Thomas, Figuren zu kneten, zu spielen und zu plärren, während im Gegensatz dazu das rhythmische Niederfallen der Ausstechform von Kevins Seite zur beängstigenden Drohgebärde auswuchs.
„Schau mal, der Samichlaus!“, erklärte Thomas, an niemanden im Besonderen gerichtet, und streckte sein Werk in die Höhe.
„Das ist doch nicht der Samichlaus“, sagte Kevin misstrauisch.
„Doch, das ist er. Und da ist sein Esel.“
Kevin zog kritisch die Augenbrauen hoch und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
„Und das hier bin ich“, meinte Thomas und legte Kevin ein Figürchen hin, das nicht wie Thomas aussah. Aber man sah, dass es mit Liebe geformt war, der Kopf hatte dutzende Eindellungen, das Produkt einer perfektionistischen Korrektur, sein Körper versuchte behelfsmässig seine echten Proportionen einzufangen, auch wenn die Arme viel zu lang geraten waren, und, was vielleicht das Rührendste war, er hatte ihm in vollem Bewusstsein eine platte Nase aufgedrückt – die zu seiner eigenen, aussordentlich platten Nase passte. „Du kannst mich haben.“
Thomas lachte für sich.
Kevin wartete kurz, denn die Rührseligkeit hatte Thomas‘ Mutter überwältigt und sie musste hinschauen. Als sie sich wieder weggedreht hatte, nahm Kevin den geschenkten Teigthomas und legte ihn vor sich hin, dann trennte er, ohne zu Zögern, aber langsam, den Kopf vom Rumpf, schlug den Teig lange, mit sechs oder sieben Schlägen, flach und stach, in heftigem Hin- und Herdrehen, Formen aus dem, was von Thomas‘ Leiche übrig geblieben war.
Thomas traten Tränen in die Augen. Vor Unfassbarkeit versiegten sie jedoch, bevor sie über die Lider treten und hinabrinnen konnten.
„Schau doch mal“, sagte die Mutter wieder, als sie sah, wie Kevin nach dem Teig auf Thomas Seite grabschte, „Kevin macht sogar deinen Teig. Vielleicht solltest du dich ein wenig ins Zeug legen, um ihm nicht die ganze Arbeit zu überlassen.“
Kevin nickte.
Thomas schlug mit Wucht eine Hand an die Wange, die rot anlief.
Oh!, schoss es der Mutter durch den Kopf, Wer wusste schon, woher die blauen Flecken wirklich kamen!

Soziale Arbeit

„Sie können sie doch nicht feuern.“ Der entgeisterte Ausdruck wich nicht mehr von ihrem Gesicht.
„Wie heissen Sie nochmal?“
„Frau Dietrich. Sandra.“
„Sandra, sehen Sie, ich weiss nicht, wovon sie reden. Natürlich kann ich sie feuern.“
„Diese Mitarbeiter arbeiten seit über zwanzig Jahren für diese Firma. Herr -“
„Nennen Sie mich einfach Kevin, Sandra.“ Der Anflug eines Lächelns huschte ihm übers Gesicht, allerdings blieb es bei einem Anflug.
„Kevin, sehen Sie, diese Leute finden keine neue Arbeit mehr. Das wird unseren Ruf nachhaltig schädigen. Das ist keine leichtfertige Entscheidung für eine grosse Unternehmung wie diese.“
„Hören Sie, Sandra“, sagte Kevin ungeduldig, „Sie sind die Personalleiterin. Ich warte auf ihren Vorschlag.“
Auf dem Gesicht der Personalleiterin zeichnete sich ein verdutzter Ausdruck ab. Sie dachte nach.
„Na ja, das kann ich Ihnen, äh, Dir nicht auf die Schnelle sagen. Man könnte zum Beispiel die Arbeitszeiten entlasten.“
„Das habe ich vor. Die Arbeitszeiten von ein paar überflüssigen Mitarbeitern. Wieso sollten alle für die Schwäche von wenigen bestraft werden?“
„Kevin, ich bitte dich. Gib mir bis Donnerstag Zeit. Ich werde mir einen Plan ausdenken.“
„Weisst du was?“, plötzlich stellte sich ein Grinsen auf Kevins Gesicht ein. „Das werde ich machen. Sag mir noch einmal, was du studiert hast.“
„Psychologie. Und dann habe ich noch eine Weiterbildung für Soziale Arbeit gemacht.“
„Oh, das ist… nun, das ist schön. Schau, Sandra, ich werde dir Zeit zum Nachdenken geben. Bitte geh jetzt und räum dein Büro.“
„Was?“
„Ich gebe dir Zeit zum Nachdenken. Du wirst grenzenlos Zeit haben.“
„Sie wollen mich feuern?“, fragte Sandra schrill.
„Ach, sag das nicht. Ich meine… Sag mir du. Aber ja, ich will dich feuern. Du bist doch Personalleiterin. Du weisst bestimmt, wie man damit umgeht. Findest du nicht, die Personalleiterin sollte dem Personal als gutes Vorbild voranschreiten.“
Sandra drehte sich zur Tür um und murmelte mit weit aufgerissenen Augen. „Wie konnte ein solches Arschloch überhaupt …“

Ein Nachmittag

Nun strich er schon seit einer geschlagenen Stunde durch die Landschaft, ohne einen drängenden Auftrag zu bekommen oder einen Gegner zu finden, an dem er sich erproben konnte. Stattdessen hatte er jede noch so winzige Truhe geöffnet, um zu sehen, ob sich darin ein Gegenstand (eine Wurst, ein paar Goldstücke) von irrwitziger Wertlosigkeit verbarg.
Und als Thomas begriffen hatte, dass er so seit einer Ewigkeit unterwegs und sein freier Nachmittag im Schwinden begriffen war und dass er die Formen der Landschaft, die er durchstreifte, immer mehr voraussehen konnte und das Auftreten ihrer Hügel, ihrer Grasbüschel und Bäume ihm als eine algorithmische Regelmässigkeit erschien, gab er sich einen Tritt und schaltete die Spielkonsole aus.

Der Bildschirm blinzelte, doch öffnete sein Auge nicht wieder. Das Schwarz des Fernsehers spiegelte Thomas entgegen und er wurde dem unangenehmen Licht gewahr, das vorherrschte: Es war das triste eines schwächelnden Nachmittags.
Thomas war nicht auf die Idee gekommen, die Lampe anzuschalten, aber es war gerade jene Phase des Tages, in der unentscheidbar war, ob man die Lampe schon anschalten sollte oder nicht.
Das Sofa war nicht richtig bequem, aber zu bequem um aufzustehen.
Thomas funkelte den dunklen Bildschrim an, der ihm bedrohlich aufzulauern schien. Er konnte kaum wegsehen. Es war, als würde etwas daraus hervorsteigen, wenn er den Blick abwenden würde. Der Schirm war regungslos wie ein Busch, hinter dem sich jemand versteckt hält.
Thomas hörte zu spät, dass seine Mutter ins Zimmer kam.
Als sie das Phlegma erfasste, in dem er schwelgte, und seinen starren Blick auf den dunklen Bildschirm erkannte, machte sie sich Sorgen, weshalb sie mit ihm schimpfte.
Wie lange er denn schon so dasitze?
Keine Antwort.
Er solle doch hinausgehen oder sich um seine Schulsachen kümmern. Wenigstens das Zimmer aufräumen. Warum mache er nie etwas mit seinen Freunden?
Thomas schnaubte, sah aber nicht vom Bildschirm weg.
„Mit wem soll ich denn etwas unternehmen?“
Er schnitt eine Grimasse und lachte hohl:
„Etwa mit Kevin?“

Die Olympiade

„Kevin.“
„Ja?“
„Ich mag dich.“
„Ja?“
„Ja.“ Sandra wurde rot, als sie das sagte. Man hörte ihr Herz klopfen.
Kevin fuhr belanglos mit einem Finger durch die kleine Pfütze von Wasser, die sich auf dem Tisch gebildet hatte und schwieg. Sandra sah ihn aufmunternd an, aber er würdigte sie keines Blickes.
„Willst du nichts dazu sagen?“
Kevin überlegte lange. Dann sagte er: „Nein.“
„Magst du“, Sandra stockte. „Magst du mich denn auch?“
Kevin überlegte noch länger. Dann sagte er: „Nein.“
„Aber…“; Sandra sah auf ihre Knie. „Wieso denn nicht? Bist du schwul? So wie du dich verhältst wirst du nie ein Mädchen bekommen. Ich will es nicht so sagen, aber eigentlich… bin ich doch deine einzige Chance.“
Kevin schwieg und malte Kreise auf den Tisch, in rhythmisch träger Bewegung, zwei Eheringe, eine Schnittmenge, Audi und schliesslich die Olympiade.
„Ich weiss, ich bin nicht hübsch“, sagte sie. „Ich bin hässlich. Aber vielleicht könnten wir es trotzdem einrichten. Ich bin nicht eifersüchtig, treu … verlässlich – und sehr verständnisvoll.“
Plötzlich erwachte Kevin zum Leben. „Verständnisvoll?“
„Ja.“
„…aber du bist doch hübsch.“ Als wäre es ihm gerade eingefalllen.
Die traurigen Augen verschwanden schlagartig und ein anmutiger Schein der Hoffnung legte sich auf das Gesicht von Sandra.
„Wirklich?“, fragte sie.
„Nein“, sagte Kevin und stand vom Tisch auf. „Nicht wirklich.“ Er wischte sich den Finger an seinem Hemd trocken und streckte sich lange und ausgiebig, bevor er ohne ein weiteres Wort durch die Türe verschwand und nach Hause ging.