Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Kategorie: An- und Verkündigungen

Literatur im Bau

Zur Zeit schreibe ich im Auftrag für WSS Architekten mit János über die Strangsanierung. Nicht Drangsalierung, ich glaube nicht. Literatur im Bau heisst das Projekt und ist nichts anderes als ein weiteres Tor in eine Parallelwelt.

Diese Welt tut sich schon auf, wenn man an den Seiten eines „flachliegenden Durchschreibebuchs“ schnuppert, des sogenannten Baujournals, das den Namen einer pazifischen Insel trägt, und auf dem oben an jeder Seite eine Zeile für das „Wetter“ zur Verfügung steht. („Wetter?“ Ja, heute schon, immerhin! Wetter sehe ich eines.)

Bild.jpg

Die Erotik, die hier mit Büchern verbunden wird, macht fast eifersüchtig: flachgelegt und bereit, durchgeschrieben zu werden. Wer würde unter dem Helm nicht erröten oder kürzer Atmen, wenn er seine Zeilen über die Entrümpelung oder die Mietersprechstunde hineindrückte? So erregt schreiben die Bauleiter, wie man es sich für das Schreiben nicht zu träumen wagte.

Die Autorin Julia Weber und der Autor Tommy Schleicher machen mit. Eine Auswahl der Texte erscheinen im Journal.

In der Sache Wartholz

Das Wichtigste vorweg: Ich habe an diesem Samstag im Asphaltstockschiessen in Niederösterreich den 3. Platz (im Team mit den ambitionierten: Markus Liske, Christian Blazek und Knut Gerwers) errungen.

17270244_10211344577863876_71329341_n.jpg

Foto: Christian Ritter

Danach noch 1. Platz im Literaturwettbewerb, was eine schöne Sache ist, wenn man bedenkt, wie schön es ist – und wieviele gute Texte es gab. Aber da Text bekanntlich mühsam ist, hier ein paar Bilder und Links.

17237247_10211332318717405_1574309936_o(1)

Foto: Christian Ritter

im Fernsehn

Das ORF hat meine Gier, meine Gier noch einmal mit der Kamera festgehalten und meinen Namen ausgesprochen wie man einen Korken auf der Zunge rollt. Den Beitrag gibt es hier:

http://tvthek.orf.at/profile/ZIB-900/71256/ZIB-900/13920794

40.479.395

Foto: Johannes Authried/Nön.at

Link zur Fotostrecke der Nön.at.

Und hier noch die Begründung der Jury, die mich natürlich besonders freut, weil sie zeigt, dass ich meinen Text richtig verstanden habe.

„Dieser Text hat die Erosion der Gegenwart im Blick, Verwerfungen, existentielle Verunsicherung und Überwachung. Die surreale Versuchanordnung überzeugt, das Motiv der Kindervertauschung ist eine Persiflage auf die Brutalität und Brüchigkeit gesellschaftlich gesichert scheinender Strukturen. Ironie, Komik und Satirik prägen die Handlung in einer dystopischen Welt, deren jugendliche Akteure einerseits ihre soziale Sphäre torpedieren, andererseits Kinder des Establishmenst sind. Der Widerstand in einer generell überwachten Welt bleibt spielerisch. Die Subversion leichtfüssig. Die Jury zeichnet mit dieser Wahl einen frischen jungen Text aus, der sich vorwagt“

Kleines Herbstupdate

Während ich mich die letzten Wochen durch ein Buch von Garrett P. Serviss gequält habe, «Edison´s Conquest of Mars» von 1898, einer inoffiziellen Fortsetzung von H.G. Wells´ The War of the Worlds, wo sich die Menschen nun unter Anleitung von Edison, «Herr Roentgen» und Lord Kelvin an den Marsbewohnern rächen — ein unfreiwillig witziges, aber unglaublich zähes Stück voller aufgebauschter Stilüberdrehungen: Der Text erschien ursprünglich in einem Serial, als Fortsetzungsgeschichte in Zeitschriften, und man kann sich leicht denken, was daran so nervtötend ist: Man braucht sich nur vorzustellen, welche Ermüdungserscheinungen HBO- oder Netflixserien heute schon mit ihrem von Folge zu Folge zu hangelnden Spannungsbogen verursachen, der stetig mehr abflacht bis er irgendwann den Punkt vom «Jumping the shark» erreicht, und welche potenzierte Geschmacklosigkeit genau dieser Effekt hundert Jahre später darstellen wird (es gibt durchaus Ausnahmen, Gombrowiczs Die Besessenen zum Beispiel.) — während ich also dieses Buch unter meinem Kopfkissen hin und hergeträumt habe, sind einge Dinge passiert, zu deren Veröffentlichung auf dem Blog ich gar nicht gekommen bin.

Pro Infirmis

Im Juli habe ich für Pro Infirmis ein Porträt über einen grossartigen jungen Mann geschrieben, der seit Geburt an starkem Gedächtnisverlust leidet. Von Herausforderung kann gar nicht die Rede sein, es ist völlig unmöglich dieser Aufgabe gerecht zu werden. Menschenleben zu porträtieren ist immer eine Gewalttat, und manche Leben sind komplexer als andere. Der Text wurde in einer Begleitbroschüre zu den Jubiläen von Pro Infirmis Aargau und Solothurn publiziert.

Delirium-Party

DSC02114
Am Donnerstag, 1. Oktober, feierte delirium N°5 sein Erscheinen. Statt der klassisch umstrittenen Vernissage, die prinzipiell auf Autorenlesungen verzichtet und die immer wieder von Gegnern und Fans als Argumente für oder gegen das Heft ins Feld geführt werden, haben wir die Feier in die Alte Kaserne verlagert und eine grosse Party gemacht. Mit der Unterstützung der virtuosen Balkanband Sebass, einer dann doch noch pflichtschuldigen Veranstaltung unsererseits — eine Parodie auf den Bachmannpreis, an dem unter anderem der delirium-Hausautor Gian Fermat teilgenommen hat — und DJs haben wir den Raum unseres Hefts etwas grösser machen wollen: Potenzial, so denken wir, hat die Zeitschrift viel. Für Literatur, über die sich diskutieren lässt, gibt es ein Interesse über die Studentenschaft hinaus. Und die steigenden Facebookfans (die sich im letzten halben Jahr verdoppelt haben), der Artikel in der NZZ vom 1. Oktober über uns («Literaturkritik mit dem Zweihänder»), unsere Taschen, die man als Abonnent gleich zum Heft dazukriegt, helfen uns in diesem Versuch. Ich bin doch ein bisschen stolz darauf, im umstrittensten Literaturmagazin der Schweiz zu sein, oder, wie wir gerne sagen: dem raffiniertesten. Und ich bin — es ist diesmal ja kein Text, dafür genug Konzeptionelles von mir drin — sehr zufrieden mit dem Resultat.
Von lockeren Gedichten, über Splatterartiges und dunkle Jazzreflexionen bis zu beissend satirischer Sezierung aller bisherigen Hefte und sehr verwinkelten Selbstreflexionen des Texts, über seinen Willen oder Unwillen im delirium zu erscheinen, streuen die literarischen Beiträge ein unglaubliches Spektrum, das durch die eigenwilligen Kritiken abgeholt wird. Versenkt euch im N°5! Dank des Stammbaums, wo wir die Verbindungslinien der Texte und ihrer Motive durch die 5 Ausgaben hindurch aufgezeichnet haben, gewinnt man rasch einen Einblick in die Funktionsweise des Hefts. Mittlerweile kann man doch einige Stündchen mit seiner Lektüre verbringen.
Jetzt geht es darum, das Heft an die Leute zu bringen. Wer noch ein Gönner-Abo lösen will, gerne unter:

http://www.delirium-magazin.ch/abonnements.php

Treppentexte

Am Freitag, dem 8. Oktober, war delirium einer der unterstützenden Gruppen, die Treppentexte wieder ins Leben gerufen haben. Es handelt sich um eine Offene Bühne in einem Keller des Niederdorfs, wo man Bier, Absinth oder Wein trinkt, in Sofas sitzt, und zuhört, sobald jemand einen Text präsentiert, und immer die Chance hat, selbst einen zu lesen. Das Schöne am Anlass ist, dass neben delirium alle Gruppen des untergrund.s dabei sind. untergrund. ist ein neuer Newsletter, der jeden Monat über die Veranstaltungen im Raum Zürich, die von nicht-kommerziellen und partizipativen Literaturgruppen gemacht werden, informert. Einschreiben lohnt sich:

http://www.untergrund.info

PLAYLAND

Am Donnerstag, dem 15. Oktober, ist die Premiere des Theaters. «Eine theatrale Nachtschwärmerei» heisst es und findet in der Telli, meinem Lieblingsort in Aarau, statt — dem Industriequartier, wo neben dem Kiff auch ein Membersclub, die AZ-Redaktion, eine Westernbar und die Bowlinghalle ‹Playland› steht. Für letztere habe ich die Szene geschrieben. Das war noch im Mai, unter Beratung des Autors Jens Nielsen, der übrigens sehr witzige Kommentare geschrieben hat.

Frage: Warum findet der Langbärtige die Todesart des Bruders schrecklich
Oder findet er einfach schrecklich dass er gestorben ist
Ich gebe zu ich hatte beim Lesen das Bild dass er in einen Schredder fiel und verhäxelt wurde
Ruth gefiel aber das Bild der verschleppten Blutvergiftung sehr gut
Und mir auch – nach Verabschiedung des Horrorbildes
Aber schrecklich ist die Todesart nicht wirklich – im Verhältnis sagen wir zu andern
Vielleicht meint er es ironisch – das wäre natürlich okay

Es geht um einen Mann, der für seinen Bruder die High Score an allen Spielautomaten der Stadt knacken möchte. Mit ein paar Hindernissen. Und einem Arcade-Spiel, auf dessen Umsetzung ich sehr gespannt bin. Ein Figurentheater ist übrigens auch dabei. Ein Besuch dürfte sich also lohnen: An der Umsetzung selbst war ich aber nicht beteiligt. Das Stück wird nur diese und nächste Woche aufgeführt.

Am 8. Dezember lese ich den Text noch im Aargauer Literaturhaus, am 14. Januar im Literaturhaus Basel.

Orte-Literaturmagazin

image

Der Text wurde im orte N°138 publiziert. Leider ohne die Spielbeschreibung, mit einem doofen Bild und informellen Kommentaren, die für die Theatermacher gedacht waren. (In der Regieanweisung stehen Sachen wie
«8bit-Sounds wären cool».) Trotzdem freue ich mich, in der historisch gesehen bedeutensten Literaturzeitschrift der Schweiz veröffentlicht zu haben, und der Text ist so belustigend funktional unter den anderen, sprachlich verwinkelten.

DRALL

Unsere erste Literatursendung geht in den Äther. Das wollte ich immer schon einmal schreiben: In den Äther. DRALL wird am 17. Oktober um 18:00 Uhr und am 21. Oktober um 21:00 Uhr auf Kanal K ausgestrahlt. Trotz einiger Unbeholfenheiten des ersten Versuchs ist die Stunde gefüllt mit knackigen Sachen, ich empfehle euch sehr den TRACK — János Mosers Text wurde von der Aargauer Band Pinut vertont —, die Buchsprechung über Rolf Lapperts neues Buch und den Rückblick auf den A4 gewinnt-Wettbewerb. Ich werde auch informieren, sobald es das Ganze als Podcast gibt.

24

Es soll Menschen geben, die an ihrem Geburtstag gestorben sind, geschieden wurden, einen lebensgefährlichen Infekt an ihrer Party entdeckt haben und sich dann die Hand amputieren lassen mussten. Andere Menschen soll es geben, die ihre Geburtstage einfach geniessen. Obwohl das eine das andere ja nicht zwingend ausschliesst. Es gibt auch Menschen, die ihre Geburtstage vergessen. Es sind dies fast immer Figuren aus Büchern, wie Nick Carraway oder Harry Potter. Wenn man an seinem Geburtstag früh aufsteht, wird man mit einem Sonnenaufgang belohnt, sofern das Wetter nicht schlecht ist. Wenn man früh schlafen geht, hat man sich die Unwichtigkeit eines einzelnen Tages und den eigenen entspannten Umgang mit dem Alter bewiesen. Manche lesen an ihrem Geburtstag ein Buch, vielleicht weil sie es geschenkt bekommen haben und es aus Höflichkeit anfangen. Es gibt viel Streit an Geburtstagen und Tränen fliessen überdurchschnittlich viel. Aber eigentlich sind Geburtstage etwas Schönes. Das darf man nicht vergessen, und wenn man darüber oder über etwas Misslungenes an diesem Tag weint, hat man über etwas Schönes geweint. Vielleicht auch nur deshalb, weil man nicht damit einverstanden ist, dass die Gesellschaft gerade dieses für schön halten will oder weil das Schöne in der Erwartung, die es mit sich bringt, immer alles vernichtet, was auf Gefühle, Wohlwollen und abgemessene Feinfühligkeit angewiesen ist. Das Schöne ist, wie Geburtstage, ziemlich stur und ohne viel Humor.
Man kann an einem Geburtstag oft Geschenke auspacken, wofür man, wenn man denn kann, sehr dankbar sein sollte, und um der Verlegenheit anderer Menschen aus dem Weg zu gehen, packt man sie lieber zu Hause aus, aber nur weil einem an diesem Tag alles irgendwie selbst in Verlegenheit bringt. Man wacht schon geziert auf und drückt die rot angelaufenen Wangen ein wenig ins Kissen, bevor man aus Scham, es noch schlimmer zu machen, doch endlich aufsteht. Geburtstage sind überaus peinlich und weil man den Umgang mit peinlichen Situationen, peinlichen Menschen und peinlichen Bemerkungen, die jemandem herausgerutscht sind, besser geübt ist als den Umgang mit peinlichen Tagen, ist die Fahrigkeit, mit der wir uns rasieren und mit der wir bereits durch den Korridor schielen, als wäre er an diesem Tag ein anderer, besonders ausgeprägt und selbst schon wieder irgendwie peinlich.
Es soll auch Menschen geben, denen Geburtstage nicht peinlich sind, zum Beispiel, weil bei ihnen doch alles perfekt läuft, sie von morgens bis abends ein Lächeln auf dem Gesicht haben, in Überraschungsparties stolpern, an denen sie mit alten Freunden endlich wieder Witze machen können, den besten Kuchen aller Zeiten essen und abends in den Armen ihrer Liebsten einschlafen. Aber diesen Menschen ist überhaupt nichts peinlich. Und die meisten würden zumindest irgendwann dazwischen, wenn sie gerade auf der Toilette sitzen, wegen des ganzen Kitsches und darüber, wie sehr alles gelungen ist, das Gesicht verzerren, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Dagegen lässt sich nichts machen.
Wenn man zum Beispiel 24 wird, dann ist das schon ziemlich peinlich, man möchte gerne wegsehen, 23 ist jetzt auch nicht viel besser, 38 erst recht nicht, aber irgendwie wäre es einem doch im Moment lieber, ausgerechnet der 24. scheint sich gerade so wichtig zu nehmen und aufzudrängen. Aber, bewahre!, man werde darauf nicht angesprochen. Das wäre so, als hätte man sich im Chemieunterricht eine Augenbraue versehentlich blau gefärbt und alle täten, als würde es ihnen nicht auffallen. Manche Menschen schämen sich so sehr vor dem Schämen, dass sie lieber an ihrem Geburtstag sterben würden, als aufzuwachen. Aber die trifft es meistens einen Tag oder zwei später, und das ist auch ganz richtig so, denn wenn sie in der Arztpraxis stünden und jemand ihre Identitätskarte verlangte; wenn die Angehörigen den Totenschein und später den Grabstein ausstellen müssten; wenn sie die Krankenkassenkarte für den Infekt an ihrer Hand zücken müssten; würde wieder eine Stimme, vielleicht die der Frau an der Rezeption oder die des Assistenzarztes, das Geburtsdatum vorlesen oder zumindest murmeln und sie wüssten dann nicht einmal wohin schauen, weil alle Umstehenden schon zu den unverfänglichen Stellen des Zimmer schauen aus lauter Beschämung. Da würde man den Geburtstag doch lieber vergessen, aber man ist ja nicht aus einem Buch. Niemand ist aus einem Buch. Ausserdem sind Geburtstage in Büchern schon sehr traurig. Da sind mir meine doch etwas lieber.

Wrag! – Relaunch

Dieser Blog hatte einiges durchzustehen als Wellenbrecher in der nicht wirklich brandenden Brandung des Internets. Doch die Vernachlässigung, wenn sie auch Gründe hatte, findet ihr Ende.

Was passiert?

«Quappe und die Welt» heisst jetzt «Wrag!».

Lange nichts gebloggt. Lange keine Kurzgeschichten, keine Gedichte geschrieben. Ich hatte aufgehört, weil ich glaubte, dass das, was ich tat, nicht zum Blog passte. Das war ein Irrtum: Ich hätte darüber nicht schweigen dürfen. Ich hätte über die Tatsache bloggen müssen, dass das, was ich tat, nicht mehr zum Bisherigen passte. Vielleicht hätte ich dann herausgefunden, warum.

In gewissem Sinne hatte der Blog immer schon den Zwiespalt: Müllhalde zu sein, und Herzensangelegenheit. Ich bloggte nie über Privates, sondern über säuberlich als fiktiv markierte Fiktionen. Der Widerspruch lag darin, dass sie genauso privat und peinlich waren wie Tagebucheinträge. Zwar konnte ich mich oft zurückhalten, dümmliche theoretische und philosophische Überlegungen, wie sie mir im Leben begegnen, zu veröffentlichen. Aber andererseits ist die Vorstellung, es gäbe damit etwas zu verschandeln, trügerisch und hochmütig.
Ich bin mir nicht mehr sicher, wie wichtig Sauberkeit im Internet ist. Dieser Blog ist am Ende doch nicht genug, um Portfolio zu sein. Er ist und bleibt ein skizzenhaftes Arbeitsbuch. Er kann, indem er Texte der letzten 5 Jahre versammelt, gar nichts anderes sein als ein Skizzenbuch. Daher sollte keine Entwicklung im Schreiben, die mich umtreibt, zwanghaft verschwiegen werden. Selber zu schreiben und originell zu scheinen, ist wichtig, aber manchmal ist Kleines, worüber man stolpert, wichtiger.

«Wrag!» ist ein Schrei aus dem Nichts, kein schöner, klingender Urschrei, kein Schrei der Lust oder des Kampfes oder des Leids, «Wrag!» ist ein schreiendes Krächzen, das den Kiefer schnappen lässt. Eine Cartoonfigur könnte es machen, bevor sie mit der Liane in einen Baumstamm knallt, oder man selbst, wenn man im Urlaub merkt, dass man seit Tagen in der falschen Stadt ist. Versprach «Quappe und die Welt» leicht ironisch mehr als es je halten wollte, verspricht «Wrag!» hoffentlich gar nichts. Es schnappt nach Luft, ein bisschen verzweifelt oder nur überrascht, und ruft ins Internet hinein, existenziell, so existenziell wie eine Cartoonfigur eben kann.

«Bin wieder da.»

deliriumeintauchen

Was läuft?

  • Auftritte. Man konnte mich an der Lesung in Zofingen im Februar und bei der Moderation der Vernissage von János Mosers neuem Buch «Der Graben» sehen.
  • Theater. Ich arbeite am neuen Szenart-Projekt, das «ortsgebundenes Theater» in der Telli in Aarau aufführen wird. Ein kurzes Stück von mir wird dort im Oktober gespielt werden. (Webseite)
  • delirium-Redaktion. Ich bin neu in der Redaktion von delirium (Webseite | Blog | Facebook) (von dem ich früher berichtet habe, weil damals ein Text von mir veröffentlicht und inszeniert wurde). In der Diskussion über Literatur und im Austausch zwischen Schreibenden begeht die Zeitschrift neue Wege: Zu jedem literarischen Text gehört eine Kritik. So werden die Texte endlich einem Publikum vorgestellt, das dazu angeregt wird, sich eine Meinung zu bilden. Zugleich zeigt sich so, dass das Reden über Literatur, also literaturkritisch zu sein, nicht Sache von Spezialisten ist. Kritik kann befreien, lustig und klug sein, klüger als die Texte, die sie kritisiert, und dennoch nicht überflüssig. Indem die Zeitschrift Bezüge zwischen ihren Ausgaben herstellt, unterschiedliche Autoren publiziert und sie aufeinander treffen lässt, ist vielleicht bald das erreicht, was noch so unmöglich scheint: Eine Plattform für junge Literatur in der Schweiz.
    Nie wurde ich so oft angefeindet wie in dieser Redaktion: delirium ist kontrovers, ein schwieriges Heft, und das macht es wertvoll. Ich und sechs Freunde investieren einen Tag pro Woche in die Arbeit an delirium, das stetig wächst und Grosses vorhat. Unterstützt das Projekt! Auf Facebook, als Gönner, als Leser oder als Beitragende! Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, das Heft und den Blog im Auge zu behalten.
  • ETH. Ich arbeite weiter an der ETH als Hilfsassistent an der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft.
  • Bookstar. Ausserdem betreue ich die Informatik von bookstar.ch (Webseite | Facebook), einem Projekt zur Leseförderung, das Jugendliche dazu anspornen soll, gelesene Bücher zu bewerten und zu kritisieren. Schulklassen und Einzelne können mitmachen. Ich finde die Idee gut. Nur über die kuratierenden Bemühungen grösserer Internetgemeinschaften kann Literatur interessant werden. Es müssen Meinungen gebildet werden, es müssen Subkulturen, Strömungen, Fangemeinschaften entstehen, und vor allem muss sichtbar sein, dass es das überhaupt gibt: Leserinnen und Leser.
  • Jung im All. Und wie immer laufen die Projekte und Wettbewerbe von Jung im All (Webseite | Facebook), das dank einem neuen und verstärkten Team in diesem Jahr mit besonderem Elan und Abwechslung auftritt.

7820_5086-Ein-Überraschungsabend

Neue Kurzgeschichten: Im Narr, im Lasso

Zwei weitere Kurzgeschichten. Diesmal weniger schwer und endlich ein bisschen mehr Pulp: Einmal Science Fiction, einmal Mittelalter!

IMG_20140614_113406[1]

Im NaRr #13 findet man «Helden», einen bisher unveröffentlichten Text über die physischen und psychischen Voraussetzungen, ein Held zu sein. Ritter und Riesen spielen sie durch.

Im Lasso-Magazin (mit dem allercoolsten Cover!): «Eine effiziente Stadt», die Überarbeitung einer früheren Kurzgeschichte auf diesem Blog, die von einer perfekten Ökonomie des Alltags träumt.

Kleines Frühlingsupdate

1. Denkbilder, das Germanistik-Magazin der Uni Zürich, veröffentlichte letzten Donnerstag einen Text von mir. Gewissenhaften Blog-Lesern dürfte „Ein Irrer im Dunkeln“ bekannt vorkommen. In ihm war der „Zwang“ (so das Thema des Hefts) schon immer angelegt. Manche kluge Geschmäcker mögen diesen besser als den Delirium-Text. Mir geht es nicht so. Aber ich habe in vielen Geschmacksangelegenheiten — und ich bin einer der Wenigen, die das ernst meinen — auch wirklich keine Ahnung.

2. Ich freue mich, dass ich mit der Kurzgeschichte „Widerstand“ in die Endauswahl (die ersten 10) des Literaturpreises Prenzlauer Berg gewählt wurde. Nun gibt es eine Kampflesung am 18. Mai, von der ich mir noch nicht sicher bin, ob ich sie in Berlin abhalten kann. Nur die ersten Drei gewinnen (500€, 250€, 250€) und es ist eine kostspielige Angelegenheit. (Falls jemand so verrückt wäre, mich finanziell unterstützen zu wollen, darf er oder sie mich gerne kontaktieren). Es freut mich aber, bereits so weit in diesem renommierten Wettbewerb gekommen zu sein.

3. Nun wird auch noch das Lasso-Magazin einen, den Blog-Lesern ebenfalls flüchtig bekannten, aber stark überarbeiteten Text abdrucken: „Eine effiziente Stadt“. Nettes Heft-Thema: „Schöne, neue Welt“. (Von einer Kurzgeschichte im nächsten NaRr habe ich ja kürzlich schon berichtet.)

4. Zwei Texte von mir sind im aktuellen Delirium N°2 vor wenigen Tagen erschienen. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte und einen Essay. Die Ausrichtung von Delirium verdient besondere Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu anderen Literaturzeitschriften möchte es eine Plattform schaffen, in der Literatur verhandelt wird. Das heisst: Hier wird nicht für sich geschrieben oder für den erhofften Erfolg in der Sphäre gestandener Schriftsteller, sondern die Texte beziehen sich aufeinander, spielen mit sich, erschaffen ein Forum. Deshalb wird jede Kurzgeschichte von einer Kritik begleitet. Meine Kurzgeschichte „Drei Geometrieaufgaben“ entzündet sich an einem Text der ersten Ausgabe, steht aber durchaus für sich allein: In drei formal unterschiedlichen, inhaltlich aber überschneidenden Teilen geht es um die Themen „Helix“, „Tesserakt“ und „Symmetrie“. Der Kritiktext lässt mich erglühen vor Stolz: „Verkorkst“ sei meine Geschichte, ein „surreales Labyrinth“, „spielerisch“, eine „Übersetzung“ und ihr Hauptmotiv sei — es hat mich selbst überrascht, aber sofort überzeugt — das „Mittagessen“.
Ausserdem gibt es den Essay zum Thema „Literatur: Ausdruck oder Programm?“ im zweiten Heftteil, wo theoretische Themen diskutiert werden. In „Verbuggte Literatur“ erkläre ich, dass der Ausdruck nicht aus dem Inneren des Autors kommt, „sondern aus der Systemlogik eines Programms, dessen Tiefenstruktur bis zur Unerreichbarkeit vergraben ist.“ Ausdruck ohne jemanden, der sich ausdrückt? Wer wirklich wissen will, wie ich über Literatur denke, sollte sich diesen kurzen Essay anschauen.

Link.

5. Ich bin in der Endauswahl (die ersten 8) des entwürfe-Literaturwettbewerbs, im Rahmen dessen der Text „Das Shoppingcenter“ auch Eingang in die Mai-Ausgabe von entwürfe findet. Dieser Text ist über Monate hinweg entstanden und ist für mich noch wichtiger als „Drei Geometrieaufgaben“. Ich habe lange gerungen, bis ich zufrieden war, also verdient er meine wärmste Empfehlung.

6. Die Webseite von Georg Klein — ziemlich berühmter, vor allem aber unglaublich sprachbegabter Schriftsteller — hat mein Ein-Satz-Review zu „Die Zukunft des Mars“, seinem neuen Roman, publiziert. Der Untertitel übersetzt rührend: „Cédric Weidmann, Rezension in einem Satz“. (Herzlich Dank an Dunja für den Hinweis.)

7. Die Webseite des Rotpunktverlags hat in einer Stellungnahme zum Saladin-Buch meine Rezension verlinkt. Die Affäre hat sich durch den fast zeitgleich mit meiner Empfehlung erschienenen Blick-Artikel zugespitzt. Eine wachsende Liste von Unterstützenden mit Lehrern, Schülern, namhaften Professoren, Schriftstellern und allen möglichen anderen Berufen (alles und in geraumer Zahl auch in weiblich!) formiert sich als Widerstand gegen die Zensur und den tendenziösen Diskurs der Medien. Ich stehe mit Überzeugung auf dieser Liste. Für alle, die etwas Gutes tun oder sich gegen diese Formen der Unterdrückung wehren wollen: Schreibt einen Kommentar unter diesen Post und ich werde euch einen Platz auf der Unterstützerliste vermitteln.

Lesung auf Litradio und eine Handvoll Text in Literaturzeitschriften

Ich muss verrückt sein, das hier zu posten — ich halte es kaum aus —: Die Aufnahme meiner Lesung aus dem Zürcher Literaturhaus auf Litradio. Zum Verschlucken von Wörtern und Verhaspeln gibt es zu sagen: Wir wussten nicht, dass wir aufgenommen werden, und freilich habe ich alles, was hätte stören können, mit Gestik und Mimik wettgemacht, die in der Tonaufnahme verloren gegangen sind, (nicht). Die vier Bier, die ich davor hatte, seien hier unerwähnt. Schade auch, dass die Diskussion weggeschnitten wurde.

Was noch so ansteht?
Erfreulicherweise wird es schwierig werden, im 2014 ein Schweizer Literaturmagazin zu ergattern, in dem kein Text von mir zu finden ist: Im Delirium (Drei Geometrieaufgaben), in Denkbilder (Ein Irrer im Dunkeln), in der Narrgenda (Eine Dreifaltigkeit), im Narr (Helden) und im entwürfe (Das Shoppingcenter) wird es jeweils einen Text von mir geben. Wenn alles gut läuft, krieg ich noch was hin. Ihr wisst ja: Catch ´em all!

Und hier noch der Flyer zur Delirium-Vernissage, an der ich nicht lesen werde. Aber ein Satz aus meinem Text prangt auf einem coolen Bild, sowas verpflichtet: