Häusliche Gewalt

von Cedric Weidmann

Das Schlagzeug hatte er immer schon in der Küche stehen.

Fragt ihn nicht, wieso, das hatte er schon lange vergessen.

„Einen Grund wird es wohl schon haben, dass das da steht, würde es nicht da stehen, hätte es womöglich sogar einen Grund nicht dazustehen. Und solange es da steht, akzeptiere ich, dass es da steht, denn egal weshalb es da steht, es steht da und es wird schon richtig sein so. Wieso sollte ich alles zerrütten, wovon ich nichts verstehe, nur weil ich glaube, dass ich es tue?“, antwortete er für gewöhnlich seinen Gästen.
„Man hat Schlagzeuge ja auch aus irgendeinem Grund erfunden. Da konnte man noch nicht wissen, dass es nach einem Konzert auf der Bühne zertrümmert wird. Wenn das also in der Küche steht und ich das jetzt einfach mal rausnehme und dann das Parlamentsgebäude zusammenstürzt, das könnte ich nicht verantworten.“
Deshalb wurde er häufig als ängstlich beschrieben.
„Ich habe keine Angst. Angst und Respekt sind das Gleiche. Ich will da nur vorsichtig sein. Wenn ich etwas nicht verstehe – und ich gebe gerne zu, dass ich das nicht tue – dann gehe ich damit auch nicht leichtfertig um. Vielleicht ist das nur ein Schlagzeug, ja. Aber was ist das schon, „nur ein Schlagzeug“? Vielleicht ist das ja auch ein Zeichen, von Gott oder weiss der Teufel wem.“
Manchmal störte es ihn etwas beim Kochen, dann stolperte er über das Hihat und wenn es dumm kam, stiess er beim Öffnen des Backofens an die Bass Drum. Alles in allem konnte man sich aber damit arrangieren, auch wenn es teilweise etwas ausgeklügelte Taktik erforderte.

Es war eines etwas tristen Abends, es war vielleicht schon Frühling, so genau konnte das niemand am Wetter ablesen und kalendrarisch waren sowieso alle eine Pfeife, es war genau in einem solchen schon etwas dunkelnden Küchenzimmer als er mit einer Flasche Bier im Rahmen der Türe stand und das Schlagzeug betrachtete.
Das hatte er immer schon dastehen.
Er hörte seine Frau kreischen, wo er denn stäke, ob er denn immer noch nicht den Müll rausgebracht habe. Darauf nippte er jeweils an seiner Flasche und manchmal rief er zurück, dass er ja dabei sei, meistens aber schwieg er. Und während seine Frau in Rage geriet, zählte er im Stillen auf zehn, wie sie es im Beraterkurs gelernt hatten.

Eins, zwei.

Eins, zwei, drei, vier.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er seine Hände in der Höhe schwebend, aus ihnen zwei Schlagbesen ragend und wie er auf dem Stuhl sass, vor dem Schlagzeug und er spürte, wie die Trommeln vibrierten, als er zuschlug und sich in Ekstase hämmerte.

Buddy Rich, sagte er sich, Buddy Rich musste das in die Küche gestellt haben.