Gesunde Augen

von Cedric Weidmann

Hier war der Beginn seines neuen Lebens.

Er stand jetzt zum ersten Mal seit sieben Jahren auf freien Füssen. Vielleicht hatte er damals etwas hoch gepokert mit seinen Spielchen, vielleicht etwas sehr hoch, aber er fühlte sich nun ziemlich gerecht und gerechtfertigt, da er die sieben Jahre souverän ausgestanden hatte.
Er wusste, hier und jetzt würde ein anderes Zeitalter hereinbrechen, reingewaschen von der Vergangenheit.

Wie sollte man es am Besten beginnen?

Er beantwortete diese Frage im Supermarkt und kaufte eine Packung gefrorener Karotten, von der Kassiererin unter akrobatischer Mühsal eingescannt.
Irgendwo musste man ja anfangen.
Er könnte auch gleich eine Wohnung mieten, meinte er, einen Job finden, ein Bild malen, neue Freunde suchen, auf den Strich gehen, sich zuschütten, was zerschlagen.

Oder aber, so fand er sich plötzlich in seinen gesunden Gedanken wieder, er würde sich einfach diese Karotten nehmen. Die würden schon etwas bedeuten, so Karotten, das musste ein Zeichen sein, gefrorene gleich noch dazu. Das würde der Anfang seiner Sesshaftigkeit sein, der Anfang seines Bünzlitums, seiner Spiesser- und Arschkriechereien. Das würde der Grundstein seiner rot-schwarzen Designerküche und bei seinem ersten anständigen Date als delikate Beilage dabei sein. Es könnte in seiner Tiefkühltruhe liegen, in seiner ersten Vorratsreserve seines Lebens, er könnte planen, er könnte dann plötzlich eine Sicherheit haben, einen roten Faden, er könnte Ziele anstreben, die zu erreichen möglich waren und er würde sich in den Ferien in der Karibik darüber freuen, dass er wieder Karotten in diesem sanddurchwehten Strandrestaurant auf dem Teller fand, die ihn daran erinnerten, wie er dieses Leben begonnen hatte, wie es ihn zum Aufstreben und diesem miesen Bürojob verholfen hatten, den er eigentlich hasste, aber den er tat, weil es seine Frau wollte.

Es war grossartig, er würde das machen, ja, Karotten waren orange, vielleicht würde er auch nach Amsterdam ziehen, wenn es die bescheidene Rente erlauben würde und er würde sich dort wieder einen Schrebergarten aneignen, in dem er seine eigenen Karotten züchten würden.

Der Gedanke gefiel ihm ziemlich gut, und er konnte später an diesem Tag noch einige Liedchen davon singen, während er in der Gosse gerade versuchte, eine abgestandene Bierflasche ins Feuer zu giessen um das wärmende Feuer noch etwas aufzustacheln.