Unabdingbares Dazutun

von Cedric Weidmann

Stefan Bieler war eigentlich ein ganz Anständiger.
Kam er in einen Streit, so war er selten daran beteiligt, viel mehr aus Versehen zur falschen Zeit am falschen Ort. Fand er jemanden, der traurig war, so nervte er ihn nicht und trieb ihn nicht noch mehr in seine Trauer, denn er sprach meistens gar nie mit jemandem, wenn es nicht unbedingt von Nöten war. Er sprach selten, drückte sich aber gewählt aus. Er war ein freundlicher Nachbar und ein dezenter Kollege, er war hilfsbereit bei der Arbeit und sehr ordentlich, was ihn trotz seines altmodischen Hutes immer wieder vor Langeweile in der Masse des Morgenverkehrs versinken liess. Herr Bieler war weder auffällig noch uninteressant, er war nicht attraktiv, aber schon gar nicht hässlich. Er war ganz okay, wohl. Nur eben nicht so spannend.
Trotzdem war es soweit gekommen, dass er sich vor vier Monaten einen Facebook-Account eingerichtet hatte. Einige seiner Kollegen hatten ihm das empfohlen und wenn er bei der Arbeit sah, wie sie statt ihrer E-Mails neuerdings die Facebookstatenliste studierten, dachte er sich, er wolle nicht aktiv dagegen rebellieren, so ideologisch war er gar nicht, und er könnte ja einmal einen unvoreigenommenen Blick hineinwerfen.

In den ersten Momenten ist unbeeindruckenderweise gar nichts passiert. Dann erst, später, fand er einige erste Arbeitskollegen, die ihn nicht nur als Freunde hinzufügten, sondern ihn auch gleich weiterempfahlen. Es waren möglicherweise nicht Stefan Bielers Qualitäten, die ihn so schnell vernetzten, als viel eher dass er für einmal zur richtigen Zeit am falschen Ort war und in einer Welle der Freunde-Freude, der exhibitionistischen Verkettung zwischen allen kleinen Gefängnissen der Welt, aus allen Poren seiner Erscheinung Kontakte geknüpft hatte.

Manchmal schrieb er etwas in seinen Status und wie er beim Lesen der Kommentare dazu plötzlich bemerkte, dass man ihn wahr nahm, war Herr Bieler kaum mehr zu bremsen. Er blühte auf und schrieb und empfahl Links, er kommentierte und löste Quizzes und schrieb Botschaften. Er begann sogar Veranstaltungen beizuwohnen, zu denen er früher nicht eingeladen worden wäre, weil er unter den potenziellen Gästen vergessen gegangen wäre, und falls doch, nur aus Mitleid oder Höflichkeit.

Jedenfalls haben in den ersten Monaten seine Depressionen aufgehört, denn sie mussten Platz für eine unbändige Eitelkeit machen, die angesichts der interaktiven Möglichkeiten den Eindruck machte, narzisstische Massstäbe neu und digitaler definieren und damit nicht mehr aufhören zu wollen. Er war für eine Weile, die ein neues Zeitalter in seinem Leben verkündete, sowohl viel beschäftigt, als auch glücklich und sogar einigermassen beliebt, vor allem, da er in den Facebook-Kommentaren zuweilen oft schlauere Dinge sagte, als sie ihm spontan im Gespräch eingefallen wären.

Nach zwei Monaten, als diese erste Sucht jedoch vorüber war und sich die überschäumende kindliche Erregung in ein lustloses Plätschern verwandelt hatte, begann er wieder Abstand von der Plattform zu nehmen. Was brauchten die Menschen schon zu wissen? Was waren das schon für Menschen, die bemerkten, dass es ihnen gefalle, dass Herr Bieler ihnen mitteilte, wie er heute zwei Stunden früher nach Hause gehen dürfe? Die Menschen, die herumstreiften, tagelang begutachteten, lobten und witzelten, waren die nicht genauso sehr auf dasselbige aus? Sie schufen sich eine langsamere Welt, eine Utopie, die in jene Richtung wuchs, in die sie selbst auch zu wachsen hofften. Sie wollten Publikum und wurden es. Sie wollten intelligente Kommentare und verfassten dumme und wollten doch, wollten doch, wollten doch nichts so sehr, als dass ein Stefan Bieler zugäbe, wie viel besser sie doch seien, und wie freundlich, natürlich freundlicher als er selbst. Und gäbe es eine Rangliste der Besten, so würden alle die anderen auf den obersten Platz schwören um am schnellsten hochzuklettern.

Herr Bieler roch unlängst die Konkurrenz, die Heuchelei im Internet, er spürte, dass ihm die Menschen weh tun wollten, wenngleich auf eine weitaus verstecktere und schonendere Art, als man dies im gleichen Masse mit einer Axt und viel Blut und einem Rufmord hätte tun können. Er fühlte sich ganz und gar nicht zu Hause, wie er vor wenigen Wochen noch behauptet hätte.
Nach einer Weile, besuchte er Facebook gar nicht mehr, es war ihm egal, wem was gefiel und welche Kreaturen welche Objekte favorisierten. Bei Zeiten murmelte er sogar böse Sachen über die Langweiler, die immer noch auf Facebook herumspielten während der Arbeit.

Alles änderte sich schlagartig, als eines Tages ein Arbeitskollege zu ihm herüberkam und ihm auf die Schulter klopfte.
Das sei aber lustig gewesen, er habe herzhaft gelacht.
Bieler wusste natürlich, dass er herzhaft gelacht hatte, man hatte es schliesslich durchs ganze Büro schallen gehört, im Weiteren hatte er keine Ahnung, wovon er sprach.

Höflich fragte Herr Bieler nach.
Das, was er auf Facebook geschrieben habe! Er habe es gleich kommentieren müssen, so treffend sei das gewesen.

Herr Bieler nickte freundlich und beobachtete, wie sich der Arbeitskollege wieder zu seinem Sessel begab und weiter durch Facebook klickte. Das war ihm zugegebenermassen beschleichend unheimlich, er hatte nichts bei Facebook geschrieben und er hatte es auch nicht vorgehabt. Es gab da nichts Aktuelles zu loben. Wahrscheinlich hatte er Stefan Bieler mit Stefan Gubler verwechselt, der auch irgendwo im Büro sein Unwesen trieb und den falschen angesprochen. Herr Bieler musste grinsen, weil das schon etwas peinlich war.

Am nächsten Tag kam ein andere Kollege von ihm, der sich über seine Schulter bog und sich flüsternd an ihn wandte.
Er habe gesehen, was in seinem Status stünde und es habe ihn sehr, um nicht zu sagen, extrem amüsiert, doch er müsse wissen, dass es viele Verräter unter den Kollegen gäben, die solche Beleidigungen sofort an den Chef verpetzen würden.

Herr Bieler stand der Mund offen, aber auf den hilfsbereiten Blick, mit dem ihn dieser Kumpel beschenkte, konnte er nicht anders, als mit einem verständnisvollen Nicken antworten.

Später kam der Chef und er war sehr wütend auf alle im Büro. Er liess Facebook sofort auf allen Computern sperren. Seine Stimme blieb ruhig und er gewinnend beherrscht, aber in der Art, wie er ihn nicht ansah, wusste Herr Bieler, dass er einen grossen Groll auf ihn hatte.

An diesem Mittag ass niemand mit ihm, sie alle tuschelten hinter seinem Rücken und klärten ihn nicht darüber auf, was passierte.

Herr Bieler nahm sich verantwortungsloserweise das Geld und die Zeit, während der kurzen Mittagspause ins Internetcafe zu gehen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Am Nachmittag stand er auf seinen Bürosessel und erklärte öffentlich:
Das, was ihr auf Facebook gelesen habt, die bissigen Kommentare und Beleidigungen, das war nicht ich. Ihr kennt mich, ich würde mir nie so etwas erlauben.

Aber eigentlich kannten sie ihn nicht und er war nie besonders dezent gewesen in seiner aktiven Zeit auf Facebook. Also versuchte er es anders.

Jemand muss mir meinen Account gestohlen haben! Ich weiss nicht, wer von euch das war, aber es ist unanständig und bösartig von ihm und er sollte damit aufhören.

Doch die Kollegen schüttelten nur die Köpfe und wandten sich ihrer Arbeit zu.

Es dauerte nicht lange, da wurde Herr Bieler gefeuert, was auch an seinem Status abzulesen war. Niemand traute sich, dazu einen Kommentar zu verfassen und Herr Bieler beobachtete traurig, wie das Inernet lebte, wie er lebte, ohne sein Dazutun, ohne Kontrolle und Macht. Er hätte natürlich alles löschen können, was auf seinem Facebookstatus stand, doch immer wenn er es versuchte, tauchte unverdriesslich derselbe Text an derselben Stelle wieder auf. Und er hätte den Account löschen können, aber es wäre vermutlich nichts geschehen.

Niedergeschlagen bezahlte er das Internetcafé zum zweiten Mal und verliess es.

Draussen stand Stefan Bieler.
Es sei schon dunkel, bemerkte dieser, und noch immer sei er wach.

Natürlich bin ich wach, sagte Herr Bieler wütend und verwirrt, doch wer sind sie?
Ich bin Stefan Bieler, sagte Stefan Bieler, und ich weiss, dass sie Stefan Bieler sind.
Ich sehe, dass sie Stefan Bieler sind, antwortete er weiterhin wütend, ich sehe ja, dass sie aussehen wie ich.
Und das macht mich schon zu Ihnen?, fragte der andere Herr Bieler, der ganz im Gegensatz zum Original sehr unbewegt schien.
Nein, nicht nur das. Ich weiss auch, dass Sie meinen Facebookaccount haben und dass Sie so denken wie ich, nur ehrlicher sind. Dass Sie beliebt und neuartig und hip aber ansonsten so sind, wie der alte Herr Bieler, der ich bin.
So ist es wohl, sagte der neue Herr Bieler.

Sie beide standen sehr lange am Strassenrand und sahen den Autos am vorbeiwrahen zu, während sie nachdenklich eine rauchten und freundlich dem anderen Feuer boten.
Ich glaube, sagte der alte Herr Bieler, ich gehe dann wieder. Und für das weitere Leben, so werde ich es so einrichten, dass ich in der Masse und der Trägheit und der Vielsamkeit und dem unvernetzten Leben so verschwinden werde, das ich nichts mehr wert bin.

Gut, sagte der neue Herr Bieler. Vielleicht werde er darüber bloggen.