Berufswunsch

von Cedric Weidmann

Grausamerweise hatte Hermann oft das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Dann klingelte das Telefon.
„Herr Hermann?“
„Ja.“
„Sie sind mir immer schon sympathisch gewesen.“
Herr Hermann kriegte relativ schnell eine Gänsehaut und da ein solcher Anruf, vor allem aus der Quelle des Unbekannten, höchst beunruhigend war, spürte er, wie sich die Haare an seinen Armen aufrichteten.
„Herr Hermann, wie geht es Ihrer Frau?“
Herr Hermann hatte tatsächlich eine Frau. Aber die musste heute irgendwo in Mexiko sein. Beim besten Willen konnte er nicht ausmachen, wer der Anrufer war, geschweige denn, was er wollte.
„Mexiko ist gefährlich, aber ich glaube, es wird ihr gut gehen. Menschen sind äusserst toll darin, sich anzupassen. Frauen noch viel eher, als wir das je verstehen würden.“
Hermann konnte nicht einmal behaupten, dass ihm die Stimme bekannt vorkam.
„Wer sind Sie?“, meldete er sich zum zweiten Mal zu Wort.
„Wer ich bin? Das spielt doch für Sie keine Rolle. Viel spannender wäre die Frage: Wer sind Sie?“
Hermann war sich nicht sicher, ob er das für einen unhöflichen Scherzanruf halten sollte. Einerseits war das ein sehr rüppiges Verhalten, das der Anrufer an den Tag legte, andererseits sprach er sanft und einfühlsam und sein Kompliment hatte äusserst glaubhaft geklungen. Ausserdem war Hermann ganz grundsätzlich sehr anfällig auf Komplimente.
„Ich bin Günther Hermann und das hier ist meine Nummer. Wer sind Sie?“
„Bei allem Respekt, Herr Hermann, so einfach ist das nicht. Wissen Sie denn, wer Günther Hermann ist?“
Wie aus Reflex begann sein Gehirn zu rattern. Als ob etwas in seinem Kopf die Alternative auskosten wollte, dass es sich um eine Quizshow handelte, die ihm eine Preisfrage stellen wollte. Es wollte ihm einfach keine Persönlichkeit mit dem Namen Günther Hermann einfallen.
„Ich werde es Ihnen zu erklären versuchen. Hermann Günther, zweiundreissig Jahre alt, lebt seit fünf Jahren in der Schweiz, alleine und ohne Kinder. Er ist nicht unglücklich. Ausserdem ist er Astronaut.“
Hermann lachte unwillkürlich. Dieser Scherz war zu geschmacklos, um ihm Fassung entgegenzubringen. Für einen Moment wusste er nicht was sagen, dafür war er umso überzeugter, dass es sich um einen Scherzanruf handelte.
„Ich arbeite bei einer Brokerfirma. Ich bin dort sogar engagiert und sogar einigermassen bekannt. Man sagt, ich bewahrte einen kühlen Kopf und stünde mit beiden Beinen auf den Füssen. Denn es ist ein hartes Geschäft.“
„Aber eigentlich schweben Sie.“
Etwas Unheimliches regte sich in ihm. Es war, als ob dieser Satz ihn aufspringen lassen wollte. Natürlich vor Wut, anders konnte er es sich nicht erklären, aber er hatte auf einmal den unbeschreiblichen Drang, zu springen. Er hielt sich an der Wand fest, um dem Willen nicht nachzugeben.
„Sie schweben schon sehr lange, Herr Hermann.“
Er musste nicht mehr antworten, die Leitung schien von der satten Stimme voll erfüllt, sie führte das Gespräch strikte und es wäre auch unmöglich gewesen, aufzuhängen, so stark war der Sog, den sie auf menschliche Ohren ausübte.
„Könnten Sie mir jetzt einen Gefallen tun, Herr Hermann? Gehen Sie bitte in die Küche.“
Er brauchte nur ins Nebenzimmer zu gehen und er stand da. Er antwortete nicht, als er dem Wunsch Folge geleistet hatte.
„Gut. Jetzt öffnen Sie den Kühlschrank.“
„Ich soll den Kühlschrank öffnen?“
„Sie haben mich perfekt verstanden, Herr Hermann.“
„Wieso sollte ich das machen?“
„Sie werden es machen.“
Hermann legte die Hand an den Griff seines Kühlschranks. Plötzlich überkam ihn Angst, seinen eigenen Kühlschrank zu öffnen.
„Fürchten Sie sich nicht, Herr Hermann. Es ist nur ein Kühlschrank.“
Dann entschloss er sich, für seine Verhältnisse schnell, und riss mit aller Wucht, die er aufbringen konnte, die Tür auf.
Den Tisch, das Geschirr und Herr Hermann zog es in einem unglaublichen Sog hinein. Dann fiel die Tür zu und es war still.

Sie waren die besten Headhunter der Welt und man konnte ihnen nicht entgehen. Niemand wusste tatsächlich, wie sie es machten, den Menschen ihre Berufe zu geben, doch sie taten es seriös und korrekt. Heute lesen viele Leute den Stellenanzeiger genauer.