Tabak steuern

von Cedric Weidmann

Ich hatte sie auf einer regionalen Sportveranstaltung kennengelernt.
Sie stand da an der Zielgeraden eines beschaulichen Triathlons, hatte braune Haare und rauchte eine schmerzhaft aus der Menge hervorstechende magische Zigarette. Die Magie daran liess sich insofern ohne Probleme ausmachen, als dass sie auf eine ganz eigene und bewundernswerte Art leuchtete. Die Zigarette kulminierte nämlich exakt mit einem Leuchten, das der Abschalttaste einer Stromleiste im Dunkeln zum Verwechseln ähnlich sah.
Abgesehen davon, dass ich es heute nicht mehr weiss, bin ich mir ziemlich sicher, schon damals nicht gewusst zu haben, was ich an diesem Triathlon zu suchen hatte. Gefunden hab ich sie aber trotzdem.
Ich war damals knapp volljährig und wie es sich für eine lang erwartete, aufbrechende individuelle Zeitepoche gehörte, passierte gar nichts. Die grösste Lüge, die uns die Popmusik eingertichtert hatte, war, dass man nur zu den Menschen gehen müsste, um glücklich zu sein. Im Notfall auch an ein regionales Sportfest.
Es regnete auf eine lustige Weise. Stand man still, so war es trocken, wenn man sich aber bewegte, so spürte man die Tropfen im Gesicht, doch man hätte nicht mit Bestimmheit sagen können, ob sie von oben herabfielen oder schon immer an diesem Ort geschwebt hatten, bis man sie unwiderruflich pflückte. Für die erhitzten Sportler optimale Bedingungen.
Nachdem ich mir lässig und cool den Weg durch die Zuschauer gebahnt hatte und mich wie angeblich zufällig neben ihr wiederfand, lehnte ich mich weit hinüber bis zu ihrem Ohr. Ich ärgerte mich sehr, da mir plötzlich nichts mehr einfallen wollte, was ich sagen könnte, und ihr stattdessen wortlos ins Ohr atmete.
Sie schaute mich plötzlich an, mit ihren absolut gelangweilten Augen und ihrem langweiligen Gesicht. Sie hatte einen schlanken, aber mittelmässigen Körper und trug eine schwarze Regenjacke. Sie sah wie die Frau aus, die niemand kennt, weil sie zu uninteressant war um spannend zu sein. Jemand, über den man sagt, dass er ganz nett und cool sei. Aber über den es nicht mehr Wort zu verlieren gab, denn Zeit und Sprache war immer schon knapp und Legenden, Lieder und Lobpreisungen verdichteten sich nunmehr auf Verblichenes statt auf Verbliebenes.
Nur die Zigarette ragte aus ihrem Mund wie eine Gallionsfigur.
„Coole Zigarette.“
Sie paffte einmal.
Dann griff sie in ihre Jacke und bot mir auch eine an, eher genervt als zuvorkommend, obwohl beides in jenem Moment sehr vereinbar und sogar ausgesprochen symbiotisch schien.
Ich trug irgendeine Sorte Hose und eine Art von T-Shirt und ich bin mir sogar sicher, dass ich mir damals Gedanken darüber gemacht habe, doch im Grundsätzlichen fühlte ich mich im Schein dieses Glühens nackter, denn wenn ich mir meine schutzlosen Stunden nach der Geburt vorstellte.
Ich hatte nie geraucht, weil es sich nie getroffen hatte. Nicht, dass ich besondere Ansprüche hatte, um einen bestimmten Moment abzuwarten, andererseits hatte ich auch nicht die Ansprüche an Anspruchslosigkeit, aus jedem Moment einen Moment zu machen, in dem man mit Rauchen beginnt, aufhört und gleichzeitig wieder rückfällig wird. Ich bevorzugte etwas Strukturierung im Konsumieren von Welt.
Eigentlich wollte ich demenstprechend keine Zigarette, aber es war unhöflich, nachdem mein Spruch tatsächlich einer Bitte täuschend ähnlich sah. Ausserdem war die Versuchung gross, eine magische Zigarette zu haben.
Ich zündete sie an und es zischte leicht im Regen. Doch sie leuchtete nicht das magische Leuchten, das die ihrige verstahlte.
Wir rauchten eine Weile.
Niemand lief ins Ziel ein und es machte den Eindruck, als würde es nie geschehen. Die Menschen hatten keine Erwartungen darin, höchstens die Kinder, die man aber mittlerweile mit Bratwürsten in den Luftröhren zum Schweigen gebracht hat.
„Da kommt keiner mehr“, sagte ich.
„Ich weiss“, antwortete sie.
Und wir schauten uns nicht an, sondern auf die Rennbahn, die mittlerweile feucht und matschig war. Irgendwo standen ein paar Samariter, was schon an sich eine gute Tat war.
Niemand von uns beiden sprach ein Wort und leider war so etwas wie eine Konversation mit den ersten Sätzen bereits angeknickt und es entwickelte sich aus dem Nichts eine Stille, die zwar vorhin schon vorhanden gewesen war, doch nicht in der selben Rolle der Peinlichkeit.
„Tut mir leid“, sprach ich plötzlich zu dem Mädchen, „aber das Leuchten deiner Zigarette ist von da drüben ziemlich viel spannender als wenn man so neben dir steht.“
Sie zögerte zehn Sekunden, dann nickte sie.
„Das ist nichts Persönliches oder so. Und ich hoffe es macht dir nichts aus.“
„Bestimmt nicht“, hauchte sie in die hunderprozentige Luftfeuchtigkeit.
Ich kämpfte mich wieder zurück auf die andere Seite und starrte sie an und ab und zu sah sie verlegen zu mir hinüber. Sie war tatsächlich ziemlich nett und das Leuchten ihrer Zigarette war so sehr unnatürlich, es passte ohnehin nicht zu einem Sportfest, erstrecht nicht zu einem regionalen Sportfest, und zu Menschen als solche nicht.
Das war meine einzige wahre Liebe und seither habe ich sie nie mehr gesehen.
Schade, werde ich an Lungenkrebs sterben müssen.