Daedalus

von Cedric Weidmann

In unserem Garten sah ich letzthin einen Vogel.
Er war vollkommen schwarz und im verklumpten Spätsommergarten wanderte er wankend durch die Pfützen, die der frische Regen geformt hatte. Ich war nie besonders gut im Erkennen von Vogelarten und mir kam mein verstorbener Onkel in den Sinn, den das viele Rauchen umgebracht hatte. Er war von jener Sorte Mensch, die man immer sitzen sah. In Sesseln, auf Barhockern, auf einem Stein, ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an die aufrechte Haltung meines Onkels erinnern, denn in keinem der ins Gedächtnis eingebrannten Bilder hatte er einen Auftritt, bei dem er stand. Und immer wenn er sass hatte er ein Buch auf dem Schoss. Ein Schmetterlingsbuch, ein Pflanzenbuch, ein Buch über Wolken, Bücher, die die Natur aufs genauste beschrieben und er kannte alles, was sich ausserhalb des Fensters abspielte, schien es. Seltsam daran war allerdings, dass er immer nur sass und nie spazieren ging. Woher seine Passion rührte, Vogelarten auswendig zu lernen, wenn er sich doch nie die Mühe machte, sie zu betrachten, konnte ich mir bis jetzt nicht erklären, aber es hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.
„Was schaust du denn so?“, fragte Lisa.
„Ich?“
„Du starrst in den Garten, als würdest du darauf warten, dass darin eine Mine hochgeht.“
„Ach.“
Lisa legte stutzig die Zeitung auf den Tisch und schaute nach oben zu mir, wie ich über den Stuhl gelehnt nach draussen sah.
„Wenn du weiter so starrst, geht vielleicht noch eine hoch.“
„Schau dir das einmal an“, erwiderte ich. Sie erhob sich und gesellte sich zu mir. „Siehst du diesen schwarzen Vogel da?“
„Ach, der ist ja hübsch, was ist das für einer?“
„Keine Ahnung.“
„Deinen Onkel, wie hiess er? Deinen rauchenden Onkel müsste man fragen.“
„Ja.“
„Schade, dass er tot ist. Er war so ein schlauer Mensch.“
„Siehst du das?“, fragte ich.
„Was?“
„Er geht.“
„Ja, so siehts aus.“
„Er fliegt nicht, nie, ich habe ihn den ganzen Morgen beobachtet und er ist nie geflogen.“
„Ach, echt? Meinst du, er hat was mit den Flügeln?“, fragte sie mit mehr Geduld als Interesse.
Ich antwortete nicht und beschloss, das zu untersuchen.

Draussen war es kühler als man dem Wetter zu entnehmen versucht war. Ich stampfte durch den nassen Regen, der so aufgeweicht war, dass der Schlamm aus den Poren der Wiese quoll. Man hätte ihm besser Sorge tragen sollen, wohl, aber jetzt kaum auch dieser Gedanke zu spät.
Der Vogel war noch nicht weit gekommen, als ich bei ihm angelangt war. Immer noch schritt er durch die Wiese, desinteressiert und mit stolz erhobenem Kopf.
Ich bückte mich hinunter und war ihm ganz nah, doch er flog nicht davon. Höchstens hüpfte er ein paar Schritte.
Ich ging ihm nach und untersuchte seine Flügel genau. Es war nicht Mitleid oder Hilfsbereitschaft, die mich dazu trieb. Tieren gegenüber hatte ich diesen Drang nicht. Das überliess ich lieber meinem Onkel, aber der konnte nun ja auch kaum mehr helfen. Die Flügel schienen nicht verletzt, waren weder krumm noch angeschürft. Mit dem Vogel war alles in Ordnung.
„Sag mir, Vogel, warum fliegst du nicht?“
Sein Verhalten beschäftigte mich nämlich aus einem anderen Grund. Wie kam es dazu, dass Jahrtausende menschlicher Kultur des Nachsinnens so oft in einer Bewunderung eines Wesens endeten, von dem man glaubte, sei uns doch unterlegen? Immer schon hatte man sich gewünscht, wie ein Vogel durch die Luft fliegen zu können und die Welt zu betrachten, von oben, und sich zu bewegen: Frei von allem. Den Duft der Freiheit zu schnuppern.
Dieser Vogel allerdings nahm die Träume so vieler Menschen auf die Schippe, dass mir eine Gänsehaut über die Arme kroch.
„Warum zum Teufel fliegst du nicht endlich?“, rief ich ihm zu, während er davonstakselte, und bewarf ihn mit einem Dreckklumpen. Er schüttelte sich und blieb stehen.

Dieser Vogel hatte Daedalus umgebracht.

Ich betrachtete ihn und plötzlich schien es, als betrachtete er mich auch. Mit grossen Augen und schiefem Kopf sah er über seinen gelben Schnabel zu mir. Ich traute mich nicht etwas zu sagen.
„Weißt du denn, was das wert ist, zu fliegen?“
Er gab mir keine Antwort.
Und dann blieben wir beide sehr lange so stehen.
„Was hast du denn?“, fragte eine Stimme hinter meinem Rücken.
Ich riss mich los vom Anblick und drehte mich um. Im Gartenstuhl, der halb im Schlamm versank, sass mein Onkel und raucht eine Zigarre.
„Wieso?“, hauchte ich leise, ohne zu verstehen, was ich fragte.
„Du bist immer noch so naiv wie als du so klein warst.“ Mit der flachen Handfläche schien er gegen den Boden zu drücken und stellte mich auf einer Grösse von einem Meter dar.
„Aber das ist wahrscheinlich nicht etwas, das mit dem Alter abnimmt, nicht wahr?“, sagte er mit einem Augenzwinkern.
Ich sprach nicht. Ich konnte mit Mühe verhindern auf die Knie zu fallen.
„Was glaubst du“, sprach er sehr langsam, „was in diesem Moment passiert?“
„Ich habe Halluzinationen?“
„Halluzinationen?“, fragte der Onkel verwirrt.
„Nicht“, folgerte ich fraglos. Ich nahm nicht an, dass sich eine Halluzination seiner Unwirklichkeit bewusst war und überhaupt schien mein Kopf zu sehr taub, um ihn mit solchen Gedanken zu beschäftigen.
„Lisa telefoniert gerade mit dem Anwalt und bereitet die Scheidung vor.“
Ich sah hinüber zum Haus. Es sah nach irgendeinem Haus aus, auf keinen Fall nach meinem. Ich konnte niemanden durch die dunklen Scheiben entdecken, auch wenn ich genau wusste, wo das Telefon war. Ich brauchte es nicht zu sehen, ich wusste, dass mein Onkel recht hatte. Mein Onkel hatte immer recht.
„Und du?“
„Ich?“, fragte ich.
„Was tust du jetzt?“
„Ich weiss nicht.“
„Wirst du fliegen?“, fragte mein Onkel und er hob die Zigarre etwas von sich weg, während er sich nach vorne lehnte. Immer noch war er mindestens vier Meter von mir entfernt.
„Fliegen?“ Ich sah nach oben in den Himmel, die Regenwolken verdeckten immer noch einen Teil des Lichts, doch der aufbrechende Morgenhimmel bot ein kaltes Blau zur Schau. „Ich kann nicht fliegen.“
Der Onkel lachte onkelhaft. „Korrekt. Was also wirst du tun?“
„Ich… Ich nehme an, wenn dieses Gespräch vorbei ist, meinst du?“
Der rauchende Onkel nickte.
„Ich nehme an, dann gehe ich wieder ins Haus.“
Er zog zufrieden an seiner Zigarre und wippte auf dem Gartenstuhl vor und zurück.
„Weißt du noch, wie du mich früher immer sehr traurig gemacht hast, weil du dir die Namen der Vogelarten nie merken wolltest?“, fragte er.
„Ja.“
Er sah sieben Sekunden nachdenklich zu Boden. „Egal, das spielt auch keine Rolle mehr.“
Und mit diesen Worten versank der Stuhl des Onkels immer mehr im Schlamm und langsam aber sicher versanken seine Beine und auch sein Rumpf, worauf sein Oberkörper folgte und der Onkel regte sich dabei nicht. Ruhig zog er an seiner Zigarre und sass. Als sein Kopf, sein Körper und der Stuhl schon versunken waren, ragte noch sein Arm aus dem Boden und die Zigarre glühte in seiner Hand. Der Anblick ekelte mich, also wandte ich mich ab und ging zurück ins Haus.