Eine schöne Überraschung

von Cedric Weidmann

Die abgewetzten Wände waren mit Fingermalfarben gestreichelt worden.
Es war ruhig, jetzt, als der Staubsauger den Stecker aus der Steckdose gebrochen hatte und mit einem fallenden Geräusch verstorben war.
Sie hatte sich die Füsse aufgeschnitten und das Blut bildete kleine Bläschen im Teppich, wenn sie das Gewicht verlagerte. Ein Kind kam angerannt und riss an ihren Strümpfen.
„Mama, Mama! Ich habe ein Schiff gebastelt!“
Sie sah zu ihm hinab und zog die Hand von seinem Kopf, den sie zu tätscheln begonnen hatte. Das Kind erklärte das Schiff.
„Vorne hat es einen Mast, um daran die Menschen aufzuhängen.“
Das Telefon klingelte.
Eine Stimme fragte: „Wieviel kostet Sie das ständige, erfolglose Streben nach Glück Tag für Tag?“
„Wollen Sie etwas verkaufen?“, fragte sie zurück. „Wenn Sie etwas verkaufen wollen, sagen Sie es gerade heraus.“
„Ja, tut mir leid. Wir haben neue Möglichkeiten gefunden um abzunehmen, und, ja, wir wollen sie verkaufen“, antwortete die Stimme.
„Mama! Mama!“, schrie der Sohn.
„Ich bin nicht deine Mama“, sagte sie zum Kind, das an ihrer Hose zerrte, und stiess es zu Boden. Es begann zu weinen.
„Mit unserem Gerät müssen Sie nie mehr anstrengende Kraftübungen machen und trotzdem nehmen Sie ab.“
„Meine Füsse bluten“, antwortete sie.
Das Kind sprang auf, rannte davon und tauchte mit seinem Schiff wieder in der Türe auf. „Schau mal, das Schiff kann schwimmen!“ Es warf das Schiff in den roten Tümpel auf dem Teppich und es zersprang in tausend Scherben und Splitter.
„Ich will das nicht machen“, sagte die Stimme verzweifelt, „Ich will nichts verkaufen.“
„Ich will kaufen“, antwortete sie.
„Mama, Mama!“
„Ich bin nicht deine Mama!“
„Das Schiff kann nicht schwimmen.“
„Sie wollen das Gerät kaufen?!“, fragte die Stimme verwirrt.
„Natürlich kann das Schiff nicht schwimmen“, erklärte sie dem Kind.
Die Türe ging auf und ein Mann mit Aktenkoffer betrat das Haus.
„Bluten deine Füsse wieder?“, fragte er, legte seinen Aktenkoffer auf ein Tischchen neben der Tür und setzte sich mit einer Zeitung ins Wohnzimmer.
„Warum kann es nicht schwimmen, Mama?“, fragte das Kind weinerlich.
„Ich will es kaufen“, insistierte sie.
„Weshalb? Es ist ein Betrug. Sie sollten es nicht kaufen. Haben Sie nicht etwas mit Ihren Füssen?“
„Ich bin nicht deine Mama!“
Der Mann im Sessel lachte als er das hörte und fragte dann ruhig, ob es nächste Woche schönes Wetter werde.
„Ich weiss nicht, ob es nächste Woche überhaupt wettert“, sprach zu ihm in genervtem Ton
„Wenn Sie wollen, dass ich auflege, dann sagen Sie das. Die meisten Leute kaufen nichts.“
„Warum kann es nicht schwimmen?“
„Du hast einen Mast gemacht, um Leute daran aufzuhängen“, erklärte sie dem Kind.
„Wenn es nächste Woche schön ist“, brummte der Mann ohne ihnen zuzuhören, „könnten wir wieder einmal wandern gehen.“
„Ich kaufe jetzt dieses Gerät! Ich will keine anstrengenden Kraftübungen mehr machen.“
Das Kind versuchte an ihr hochzuklettern, doch sie schüttelte es ab. Danach rannte es zum Mann, der seinen Kopf tätschelte. „Warum darf es keinen Mast vorne haben?“, fragte es ihn schrill.
„Kraftübungen bringen ein Vielfaches mehr, das ist wissenschaftlich erwiesen.“
„Im Pfannenstiel oder so“, fuhr der Mann fort, „Ich hab mir auch gedacht, vielleicht an einem Fluss, eine Schiffsfahrt. Wiedermal wir alle zusammen.“
Das Kind heulte auf.
„Wieso wollen Sie mir diese Maschine nicht verkaufen?“, fragte sie, „Verkaufen Sie! Ich habe nicht Zeit zu verlieren, meine Füsse bluten.“
„Nächste Woche wird es vermutlich regnen, steht hier.“
„Ich baue den Mast hinten am Schiff!“ Das Kind rannte davon.
„Ich brauche also Ihre Adresse, um liefern zu können“, sagte die Stimme mit einem trockenen Unterton.
„Wer sind wir?“, fragte sie den Mann im Sessel.
„Na, wir!“, antwortete er selbstverständlich, doch er schien nur auf sich selbst zu zeigen.
„Wir gehen nächste Woche schifffahren“, sagte sie zur Stimme.
„Das freut mich, ich hoffe, das mit Ihren Füssen kommt Ihnen nicht dazwischen.“
Das Kind kam hereingestürzt und schrie unverständlich.
Erst nach einer Weile konnten sie verstehen, was es sagte, der Mann, die Stimme und sie.
Es wiederholte die Wörter immer und immer wieder, sehr schnell und in einer unendlichen Schlaufe, so dass sie sich wie Fingermalfarben aufzulösen schienen.
„Ich hasse Schiffe!“, schrie das Kind, „Ichhasseschiffeichhasseschiffeichhasseschiffe.“