Sollen knappe Ressourcen nach Leistung oder nach Bedürfnis verteilt werden?

von Cedric Weidmann

Im Januar bewarb ich mich zum zweiten Mal für die Philosophie-Olympiade.
Meinen letztjährigen, erfolgreichen Versuch hatte ich hier veröffentlicht.
Auch 2010 hat es wieder geklappt und ich durfte ein Wochenende lang
philosophieren und einen Essay schreiben, um eine Rangliste zu ermitteln.

Ich war erwartungsgemäss besser, ich erreichte den dritten Rang
und erhielt dafür Silber.
Hier ist der Text, der mich zur SPO qualifiziert hat.

Sollen knappe Ressourcen nach Leistung oder nach Bedürfnis verteilt werden?

Die Gesellschaft steht, im theoretischen Modell, auf einem Fundament: dem Bedürfnis.
Eine Ausprägung dieser Grundlage ist der fiktive Gegenstand des Eigentums. Er besagt, dass Bedürfnisse durch Aneignung von Gütern befriedigt werden.

Dabei rücken zwei Probleme in den Vordergrund.
Erstens: Die Bedürfnisbefriedigung wie auch die Aneignung von Gütern wird durch Hindernisse erschwert. Ein solches Hindernis ist, dass die meisten Güter knapp sind, vielleicht auch alle. Sie sind nur begrenzt vorhanden.
Zweitens: Die Bedürfnisbefriedung und die Aneignung von Gütern stehen nicht unwiderruflich in direktem Zusammenhang. Das theoretische Prinzip, ein nach wirtschaftlichen Massstäben ceteris paribus-Prinzip, möchte auf der Tatsache bestehen, dass diese beiden Dinge, das Bedürfnis und die Aneignung von Gütern, in wechselseitiger Beziehung zum grössten Nutzen führen. Betrachtet es ein Mensch als nötig, seine Bedürfnisse zu befriedigen, kann er dies durch die Einlösung eines speziellen Gutes tun: der Leistung. Wer dabei mehr Bedürfnisse befriedigen will – weil er vielleicht mehr solcher Bedürfnisse hat –, muss ganz einfach mehr leisten. Damit wäre auch das Problem der Knappheit gelöst: wem das knappe Gut nötiger zu sein scheint, kann mithilfe erhöhter Leistung Nebenbuhlern zuvorkommen.

Diese gegenseitige Funktion wird jedoch – wie dies bei vielen ökonomischen Theorien wie zum Beispiel beim Kaufkraftparitätenprinzip der Fall ist – durch realwirtschaftliche Faktoren verfremdet. Das Prinzip geht zum Beispiel fälschlicherweise von der Chancengleichheit aller Menschen aus, gleiche Leistungen mit gleichem Aufwand erbringen zu können. Leider – oder zum Glück, ganz egal – sind Menschen jedoch nicht gleich, denn sie erbringen Leistungen nicht auf die gleiche Art und Weise. Alte, körperlich kranke oder angeschlagene Menschen können nicht die gleiche Leistungen erbringen wie junge, gesunde, sagt man. Man spricht dabei allerdings in den meisten Fällen von einer verwertbaren Leistung in der Gesellschaft, wie sie auf dem Arbeitsmarkt angeboten wird. Schliesslich kann man nicht bedingungslos behaupten, ein Mann, der einen Marathon in zwei Stunden läuft, bringe mehr Leistung als ein Verletzter, der dieselbe Strecke in drei Stunden absolviert. Es handelt sich also bei der allgemein akzeptierten Bedeutung von „Leistung“ lediglich um ein wirtschaftlich-utilitaristisches Prinzip: das, was für die Gemeinschaft einer Leistung entspricht.

Rein utilitaristisch könnte man sich klar auf eine Seite stellen und sagen, man verteile die knappen Ressourcen nach Leistungen für die Allgemeinheit.
Dies jedoch unter der Bedingung, eine langfristige Leistung in Betracht zu ziehen. Nur weil ein Mensch von Hunger so entkräftet ist, dass er keine Leistung mehr erbringen kann, ist dies kein Grund, ihm kein Essen zu geben. Denn die Leistung, die er nach seiner Wiederherstellung erbringen kann, muss langfristig bedacht und abgewogen werden. So ist auch für die Unterstützung des Alten und des Säuglings gesorgt, der eine erhält die Ressourcen noch auf Kosten seiner bereits geleisteten Arbeit, während beim Säugling, die Leistungserwartung ausschlaggebend für dessen Versorgung ist.
So würde die Verteilung nach Leistung funktionieren, wie sie das sozial abgefederte kapitalistische System über monetäre Märkte, in denen Leistung und bedürfnisbefriedigende Güter handelbar werden, vorgesehen hat.

Diese Methode hat aber einige Zweifel hervorgerufen, die nicht erst in der marxistischen Theorie, sondern auch schon viele Jahre früher bei Thomas Morus aufgetaucht sind. Sie beide, Marx wie Morus, zeichneten ein fiktives System nach, das sich vom Fundament dieser kapitalistischen Theorie befreit und dem Privateigentum den Kampf ansagt.
Man könnte nämlich, wie die beiden es getan haben, fragen: Wieso nehmen wir den Umweg über die Leistung? Wenn man Bedürfnisse befriedigen will, könnte man das einfacher dadurch erreichen, Güter nach den Ausmassen des betreffenden Bedürfnisses zu verteilen. Wer am meisten Hunger hat, soll auch am ehesten Essen bekommen.

Problematisch – und das ist es auf beiden Argumentationsseiten – bleibt das Fundament der Wirtschaft, das ich bis jetzt nicht hinterfragt habe: das Bedürfnis.
Das Bedürfnis wird häufig negativ definiert. Es stelle den Wunsch dar, einen Mangel zu überwinden. Mängel sind häufig kulturell bedingt und individuell verschieden. Trotzdem sind sie beeinflussbar. Ein grosser Profiteur dieser Erkenntnis ist die Werbung, die es angeblich schaffen soll, Bedürfnisse hervorzurufen, wo keine waren.
Diese erschreckende Tatsache führt dazu, dass das gesamte wirtschaftliche System, ob es auf der Verteilung nach Leistung oder nach Bedürfnis basiert, sehr labil und – in einem gewissen Grade – angreifbar. Denn ganz davon abgesehen, dass Bedürfnisse nicht ermittelbar sind, sind Bedürfnisse auch nicht konstant, und mit dieser Behauptung bringe ich unvermeidlich Kritik an der auf westliche Standards zwar gut zugeschnittenen, aber nicht zuverlässigen Maslow-Pyramide an.

Ich bin der Meinung, dass die beiden Vorschläge der Verteilung nach Bedürfnissen und der Verteilung nach Leistung keine erfolgreiche Lösung hervorbringen können. Beide sind, neben theoretischen Problemen, in Realität kaum umsetzbar.
Für eine Verbesserung des Systems müsste man andere, grundlegendere Dinge hinterfragen, wie: Ist es tatsächlich sinnvoll, das Bedürfnis als Grundlage der Marktwirtschaft zu nehmen? Gäbe es keine Alternative?
Oder, wenn das Bedürfnis unumstösslich ist, wenigstens in marxistischer Manier: Ist Eigentum nötig für eine funktionierende Wirtschaft?