Wintergarten

von Cedric Weidmann

Sie lag auf dem Bett und schrieb einen Brief an ihren Onkel. Ich hatte ihr schon tausendmal gesagt, dass das nicht gesund sei, weil man von dieser Haltung Rückenschäden bekäme. Aber wie sie jetzt so dalang und alle Ratschläge missachtete, war es mir auch vollkommen egal.
„Was soll ich ihm sagen? Soll ich ihm vom Haus schreiben? Ich weiss nicht, ob er mitbekommen hat, dass wir umgezogen sind“, fragte sie, während sie ihre Beine spielerisch auf und ab springen liess wie die Metallgelenke einer einfachen Jahrmarktsachterbahn.
„War er nicht einmal hier?“, entgegnete ich nachdenklich.
Ihr Onkel war ein Mann, der sich nicht oft von dem Ort wegbewegt hatte, an dem er geboren worden war und daran würde sich mit Sicherheit auch nie etwas ändern. Wenn er uns tatsächlich einmal in diesem Haus besucht hatte, überlegte ich, musste er es mit dem nervösen Blick getan haben, den er zeitlebens für Momente ausserhalb seiner Heimatstadt eingeübt hatte. Und diesen Blick andererseits hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, so lange fast, dass ich ihn zu vermissen begann, schliesslich vermisst man alles irgendwann.
„Ich weiss es nicht… Was soll ich dann schreiben? ‚Hey, wir sind übrigens umgezogen‘? Ich meine, wenn er wirklich einmal in diesem Haus gewesen war, wäre es dann nicht unglaublich beleidigend, seinen Besuch so zu ignorieren? Im Stil von: ‚Vielleicht warst du auch mal hier, was bei deiner Nesthockerei ein erinnerungswürdiges Ereignis gewesen wäre, aber natürlich nicht unbedingt unvergesslich, was der Grund dafür ist, dass wir uns nicht sicher sind, whatever’… Mann! Man kann doch nicht wissen, in welchen Häusern welche Onkel schon gestanden sind!“
Ich überlegte ein bisschen, während ich immer noch am Fenster stand und an meinem Kaffee nippte. In der Ferne konnte ich den Tornado beobachten, der sich, je länger das Gespräch dauerte, desto stärker in unsere Richtung zu wenden schien.
„Nun, du musst ihm ja nicht schreiben, welches Haus es ist“, erwiderte ich langsam, „Wir könnten seit seinem letzten Besuch ja plötzlich umgezogen sein.“
„Ja, das stimmt. Also soll ich ihm einfach schreiben: ‚Wir sind übrigens umgezogen.‘ Und dann nichts mehr? Keine Beschreibung des Hauses? Damit er am Ende auch noch das Gefühl bekommt, dass wir ihn in überhaupt nichts einbeziehen wollen.“
„Wollen wir?“, fragte ich überrascht.
„Nein,.. nein. Du weisst, was ich damit meine. Wir würden ihm schon sagen, wo wir wohnen.“
Ich zuckte mit den Schultern. Die Bewegungen des Wirbelsturms hatten etwas von einer Bauchtänzerin, schien es mir, es war eine einzige zuckende Röhre. Die Blitze, die ihn umgaben, liessen seine Grautöne zum Ausdruck kommen.
„Was hättest du ihm denn von unserem Haus erzählen wollen?“, fragte ich, plötzlich von einem Gedanken beunruhigt, der mir gerade gekommen war.
„Nun, vom Wintergarten. Und dass es sehr modern ist. Vielleicht auch, dass man von hier aus die Ebene gut überblicken kann und dass das sehr toll ist, weil du das doch so gerne machst.“
„Moment. Wir haben keinen Wintergarten“, sagte ich besorgt.
Sie sah mich an, als wäre ich tot. „Natürlich haben wir einen Wintergarten“, antwortete sie, „Du hast ihn doch selbst gebaut.“
„Ich habe ihn abgebrochen“, sagte ich. Das war vor vier Monaten. Der Feuerwehrmann hat mir gesagt, dass es die Fluchtwege versperrte und unzulässig sei.
„Was?“, rief sie entrüstet aus.
Der Tornado war nun noch zwanzig Meter entfernt. Im Auge der Sturms würde es ruhig sein, überlegte ich.
„Ich liebte diesen Wintergarten“, sagte sie mit Tränen in die Augen.
„Eben“, murmelte ich.