Friedrich Hölderlin

von Cedric Weidmann

Peter an Bellarmin

Wohin könnt ich mir entfliehen, hätt ich nicht die lieben Tage meiner Jugend?
Oh, mein Bellarmin! kein Titan vergässe sich nicht über den zärtlichen Schüben des Todes, den diese Blüte an der wonnevollsten Schönheit dieses Wesens austeilte! Oh, meine Ania!
Es war ein grosser, stiller, zärtlicher Geist in dieser Jahrszeit, und die Vollendungsruhe, die Wonne der Zeitigung in den säuselnden Zweigen umfing mich, wie die erneuerte Jugend, so die Alten in ihrem Elysium hofften. In plötzlichem Umfangen entstieg den Wolken ein fliegender Tempel und entsandte Blitze zu Boden, die die Hügel bis nach Tina tränkten in ihrem quellenden Flug.
Aus der eifrigen Umarmung entrissen sie mir meine Geliebte, mit kalten Händen ergriffen die Bestien sie mir und hilflos nur konnte ich rufen in unendlicher Entschiedenheit. Es war ein Anblick, mein Lieber! der die Entwürfe erstarren lässt, die wir uns im kühnsten Traume aus der göttlichen Natur schöpfen. Noch hört ich bloss das Beben eines grossen Vulkans und bald erschien mir von heiliger Fügung gesandt ein fremdes Wesen. Seine Haut war grün als hättest du dich verstiegen, oh Athene!, mit spriessendem Graswerk ihm das Haupt zu überwachsen und wäre der Tod selbst unter das Fleisch des Menschen gedrungen.
Ihre Schreie klingen mir noch mit grossen Schwüngen durch die Seele, als sie ihre süsse Ferse in letzter Hoffnung am Türrahmen barg, doch wie ein wehendes Blatt vom Ast in die Lüfte gerissen wurde. Es ist viel verloren gegangen mit der Wunde, die sie mir in die Tiefe meines Herzens schnitten, ich lebte doch ihr, ihr Ewigschönen, der Alllebendingen allein!
Oh, wie ich darbte am Anblick der dahinschwindenden Räuber, als sie sich vom Boden zum Himmel huben. Nichts erwarmt an einer solchen Tat, die selbst die Ahnenden einsilbig werden lässt durch den tiefen Jammer, in den sie versänken. Welche Greueltaten wurden uns angetan, du schönes Herz! Waren wir nicht die eifrigsten Liebhaber der Natur, deren Blüte sich eben erst entblätterte und öffnete – mit einem tiefen, zerstörerischen Hauruck entatmete mir jede Lust am Leben. Wer bin ich, ich Listiger? Stehe erstarrt und untätig da, in der grossen Zerstörung meiner Lust. Ich hoffe, hier wird mein Geist geläutert, im Schatten der grossen Schande, deren Strahlen ihren Weg sich zu mir suchend schlängeln. Ich muss ein Ende machen mit dieser Scham, ich muss ein Ende machen dieser Blödigkeit, ein Ende, das letzte Element dieser Kette, machen mir selbst! Damit selbst die äusserste Natur und der Undurchdringlichste merkt, dass die Regung nicht gestorben ist in mir, es sei der letzte Beweis, den ich mir vorführen werde, für den unerträglichsten Schmerz. Entwaffne mich, oh Tödlichster! und fasse mich, Allgewandter in deine erstickenden Finger.
Den Gashahn habe ich aufgedreht, stehe eben am Fenster und überblicke die Küsten von Smyrna, die mich besonders gefreut hätten, wenn ich ein halbes Jahrtausend früher geboren worden wäre. Es dunkelt, Bellarmin, ich muss aufhören. Mein Liebster, ehre die Schändung nicht, traure nicht! Schon die erste Träne ist ein Verbrechen an der zweiten, so lasse es demütig bleiben, Besonnener! und lobe mein letztes Bestehen mit deinen mitleidslosen Freudenschwärmen, die ich, so hoff ich bis zuletzt, mir verdient habe.


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