Der Bach

von Cedric Weidmann

Und plötzlich ging es mir gut. Es war ein sonniger Tag und ich wanderte mit schwingenden Armen durch das Dorf. Ein Bach rauschte unter der Brücke hindurch, unter der sich in einer Senkung das Wasser verwirbelte und gluckste wie ein fettes, ertrinkendes Kind, aber es hörte sich gut an. Ich sah lange hinab, kleine Entchen folgten ihrer Mutter in die Windungen eines kleinen Schilfwäldchens, weil mein Lachen sie erschreckte. Ich hatte eben in einer E-Mail erfahren, dass mein Bruder ein Haus in Korsika gekauft hatte. Ich rieb mir mit der flachen Hand über die Brust, während ich durch die Strassen schlenderte, jeden kleinen Windstoss wie einen Kuss aufschlürfte und ein altes Lied pfiff, das unser alter Lehrer immer gepfiffen hatte, wenn er mit uns bastelte. An der Ecke zur Kornstrasse, neben einem Bäckereigeschäft, vor dessen Tür ein sperriges Schild auf dem Trottoir stand, stiess ich in meiner glücklichen Hast mit einer jungen Frau zusammen. Wir fielen nicht hin, unsere Schultern schlugen nur leicht aufeinander und ich drehte mich in der Umkehrbewegung zu ihr, und für eine halbe Sekunde standen wir uns, bereits rückwärts weiterschreitend, kurz gegenüber. Ich lächelte entschuldigend, aber sie sah durch mich hindurch, der Zusammenstoss schien ihr gar nicht aufgefallen zu sein. Mit dem Daumen wischte sie über ihre Unterlider, während sie den Blick in den Himmel richtete, und fing die Tränen auf, bevor sie in den Eyeliner gerieten, doch neues Wasser sammelte sich und liess ihre schwarzen Pupillen glänzen, die Wimper zitterten in einer fast hörbaren Frequenz. Sie wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer wieder ab und schlurfte in Richtung Brücke.
Ich begriff, dass es auch Weinende gab. Man brauchte nicht fröhlich zu sein, ich musste nicht dankbar lächeln, dass es mir gut ging. Ich konnte meine Arme steif, kalt und kraftlos an mir herunterhängen lassen, anstatt sie durch die Hitze zu schwingen. Ich ging prüfend einige Schritte mit gesenktem Kopf und fühlte mich, nach wenigen Sekunden, unheimlich erleichtert, als wäre ein fettes Kind von meinem Rücken genommen worden.