Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: Kurzgeschichte

Das Wolkenkrematorium

«Du musst es versuchen.»
«Aber warum?»
«Wir müssen ein wenig auf unser Geld achtgeben, mein Sohn, du weisst, dass die Dinge nicht gut stehen. Versuch es doch. Mir zuliebe.»
Er nickte und half seinem Vater, den verpackten Leichnam auf den hinteren Sitz des Doppeldeckers zu hieven.
«Aber es wäre doch leichter, wenn wir ihn hier verbrennen würden und die Asche oben ausstreuten. Sie wünschen doch nur, hinunterzuregnen, nicht in den Himmel zu kommen.» Er lächelte über den klugen Vergleich.
«Richtig, du musst weiterhin den Regen mit der Asche auslösen, so steht es im Testament. Aber wenn du die Kremation in der Luft vornimmst, ist alles ein Vielfaches leichter. Wir können dann die Miete hier sparen.»
«Gut.» Der Sohn starrte auf seine Hände, als wären sie ein Buch, in dem man lesen konnte. «Ich mache es.»
Der Vater lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. Eine Weile sah er ihn gerührt an. «Moment, du kannst Markus als Unterstützung mitnehmen», sagte er und erschien wenige Sekunden später mit dem Gürteltier. Er legte es vor ihm auf den Tisch.
«Wirklich?»
«Ja. Du bist alt genug.»
Der Sohn nahm das Gürteltier ehrfürchtig und legte es zum Leichnam auf den Hintersitz. Selber schwang er sich durch die Flügel des Doppeldeckers hindurch und schlüpfte ans Steuer. Der Motor heulte auf, der Propeller keuchte. Als er in die Lüfte stieg, warf er prüfende Blicke auf den hin und herschaukelnden Toten und das auf ihm sitzende Gürteltier. Markus quiekte.
Er steuerte auf eine Cumulus congestus zu, die sich noch am Horizont befand. Unter ihnen zogen farbige Felder und Äcker vorbei und auf den Strassen sah man Traktoren bummeln. Markus war nach vorne gekrochen, stieg auf seine Schulter und zeigte auf ein anmutiges Herrenhaus, in dessem Hintergarten ein Croquet-Spiel stattfand. Ganz in weiss gekleidete Damen verfolgten, wie Herren mit karierten Mützen Bälle durch Törchen bugsierten, und prosteten ihnen Mut zu. Auf der Galerie des Hauses funkelte das Blech der tanzenden Big Band.
«Wir müssen ihn verbrennen», rief er ihm zu.
Das Gürteltier sah zum Leichnam zurück. Der Greise schimmerte noch von der Balsamierung und nickte nachdenklich in den Turbulenzen.
«Warum?»
«Vater und Mutter können das Krematorium als Stripschuppen untervermieten.»
Markus kniff die Augen zusammen und klackerte mit seinem Panzer. «Also ist es für die Familie», sagte er stolz.
Der Sohn nickte. Er zog nun eine Schlaufe über einem aufblitzenden Fluss. Markus blies einen Luftballon mit Helium auf. Dann wuchtete er einen schweren Anker aus dem Flugzeug und warf ihn über die Heckflügel. Der Doppeldecker machte einen gefährlichen Schlenker, den der Sohn mit einem geschickten Manöver auszugleichen wusste. Es glitzerte, als der Anker in den Fluss fiel. Der Luftballon schwebte nun am Seil, unbewegt auf der Höhe der Wolken.
«Markus! Die Wolke, sie kommt näher.»
Tatsächlich war aus der Cumulus congestus innert kurzer Zeit eine sich Kilometer weit auftürmende Kumulonimbus geworden, deren Ausläufer nur noch wenige Meter vor ihnen schwebte. Sie drehten ihre Pirouetten enger.
«Markus, wie sieht’s aus? Die Zeit ist knapp.»
«Näher zum Ballon!» rief das Gürteltier.
Der Sohn steuerte den Doppeldecker in die Wolken. Die Fliegerbrille beschlug sofort. Der Leichnam schien euphorisch zu hüpfen. Das Gürteltier quiekte. Die Äcker und Herrenhäuser waren verschwunden. Alles um sie herum war weiss. Er machte einen schwungvollen Bogen und steuerte erneut auf den Ballon zu. «Los, Markus! Nimm die Fackel.»
Das Gürteltier hielt sich mit dem Schwanz an der Kante fest und rutschte über den roten Stahl des Hecks. In seinem Mund hatte es die brennende Fackel geklemmt, weshalb ihm das Sprechen schwer fiel. Es raunte dem Sohn etwas zu, worauf dieser die Füsse ans Steuer presste und sich vorsichtig nach hinten drückte. Er griff über den Kopf nach dem Leichnam und konnte ihn unter Aufwendung seiner ganzen Kraft aus dem Sitz hieven. Nun waren sie alle drei auf der Tragfläche des Flugzeugs. Der Wind biss ihnen in die Flanken, zweimal schlug ihnen die Stahlfläche leicht in den Rücken. Die Wolken begannen sich zu lichten, sie konnten vereinzelte Flecken Erde ausmachen.
«JETZT!», schrie das Gürteltier durch die Zähne gepresst. Der Ballon war wenige dutzend Meter vor ihnen aus dem Nebel aufgetaucht. Der Sohn musste das Steuer mit den Füssen loslassen, um sich umzudrehen: Er packte den Greis bei den Schultern und schüttelte ihn, als wollte er einen Betrunkenen zur Besinnung bringen, und warf den Toten mit einer Drehbewegung auf den linken Flügel. Das Flugzeug geriet nun sofort aus dem Gleichgewicht, aber mit einem untrüglichen Manöver sprang der Sohn zum Steuer und hielt den Doppeldecker für mehrere Sekunden in der Balance. Markus liess die Fackel los und schleuderte es mit einem Faustschlag in Richtung Ballon. Ein kleiner Zwick mit dem Steuerrad nach links liess den sich kaum mehr halten könnenden Leichnam endgültig über die Flügelkante gleiten. Die Fackel traf den Ballon. Neben ihnen ging alles in Flammen auf, das Seil zuckte wie lebendig, schwarzer Rauch stiess in die weisse Wolke vor, der Klang der Explosion blendete für lange Zeit das Geräusch der Rotoren und des Fahrtwindes aus.
Das Gürteltier hielt sich jubelnd am Hinterkopf des Sohnes fest, der seine angeschwärzte Fliegerbrille vom Kopf zog und selber jauchzte. Die Luft schien überladen und wie ein riesiges Gefängnis, in dem Atmen unmöglich geworden war. Dann, wie in einer grossen Entspannung, begann es leise auf den Stahl zu klopfen. Der Regen hatte eingesetzt.

Neue Kurzgeschichten: Im Narr, im Lasso

Zwei weitere Kurzgeschichten. Diesmal weniger schwer und endlich ein bisschen mehr Pulp: Einmal Science Fiction, einmal Mittelalter!

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Im NaRr #13 findet man «Helden», einen bisher unveröffentlichten Text über die physischen und psychischen Voraussetzungen, ein Held zu sein. Ritter und Riesen spielen sie durch.

Im Lasso-Magazin (mit dem allercoolsten Cover!): «Eine effiziente Stadt», die Überarbeitung einer früheren Kurzgeschichte auf diesem Blog, die von einer perfekten Ökonomie des Alltags träumt.

Kain und Abel

Er näherte sich zögerlich, während er mit der Hand den Rauch vor dem Gesicht vertreiben wollte, als wäre er eine Fliege. Im Profil sah sein Bruder mehrere Jahre jünger aus und er erinnerte sich, dass er ihm gezeigt hatte, wie man aus Stroh eine Pappfigur bastelte und wie man Frauen erschreckte. Kain schritt langsam näher, achtete auf das Krachen der trockenen Zweige unter seinen Sohlen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er versuchte so zu tun, als käme er beiläufig und würde das Feuer des Bruders erst jetzt sehen.
«Hast du ~?» Er räusperte sich. Abel sah auf und lächelte, als er ihn sah. Von vorne schien er erwachsener und kräftiger: ein markantes, kantiges Gesicht in den besten Jahren.
«Hey, hab dich gar nicht gehört, tut mir leid.» Abel bot ihm etwas Wein an und er trank davon, um seine ausgeräucherte Lunge zu besänftigen. «Was gibt´s?», fragte er freundlich.
«Hast du Feuer?»
«Wie bitte?»
«Hast du…» Kain blickte um sich, als hätte es jemand anders gesagt. «Du warst so ein süsses Kind.»
Hatte er das wirklich gesagt? Er wich dem fragenden Blick aus. Das war ihm peinlich, und er hätte ihm gern die Hand geschüttelt, um die Begrüssung noch einmal von vorne zu beginnen. Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, das er ihm in die Hand drücken konnte, damit ihm noch einmal verziehen würde, hatte aber sein letztes unterwegs ausgegeben. Er hatte auch kein Mitbringsel, das den letzten Satz vorübergehend vergessen machen konnte. Kain drückte seinen Rücken durch, um sich die Beschämung nicht anmerken lassen, und ihm fiel ein, wie er sehr zerstreut und absichtslos einen schön glänzenden Stein auf dem Weg gefunden und mitgenommen hatte.
«War ich das?», fragte Abel mit kritisch zusammengekniffenen Augen. «Ein süsses Kind?»
Kain schwieg peinlich berührt, blickte in das Feuer, dessen Qualm sich schwarz aus sich selber entwirrte, wie ein rollendes Fadenknäuel.
«Sag mal, wolltest du nicht etwas von mir?»
Da er nichts anderes hatte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er holte den Stein aus der Hosentasche und prügelte auf Abel ein. Das vor Anstrengung pochende Blut in seinem Kopf verdeckte die Schamröte, während er ihn betrachtete, der jetzt mit schreiendem Mund so viel älter aussah, gar nicht mehr wie jener, mit dem er einst Datteln geklaut hatte — da hielt er inne. Aber die Erinnerung des kleinen Jungen kam wieder zurück, wie sie nach dem Dattelfressen unter den Bäumen gelegen hatte, sich windend unter Bauchschmerzen, und gefurzt hatten, dass man es bis ins Tal hinunter hören konnte, und er umarmte ihn und schlug noch härter zu, bis der Hinterkopf zerplatzte.

Das Alpaka

Als die Füsse zu sehr schmerzten, setzte er sich auf einen Stein und blickte ins Tal. Das Dorf war nicht mehr weit, die Kamine rauchten und er hatte Hunger. Ein Mann mit einem Alpaka kam vorbei und nahm ihn zu sich nach Hause. Er ass gut und schlief im Stall auf einer dicken Wolldecke neben dem Tier. Wann immer er es ansah, schien es zu kauen, auch als er die Augen nur einen winzigen Spalt öffnete, um zu sehen, ob es nur so tat. Am nächsten Morgen fühlte er sich wunderbar leicht, denn er spürte seine schweren Glieder nicht mehr, als hätte man ihn davon befreit. Das Alpaka war dicker geworden.

Die Treppe

Sie stieg die Treppe hoch. Bei jedem Schritt zitterte ihr die Fusssohle und sie versuchte mit dem ganzen Bewusstsein des Körpers, ohne hinunterzuschauen, ihre Stellung und Lage abzuschätzen und sie vorsichtig, mit innerer Fernsteuerung, auf die nächste Stufe zu setzen. Tausende von Menschen, spürte sie, sahen ihr zu. Sie war die Einzige, auf die ihre Augen gerichtet waren, doch sie hütete sich davor umzudrehen, während sie mit möglichst bestimmten Bewegungen und ohne im Tempo nachzulassen weiter hinaufstieg. Irgendwann erreichte sie die letzte Stufe. Ein brausendes Klatschen brandete gegen die lange Steintreppe, einige Menschen jubelten ihr zu, sie lächelte stolz. Sie hatte die Treppe bestiegen, warf Kusshände. Sie hätte auch umfallen können.

Der Bach

Und plötzlich ging es mir gut. Es war ein sonniger Tag und ich wanderte mit schwingenden Armen durch das Dorf. Ein Bach rauschte unter der Brücke hindurch, unter der sich in einer Senkung das Wasser verwirbelte und gluckste wie ein fettes, ertrinkendes Kind, aber es hörte sich gut an. Ich sah lange hinab, kleine Entchen folgten ihrer Mutter in die Windungen eines kleinen Schilfwäldchens, weil mein Lachen sie erschreckte. Ich hatte eben in einer E-Mail erfahren, dass mein Bruder ein Haus in Korsika gekauft hatte. Ich rieb mir mit der flachen Hand über die Brust, während ich durch die Strassen schlenderte, jeden kleinen Windstoss wie einen Kuss aufschlürfte und ein altes Lied pfiff, das unser alter Lehrer immer gepfiffen hatte, wenn er mit uns bastelte. An der Ecke zur Kornstrasse, neben einem Bäckereigeschäft, vor dessen Tür ein sperriges Schild auf dem Trottoir stand, stiess ich in meiner glücklichen Hast mit einer jungen Frau zusammen. Wir fielen nicht hin, unsere Schultern schlugen nur leicht aufeinander und ich drehte mich in der Umkehrbewegung zu ihr, und für eine halbe Sekunde standen wir uns, bereits rückwärts weiterschreitend, kurz gegenüber. Ich lächelte entschuldigend, aber sie sah durch mich hindurch, der Zusammenstoss schien ihr gar nicht aufgefallen zu sein. Mit dem Daumen wischte sie über ihre Unterlider, während sie den Blick in den Himmel richtete, und fing die Tränen auf, bevor sie in den Eyeliner gerieten, doch neues Wasser sammelte sich und liess ihre schwarzen Pupillen glänzen, die Wimper zitterten in einer fast hörbaren Frequenz. Sie wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer wieder ab und schlurfte in Richtung Brücke.
Ich begriff, dass es auch Weinende gab. Man brauchte nicht fröhlich zu sein, ich musste nicht dankbar lächeln, dass es mir gut ging. Ich konnte meine Arme steif, kalt und kraftlos an mir herunterhängen lassen, anstatt sie durch die Hitze zu schwingen. Ich ging prüfend einige Schritte mit gesenktem Kopf und fühlte mich, nach wenigen Sekunden, unheimlich erleichtert, als wäre ein fettes Kind von meinem Rücken genommen worden.

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.

2000 Blätter

Und da, da liegen noch 2000 unbeschriebene Seiten auf deinem Pult. Neben einer Packung alter M&Ms, die du seit vier Monaten dort liegen hast. Sie zeichnen sich in der Dunkelheit fast gar nicht ab. Nur ihre Konturen sind Ahnungen, schwarze Schatten in schwarzen Schatten. Mehr als den Kopf heben magst du nicht, und du schielst über deinen Körper hinab und siehst die Socken, die du nicht mehr ausgezogen hast, bevor du eingeschlafen bist. Dunkle Schweissflecken zeichnen fremde Landkarten auf deine Füsse. Von draussen dringt ein Glimmen hinein, das sich manchmal aufhellt, wenn die Scheinwerfer eines Autos die Fassade streifen. Du kannst dich nicht bewegen, und du bist zu müde, dich daran zu erinnern, was du dir am Abend vorgenommen hast. Sie erscheinen dir jetzt schon lächerlich, jene Vorsätze, geboren aus einem naiven Überschwang, der die Unausweichlichkeit des Daseins kompensierend begleitet. Nur den Kopf magst du zur Seite drehen und die Uhr erkennen, deren Ziffern einen hellen Schimmer auf die PET-Flasche werfen, die daneben steht. Von dort dringt ein Abklatsch des Schimmers auf die 2000 Blätter, die gestapelt auf dem Pult liegen und darauf warten, gefüllt zu werden. So viele leere Blätter, was für eine Verschwendung! und die M&Ms!, aber von denen nimmst du eins.