Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: Prosa

Das Buch

Der Song heisst After the Thaw.

Der Morgen ist so frisch, dass der Junge, als er am Altersheim vorbeigeht, die Jacke enger zuzieht. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und es ist keine Spur von ihr zu sehen, aber der Junge schaut zu den Hügeln hinüber. Er weiss wo sie auftauchen wird. Auf der Strasse liegt eine umgefallene Mülltonne, er hüpft drüber, er zieht die Finger in der Jackentasche zusammen, bis die Gelenke knacken. Als er in den Zug steigt, setzen sich ihm seine Freunde gegenüber, sie holen ihre Handys hervor, hören auf einem Ohr Musik oder verfallen in eine beängstigende Dämmrigkeit. Ob er von der Prüfung gehört habe, die heute unangekündigt stattfinden solle. Jemand habe davon gesprochen. Der Junge schüttelt den Kopf. Man solle nicht immer alles glauben, sagt er, und seine Freunde erwidern, dass es bis jetzt aber immer gestimmt habe, wenn sich das herumgesprochen habe. Und während er sich darüber austauscht, was sie alle nicht können, und dass sie das Buch nicht gelesen hätten, gleitet der Blick des Jungen, wie versehentlich nach draussen, zu den vorbeiziehenden Lichtern der beleuchteten Küchen und Schlafzimmern, zu den roten Polkapunkten der im Stau stehenden Autos und den von Tau glitzernden Feldern. Eine Wolke scheint sich aus dem grossen Wolkenmeer herauszukämpfen und streckt den Kopf nach unten. Ausnahmsweise habe er sich vorbereitet, gibt der Junge zu. Das Cover hat ihn angesprochen. Mal sehen, ob ihm das etwas bringt, wenn es eine Prüfung gibt. Aber nur schon das — dass er das Buch gelesen habe — überzeuge ihn, dass es heute keine Prüfung gebe, so sei das nun einmal. Die anderen nehmen die Bücher hervor, manche lassen auch die Arme vor der Brust verschränkt und wollen ihn ausfragen, aber nachdem er es in wenigen Sätzen zusammengefasst hat, beharrt er darauf, dass sein Wissen erschöpft sei. Die Wolke schlenkert nun allein in der Luft, sie scheint ihm zuzurufen: Ich habe es geschafft, und so hässlich ich jetzt bin, ich bin etwas anderes. Das ist mein Jenseits, mein Himmel: Der Himmel aus dem Himmel der anderen heraus.

Der Junge schiebt den Freunden das Buch mit seinen Notizen zu, aber sein Blick schiesst an ihnen vorbei und bleibt am Sitzmuster der Stühle hängen. Ein Satz aus dem Buch schwirrt ihm durch den Kopf und das Bild eines kleinen Bauernsohns, das Aufbäumen gegen alles, was sich ihm widersetzt, steigt vor sein Blickfeld. Er spürt auf der Haut noch die Wildheit jener Person, die die Langeweile und die Umständlichkeit altmodischer Sätze nicht so recht dämpfen konnte, die von ihr berichteten. Es ist ihm, als sässe dieser andere Junge Rücken an Rücken zu ihm im nächsten Abteil und er spürt ihn durch die Lehne hindurch. Diese Prüfung wird er nicht bestehen, er ist sich sicher. Aber das Buch vergisst er nicht, er hat es irgendwie gemocht, und etwas daran macht ihm Angst. Denn er wird wegen ihnen, diesen Sätzen, nie mehr seine Freunde anschauen können, ohne durch sie hindurchzusehen. Vielleicht wird er gar nichts mehr wirklich ansehen können. Aber sein Körper fühlt sich besser an. Die Wolke leuchtet plötzlich auf, die Strahlen der Sonne, die noch hinter dem Hügel steckt, berühren sie vor den anderen. Der Junge spürt einen Stich in der Region seines Herzens, aber er verschwindet unverzüglich wieder. Draussen sieht er auf der Strasse keine Sekunde einen einzigen Menschen, aber ein Haufen in der Kälte stehenden Dinge, die aussehen, wie Dinge, die zu lange in der Kälte gestanden haben. Er schüttelt die Jacke aus, bevor er sie anzieht. Der Satz ist noch da.

sonntagabendsong

Neue Kurzgeschichten: Im Narr, im Lasso

Zwei weitere Kurzgeschichten. Diesmal weniger schwer und endlich ein bisschen mehr Pulp: Einmal Science Fiction, einmal Mittelalter!

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Im NaRr #13 findet man «Helden», einen bisher unveröffentlichten Text über die physischen und psychischen Voraussetzungen, ein Held zu sein. Ritter und Riesen spielen sie durch.

Im Lasso-Magazin (mit dem allercoolsten Cover!): «Eine effiziente Stadt», die Überarbeitung einer früheren Kurzgeschichte auf diesem Blog, die von einer perfekten Ökonomie des Alltags träumt.

Kain und Abel

Er näherte sich zögerlich, während er mit der Hand den Rauch vor dem Gesicht vertreiben wollte, als wäre er eine Fliege. Im Profil sah sein Bruder mehrere Jahre jünger aus und er erinnerte sich, dass er ihm gezeigt hatte, wie man aus Stroh eine Pappfigur bastelte und wie man Frauen erschreckte. Kain schritt langsam näher, achtete auf das Krachen der trockenen Zweige unter seinen Sohlen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er versuchte so zu tun, als käme er beiläufig und würde das Feuer des Bruders erst jetzt sehen.
«Hast du ~?» Er räusperte sich. Abel sah auf und lächelte, als er ihn sah. Von vorne schien er erwachsener und kräftiger: ein markantes, kantiges Gesicht in den besten Jahren.
«Hey, hab dich gar nicht gehört, tut mir leid.» Abel bot ihm etwas Wein an und er trank davon, um seine ausgeräucherte Lunge zu besänftigen. «Was gibt´s?», fragte er freundlich.
«Hast du Feuer?»
«Wie bitte?»
«Hast du…» Kain blickte um sich, als hätte es jemand anders gesagt. «Du warst so ein süsses Kind.»
Hatte er das wirklich gesagt? Er wich dem fragenden Blick aus. Das war ihm peinlich, und er hätte ihm gern die Hand geschüttelt, um die Begrüssung noch einmal von vorne zu beginnen. Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, das er ihm in die Hand drücken konnte, damit ihm noch einmal verziehen würde, hatte aber sein letztes unterwegs ausgegeben. Er hatte auch kein Mitbringsel, das den letzten Satz vorübergehend vergessen machen konnte. Kain drückte seinen Rücken durch, um sich die Beschämung nicht anmerken lassen, und ihm fiel ein, wie er sehr zerstreut und absichtslos einen schön glänzenden Stein auf dem Weg gefunden und mitgenommen hatte.
«War ich das?», fragte Abel mit kritisch zusammengekniffenen Augen. «Ein süsses Kind?»
Kain schwieg peinlich berührt, blickte in das Feuer, dessen Qualm sich schwarz aus sich selber entwirrte, wie ein rollendes Fadenknäuel.
«Sag mal, wolltest du nicht etwas von mir?»
Da er nichts anderes hatte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er holte den Stein aus der Hosentasche und prügelte auf Abel ein. Das vor Anstrengung pochende Blut in seinem Kopf verdeckte die Schamröte, während er ihn betrachtete, der jetzt mit schreiendem Mund so viel älter aussah, gar nicht mehr wie jener, mit dem er einst Datteln geklaut hatte — da hielt er inne. Aber die Erinnerung des kleinen Jungen kam wieder zurück, wie sie nach dem Dattelfressen unter den Bäumen gelegen hatte, sich windend unter Bauchschmerzen, und gefurzt hatten, dass man es bis ins Tal hinunter hören konnte, und er umarmte ihn und schlug noch härter zu, bis der Hinterkopf zerplatzte.

Das Alpaka

Als die Füsse zu sehr schmerzten, setzte er sich auf einen Stein und blickte ins Tal. Das Dorf war nicht mehr weit, die Kamine rauchten und er hatte Hunger. Ein Mann mit einem Alpaka kam vorbei und nahm ihn zu sich nach Hause. Er ass gut und schlief im Stall auf einer dicken Wolldecke neben dem Tier. Wann immer er es ansah, schien es zu kauen, auch als er die Augen nur einen winzigen Spalt öffnete, um zu sehen, ob es nur so tat. Am nächsten Morgen fühlte er sich wunderbar leicht, denn er spürte seine schweren Glieder nicht mehr, als hätte man ihn davon befreit. Das Alpaka war dicker geworden.

Die Treppe

Sie stieg die Treppe hoch. Bei jedem Schritt zitterte ihr die Fusssohle und sie versuchte mit dem ganzen Bewusstsein des Körpers, ohne hinunterzuschauen, ihre Stellung und Lage abzuschätzen und sie vorsichtig, mit innerer Fernsteuerung, auf die nächste Stufe zu setzen. Tausende von Menschen, spürte sie, sahen ihr zu. Sie war die Einzige, auf die ihre Augen gerichtet waren, doch sie hütete sich davor umzudrehen, während sie mit möglichst bestimmten Bewegungen und ohne im Tempo nachzulassen weiter hinaufstieg. Irgendwann erreichte sie die letzte Stufe. Ein brausendes Klatschen brandete gegen die lange Steintreppe, einige Menschen jubelten ihr zu, sie lächelte stolz. Sie hatte die Treppe bestiegen, warf Kusshände. Sie hätte auch umfallen können.

Der Bach

Und plötzlich ging es mir gut. Es war ein sonniger Tag und ich wanderte mit schwingenden Armen durch das Dorf. Ein Bach rauschte unter der Brücke hindurch, unter der sich in einer Senkung das Wasser verwirbelte und gluckste wie ein fettes, ertrinkendes Kind, aber es hörte sich gut an. Ich sah lange hinab, kleine Entchen folgten ihrer Mutter in die Windungen eines kleinen Schilfwäldchens, weil mein Lachen sie erschreckte. Ich hatte eben in einer E-Mail erfahren, dass mein Bruder ein Haus in Korsika gekauft hatte. Ich rieb mir mit der flachen Hand über die Brust, während ich durch die Strassen schlenderte, jeden kleinen Windstoss wie einen Kuss aufschlürfte und ein altes Lied pfiff, das unser alter Lehrer immer gepfiffen hatte, wenn er mit uns bastelte. An der Ecke zur Kornstrasse, neben einem Bäckereigeschäft, vor dessen Tür ein sperriges Schild auf dem Trottoir stand, stiess ich in meiner glücklichen Hast mit einer jungen Frau zusammen. Wir fielen nicht hin, unsere Schultern schlugen nur leicht aufeinander und ich drehte mich in der Umkehrbewegung zu ihr, und für eine halbe Sekunde standen wir uns, bereits rückwärts weiterschreitend, kurz gegenüber. Ich lächelte entschuldigend, aber sie sah durch mich hindurch, der Zusammenstoss schien ihr gar nicht aufgefallen zu sein. Mit dem Daumen wischte sie über ihre Unterlider, während sie den Blick in den Himmel richtete, und fing die Tränen auf, bevor sie in den Eyeliner gerieten, doch neues Wasser sammelte sich und liess ihre schwarzen Pupillen glänzen, die Wimper zitterten in einer fast hörbaren Frequenz. Sie wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer wieder ab und schlurfte in Richtung Brücke.
Ich begriff, dass es auch Weinende gab. Man brauchte nicht fröhlich zu sein, ich musste nicht dankbar lächeln, dass es mir gut ging. Ich konnte meine Arme steif, kalt und kraftlos an mir herunterhängen lassen, anstatt sie durch die Hitze zu schwingen. Ich ging prüfend einige Schritte mit gesenktem Kopf und fühlte mich, nach wenigen Sekunden, unheimlich erleichtert, als wäre ein fettes Kind von meinem Rücken genommen worden.

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.

2000 Blätter

Und da, da liegen noch 2000 unbeschriebene Seiten auf deinem Pult. Neben einer Packung alter M&Ms, die du seit vier Monaten dort liegen hast. Sie zeichnen sich in der Dunkelheit fast gar nicht ab. Nur ihre Konturen sind Ahnungen, schwarze Schatten in schwarzen Schatten. Mehr als den Kopf heben magst du nicht, und du schielst über deinen Körper hinab und siehst die Socken, die du nicht mehr ausgezogen hast, bevor du eingeschlafen bist. Dunkle Schweissflecken zeichnen fremde Landkarten auf deine Füsse. Von draussen dringt ein Glimmen hinein, das sich manchmal aufhellt, wenn die Scheinwerfer eines Autos die Fassade streifen. Du kannst dich nicht bewegen, und du bist zu müde, dich daran zu erinnern, was du dir am Abend vorgenommen hast. Sie erscheinen dir jetzt schon lächerlich, jene Vorsätze, geboren aus einem naiven Überschwang, der die Unausweichlichkeit des Daseins kompensierend begleitet. Nur den Kopf magst du zur Seite drehen und die Uhr erkennen, deren Ziffern einen hellen Schimmer auf die PET-Flasche werfen, die daneben steht. Von dort dringt ein Abklatsch des Schimmers auf die 2000 Blätter, die gestapelt auf dem Pult liegen und darauf warten, gefüllt zu werden. So viele leere Blätter, was für eine Verschwendung! und die M&Ms!, aber von denen nimmst du eins.