Die Flucht

von Cedric Weidmann

Unter der Maske trägt er eine zweite Maske. Er hat längst vergessen, wie die untere aussieht, an die obere hat er sich, wie ein Schaumstoffkissen an ein Geschwür, gewöhnt. Das Kissen besteht aus Memoryschaum, er hat es in der Ikea gekauft, weil es ihm unangenehm war, das billigste zu nehmen. Es erinnert sich an den Tumor, mit dem es beschlafen wird.
Jetzt, die Waffe in der Rechten, der blutige Schal um die Hüften, kommt der Anruf. Die Stimme des Chefs: Die Maske muss ab, und raus aus dem Gebäude. Im Eimer lächelt er sich noch einmal zu, sein Gesicht fühlt sich befreit an, noch spürt es die Erinnerung der gespannten Wangen und der gewölbten Stirn, aber weil es jetzt kühle Luft ist, die er dort spürt, ist das eine Erinnerung. Dabei ist sein Gesicht noch nicht ganz befreit.
Er möchte nur über die Strasse, ins gegenüberliegende Hotel, um in einer Spiegelwand sein neues Aussehen zu überprüfen, aber dazwischen stellt sich ihm eine Frau in den Weg und möchte ein Foto von ihm. Wenig später trägt ihn eine Menschenmenge aus der Strasse, sie jubeln und loben ihn. Der Anruf des Chefs nimmt er, auf Händen durch die Strasse geschoben, entgegen: Er hätte nicht gleich beide Masken abziehen dürfen. Das wars dann. Keine Aufträge mehr und viel Spass auf der Flucht. Er fasst sich ins Gesicht, aber es fühlt sich nicht echt an, soviel Erinnerung liegt darauf, es vergisst nicht. Der Tumor pocht. Er fragt sich, wenn einer den Mülleimer öffnet, wer ihm dann von da unten schlabbernd entgegenlächelt und wer darunter als zweite Maske ins Lächeln rückwärtig hineinlächelt, dem Hineinschauenden nicht sichtbar und eigentlich unheimlich.

(Handy#1)