Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Kategorie: Irgendwas

Die Nüsse

Er hatte die Nüsse immer in der Tasche und brachte sie zu allen Gelegenheiten mit. Er ass die Nüsse überall. Er hat die Nüsse hörbar mit den Zähnen geknackt, sie geliebt. Und aus den Nüssen eine ganze Stadt gebaut.

Du weisst, warum man Trump gewählt hat? Ich nicht.

Wie im berühmten Eintrag nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs hätte in Kafkas Tagebuch kürzlich wohl Folgendes stehen können:

Trump ist US-Präsident – Nachmittag Schwimmschule

Viele Tage Empörung und Schock, wie sich in langen Analysen zeigt. Schon erstaunlich wie schnell alle glauben, sie hätten jetzt die Theorie gefunden.
Meine Enttäuschung zieht sich durch alle Reihen, durch Facebookfreunde, Zeitungen (wie die NZZ, die nur noch aus «Analysen» besteht) und Intellektuelle wie Naomi Klein, Taleb, Gumbricht: Sie alle wissen es jetzt plötzlich. Und sie posten es natürlich im Internet. Ich weiss nicht, ob das allein nicht schon die Bemühungen neutralisiert, zumindest ist es ironisch: das im Internet zu publizieren.
«Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.» (Marx) — «Es kommt wieder darauf an, die Welt zu interpretieren statt sie zu verändern.» (Zizek) — «Wir verändern die Welt ein bisschen (Sprechakt und so) und denken ein bisschen. In Internetessays, Longreads, Analysen und Whatnot.» (Das Internet)
Dass ich diesen Text schreibe, macht mich nicht besser, sondern verweist mich auf die bescheidene, ihm eingeschriebene Rolle in diesem kannibalistischen Diskurs. Aber ich fürchte mich nicht vor dem infiniten Regress.

Trumps-Wahl ist ein kaltes Aufwachen, aber auch ein nützlicher Schreck. Und nicht im Sinn von: «Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir sind nicht mehr zynisch, wir müssen uns mehr um diese oder jene Menschen kümmern.» — Das wäre die (halbpatzige) neoliberale Haltung, die Clinton mit ihrer aufrechten Verliererrede verkörpert, und die vorerst nicht weiterführt: Der Neoliberalismus will, dass man über ihn hinausdenkt. Über ihn selbst.
Dieser nützliche Schreck ist anderer Art und ganz egoistisch: Denn seit gestern sehen wir einem goldenen Zeitalter entgegen.
Uns, ich meine alle Studenten, Millenials, echte Liberale (das ist das, was ich als Linke bezeichne), aber ich meine ganz besonders uns Literatur- und Geisteswissenschaftler: Uns steht das beste Zeitalter bevor.

    1. In keiner anderen Woche in der Weltgeschichte haben so viele Menschen auf der Welt so viel Text gelesen wie in der Woche nach Trumps Wahl. Und vielleicht wurde an keinem anderen Tag so viel geschrieben (es ist ja nicht nur Trump und 2016, sondern auch NaNoWriMo.) Medien haben eine grössere Reichweite als je zuvor. Rhetorik hat ein grösseres Gewicht, als wir Literaturwissenschaftler geahnt hätten.
    2. Sollte an der Rede vom «Post-Faktischen» etwas dran sein, und ich glaube, dass zumindest etwas dran ist, dann können plötzlich Post-Strukturalistinnen an die Stelle der Experten rücken (an eine Stelle, in der sie sich natürlich wieder zersetzen, weil es in dieser Hinsicht keine Experten geben kann): Sie kennen epistemologische Operationen, die Wissen in einem Umfeld ohne Fakten fabrizieren oder ordnen können, sie sind die Handwerker, sie werden angewendet. Poststrukturalismus kennt die Meta-Epistemologie, die für die Wahrnehmung der heutigen Wahrnehmungen wichtig ist und die alle so verwirrt.
    3. Schauen wir es uns an: Die Siegerrede von Trump ist einzige Literatur, im Hintergrund taumelt ein kleiner Junge übermüdet und vom Wahnsinn gezeichnet, während Trump am Podium Satz für Satz (She congratulated us, it´s about us) in seiner unverkennbaren, rhetorisch hervorragenden Intention hervorstöhnt und weisse Männer, die man irgendwo im Publikum suchen muss (Where is Mike? Where is he? Great man. Really great man. Where is Mike? Mike, come here), sich schwitzend umarmen. Ich meine das gar nicht so zynisch, wie man denkt. Ich will auch nicht alles übersteigern. Aber so nah an Literatur (und damit meine ich nicht die Fiktion, die Lüge, sondern die weitaus komplexere Verschränkung von Fiktion und Wirklichkeit, die Literatur ausmacht und die uns diese epistemologischen Operationen aufzwingen), so nah an Literatur war die Welt schon lange nicht mehr.

  1. Ausserdem haben wir in der Schweiz vielleicht zum ersten Mal die Möglichkeit, das gewichtige Erbe des Intellektuellen von uns zu stossen. Diese grässlichen, rauchenden Altherren Frisch, Dürrenmatt, von Matt und wie diese schrumpligen Kettenraucher alle heissen, sind von uns gegangen. Bärfuss und Stamm melden sich eigentlich auch nur, um sich frühzeitig abzumelden. Wir können Intellektualismus wieder zu dem machen, was er eigentlich ist: great.
    Wir können auch ohne diesen Anteil Körperfett eine entspannte Linke voller Überlegenheit (zurück)gewinnen, die nicht in empörendes Japsen verfällt, wenn sie etwas hört, das ihr nicht passt. Die neuen Intellektuellen können sympathisch und sie können Frauen sein und sie müssen nicht rauchen. Vielleicht sind sie deshalb gar nicht mehr «intellektuell», vielleicht auch bald nicht mehr links. (Zurecht hat S. Fanzun darauf hingewiesen, dass es keine rechten Intellektuellen in der Schweiz gibt, zumindest weniger, als es für einen komplexen Diskurs gesund wäre.)
    Was sind das denn für Menschen?, fragt ihr. Es sind Menschen, die sich wohl fühlen damit, sich nicht wohl zu fühlen, die in der Welt überall Brüchigkeiten erleben, die vor allem verwirrt und über Selbstverständlichkeiten verdutzt sind, obwohl nichts von alldem ihnen die Freude verdirbt. Sie lächeln eben verdutzt.

Ich weiss nicht, warum Trump gewonnen hat. Es ist nicht einfach so passiert, gleichzeitig hat es sich auch nicht schon abgezeichnet. Es liegt nicht einfach an Hillary und es liegt nicht einfach an Trump. Es ist kein Denkzettel an die einen (was ist ein Denkzettel?), keine Warnung, Mahnung oder Bestrafung und kein Ventil (was ist ein Ventil?), keine Rache, kein Zeichen der anderen. Natürlich ist es das schon, aber das ist es nicht.
Man kann erahnen, dass auch die nächste Erklärung, die wir lesen werden, nicht die richtige sein wird, und iterativ: dass wir nie eine lesen werden oder sie in der Skepsis, die wir unterdessen pflegen werden, nicht als solche erkennen. Aber wir müssen sie lesen.
Es wäre zu einfach, Trump als widersprüchliches Phänomen zu begreifen oder als eine Pille, die man jetzt einfach schlucken müsse, um das Adrenalin in die Politik zu schütten, oder sogar zu denken: «ja, erst Abwarten, was passiert, Nachdenken bringt vorerst nichts» oder zu sagen: «So schlimm war das auch nicht», oder «Wir haben´s eigentlich schon gewusst», denn das ist eben auch nicht wahr und vorgestrig.

Die beste Zeit ist angebrochen, jene, in der wir alle zu Postrukturalisten werden müssen und in der wir uns im besten, verworrenen, hinterhältigsten, überschäumendsten und herausforderndsten Text befinden, den wir je gesehen haben.

Wie wenn am Ausverkaufe…

Wie wenn am Ausverkaufe, den Sale zu sehn,
die Mutter geht, des Morgens, wenn
seit früher Stund die hohen Preise fielen
Die ganze Zeit und fern schon leuchten die Schilder,
in die Parkhäuser wieder fährt der Mann
und frisch der Reifen quietscht
und von der Decke erfreuenden Boxen
Rabatte schallen und glänzend
in stillem Lichte stehn die Schnäppchen des Tages:

So stehn sie unter günstiger Witterung,
Sie die kein Laden allein, die wunderbar
Allgegenwärtig erzieht in leichtem Umfangen
Der mächtige, der göttlichschöne Konsum.
Drum wenn zu schlafen er scheint zu Zeiten des Jahrs
Am Himmel oder unter den Pflanzen oder den Völkern
So trauert der Käufer Angesicht auch,
Sie scheinen allein zu sein, doch ahnen sie immer.
Denn ahnend ruhet sie selbst auch.

Jetzt aber Sale! Ich harrt und sah es kommen,
Und was ich sah, das Billige sei mein Kauf.
Denn er, er selbst, der älter denn die Zeiten
Und über die Götter des Abends und Orients ist,
Der Sale ist jetzt mit Reklameschild erwacht,
Und hoch vom Äther bis zum Abgrund nieder
Nach festem Gesetze, wie einst, aus heiligem Chaos gezeugt,
Fühlt neu die Begeisterung sich,
Die Allerschaffende, wieder.

Edgy oder das grösste anzunehmende Potenzial des Internets

Edgy White-Liberal hat alles verändert.

Ich stiess dazu, als er noch 700 Fans hatte. Das konnte irgendjemand sein, bis 1000 Likes ist man noch nicht wichtig. Deshalb sah mir die Seite an und versuchte zu verstehen, was das für ein Typ war. Edgy ist ein weisser, gepflegt, aber nicht zu modisch angezogener Mittdreissiger, glatt rasiert, aber mit lässiger Jeans. Er ist kein Hipster und er ist kein Yuppie. Er ist kein Neoliberaler, nur konsequent liberal. Er repräsentiert die «Creative Class», aber nur insofern sie innovativ ist, er steht für Nachhaltigkeit und eine offene Gesellschaft. Er verachtet Krieg und Homophobie, verurteilt die Haltung der rechten Politik und eigentlich findet er die Welt nicht so schlimm wie sie ist, weil sie besser wird. Im Grunde meine Meinung.
Er spricht mit Hashtags von seinen Konzepten, er benutzt Wörter wie «leverage» oder «innovate», «synergize», «diversity». In seinen Statements setzt er sich für die #underwealthed society ein (den Begriff der poverty lehnt er ab). Einige seiner Kernideen sind unter seinen Fans sprichwörtlich: #donth8innov8, #designthinking, #jargonmuch (wenn er linke Angriffe auf seine Position pariert), #straightbutnotnarrow (für LGBT-Rechte), #racetogether (gegen Rassendiskriminierung) und mein Liebling: #failingforward (#iterative).

Wenn es um Feminismus in der Entrepreneurship geht, ist er an vorderster Front.

thisiswhatafeministlookslike

Die Frage zu beantworten, ob das alles ein Witz ist, ist auf Anhieb gar nicht so leicht. Eine halbe Stunde lang klickte ich mich durch seine Statusnachrichten, um herauszufinden, ob Edgy eine Kunstfigur war oder das, was er sagte, ernst meinte. Oft stand es so auf der Kippe, dass nur der Name «Edgy White-Liberal» den Ausschlag gab, es ironisch zu lesen.

Das Grossartige an diesem Konzept ist die Sprache, die die Position untergräbt. Seine Meinung deckt sich meist mit meiner. Er kommentierte die Wahlen im UK kritisch und sprach davon, wie die politische Rechte die Möglichkeiten zur Innovation untergraben wird. Er ist gegen Abschottung, gegen Klimaerwärmung. Darin ist er nicht zu belächeln. Es ist jedoch die Sprache, mit der er diese Haltung verfechtet, voller Jargon und ideologischen Konzepten (selbst wenn sie «fortschrittlich» scheinen). Edgy ist aus meiner Sicht praktisch nicht angreifbar, er denkt wie ich und viele meiner Freunde denken — aber er führt uns vor. Mit Wörtern, die ausserhalb eines neoliberal durchtränkten 21. Jahrhundert-Weltbilds (eben eines edgy Weltbilds), gar keine Funktion haben, wie z. B. «leveraging» durchbricht er diese Aussagen. Leveraging ist nicht nur ein besonderes Wort, das selten verwendet wird, es ist ein Konzept, das so nicht existiert. Das Wort trägt in sich eine Idee über die Beschaffenheit der Welt, die ideologisch aufgeladen ist.

Einer kommentierte an Edgys Pinnwand. „Every one of my design instructors talks like this. #designthinking“
Edgy:

The question is whether they walk the talk, though, isn’t it, Thomas? Is their innovation rhetoric matched by the presence of flipped classrooms, MOOCs, and Lego-based exams? If not, they’re just empty words used to project a hip and bright progressive identity.

Zwei gute Freunde, die in Rotterdam Management of Innovation studiert haben, sind seit meiner Bekanntmachung mit ihm grosse Fans und geben zu, dass in ihren Kursen teilweise so gesprochen wird. Ich kenne ja selbst solche Menschen und habe so oder ähnlich mit meinem eigenen Mund schon argumentiert. Es gibt Twitteraccounts, die klingen als wären sie Edgy, die es aber völlig ernst meinen. Edgy retweetet sie hämisch.

wordcloudedgy

So subtil war Ironie im Internet noch nie: Und sprachlich so spielerisch und intellektuell so durchgängig.

Es kam so weit, dass Edgy den besten Kommentar zum Nahost-Konflikt abgegeben hat, den ich kenne. Er beginnt einen Satz, als wäre er palästinenserkritisch, stülpt ihn aber dann, wie unfreiwillig, in eine messerscharfe Kritik an Israel um:

But ultimately, we need to be working toward a borderless world: if we tear down the walls, our problems are solved. The ensuing nomadism would allow innovators to leverage ideal climates for their start-up projects, eliminating extreme underwealthedness within a quarter century by some estimates. The elimination of walls would also allow dialogue and thus end conflict. Take the case of the ancient, primitive, religious conflict in the Middle East, especially that of Israel and the Palestinians. Tear down the security barrier and the problem is solved, as the Palestinians would recognize the naked humanity of their Israeli neighbours and thus realize that there is no need for violence (or, for that matter, for hand-wringing over past grievances like who stole whose land, who exiled whom, who broke what international humanitarian laws, or who robbed whom of basic dignity for decades upon what amount of decades). ‪#‎coexist‬

Kennt ihr das Gefühl, dass ihr wölfisch losheulen möchtet vor Begeisterung?
Ich habe es im Internet schon lange nicht mehr gehabt.

(╯°□°)╯︵ ┻━┻

Prüfungsphase vorbei. So sieht’s aus:

The ‘OK. Fine Flip’ or the ‘I’m about to start some shit’ is a flip of precarious potential. Without question, there is something off about this flip and passively aggressive in its overt lack of fucks given.

The Art of the Table Flip

(via Nerdcore)

Ohne Kinder

Bei der Ausbildung zum Kulturgüterschutz-Spezialisten (ohne Scheiss), wieder einmal den Werbefilm des Zivilschutzes gesehen, den man mir schon 3 mal vorgespielt hat.

„E Aalag ohni Aalagewart isch wie es Auto ohni Redli.“

Vielleicht hinkt bei mir der Vergleich, weil ich Autos nie verstanden habe. Gut möglich wäre aber auch, dass ich die Schönheit und das Wesen einer ganzheitlichen Anlage nicht begriffen habe und darum den Anlagenwart nicht als seine Räder mir denken kann.
Überhaupt, so betont ein Romand, ist die Schweiz ohne Zivilschutz „wie eine Familie ohne Kinder“ (ohne Scheiss).
Mir gefallen Vergleiche, die sich relativieren. Mir gefällt auch Tintenfrass und Schreibsand und mein Instruktor, von dem ich nicht weiss, ob er alles ironisch meint oder ob es einen Funken Ehrlichkeit in ihm gibt, und der zugleich so souverän plaudert und durchtrainiert ist, dass er mir Angst macht. (Das tut er wirklich. Also Angst machen und gefallen.) Mir gefallen die Krebsforscher, High-End-Chemiker, Fotografen, Möbelrestauratoren, Innenarchitekten, Lateinlehrer, Jungpolitiker und Gameprogrammierer in meinem Kurs.
Der Trailer von Monuments Men als Vorgeschmack– mir gefällt die Vorstellung, dass wir wertvolle Güter schützen. Mir gefällt insbesondere, dass sie vielleicht schützenswerter als die Menschen sind. Das ist wenigstens anständig böse gedacht.
Mir gefällt aber noch mehr die Vorstellung, dass ich morgen durch eine winzige Gemeinde schlendere und Dorfbrunnen und Teekannen inventarisiere, mit Žižek im Gepäck, der mir sagt, nur die Taliban wussten die Buddha-Statuen zu schätzen — der Westen hätte sie längst vergessen, bevor sie sie zerstört hatten, and so on and so on. Das muss einem doch gefallen, wenn man mich in der Vorstellung so sieht, morgen, verschwitzt, in der hässlichen Uniform und müde.
Habt eine gute Nacht!