Mango bindet sich eine Krawatte (Rally)

von Cedric Weidmann

Mango stand vor dem Spiegel und knöpfte sich die Krawatte zu. Er sah so gut aus dabei, dass er es fast schade fand, sie jetzt schon anzuziehen. Er hätte irgendwann zwischen den Kameraeinstellungen die Krawatte aus der Hosentasche holen und sie sich dann vor laufender Kamera binden können, mit dem Falsche-Versprechungen-Blick, der ihm dabei wie automatisch über das Gesicht wanderte. Da er ein Ausländer war und als ABC, als American-Born Chinese, für die Zuschauer bereits selbstbewusste Weltläufigkeit verkörperte, wäre er gegenüber den zugeknöpften inländischen Journalisten vermutlich mit Bewunderung bedacht worden. Aber er entschied sich dann doch dagegen. Ein bisschen aus Respekt vor dem Spiel: War das nicht der Moment, in dem die ganze Welt zu ihm sah? So viele Jahre Experte, Sportspezialist, kleine Reportagen, dann hunderte, tausende unterfinanzierte Live-Übertragungen, in denen der Ton ausfiel. Für viele Menschen war es vielleicht das wichtigste Spiel ihres Lebens. Für ihn aber ganz bestimmt. Jeder vernünftige Agent hätte ihm klar gemacht: Weiter würde er nicht kommen.
Aber der noch wichtigere Grund, warum er die Krawatte jetzt sauber richtete, war Françoise. Er würde ihr keinen hämischen Kommentar gönnen, so leicht jedenfalls nicht. Er nahm das Jackett von der Gardebore und warf es sich über die Schulter. Als er die Tür zuzog, begegnete er kurz seinem Blick im Spiegel und sah die amerikanischen Augen in einem von wenigen Kanten wie mit dickem Filzstift konturierten Gesicht. Die schwarzen Augenbrauen zuckten schelmisch, obwohl er es nicht wollte. Schnell drehte er sich weg und schloss zu.
Als er sich umdrehte, sank seine Laune schlagartig. Über den grauen Spannteppich des Stockwerks stolzierte ihm Françoise auf hohen Absätzen entgegen. Sie trug ein enges rotes Kleid, einen dezenten Lippenstift und die Locken ihrer braunen Haare tanzten kräftig um die halb entblössten Schultern, wie er es in den letzten zehn Jahren ihrer gemeinsamen Moderationen nie gesehen hatten. Sie sah einige Jahre jünger aus, als er es im Kopf hatte, aber zugleich erkannte er in diesem frischen, kräftigen Gesicht auch ein Zeichen des Alters, das er an seinem eigenen, wohl aus Nachsicht, nicht bemerkt hatte.
«Was haben sie mit dir gemacht?»
«Spar dir die Mühe. Niemand ist da, um Lachen zu heucheln.» Sie drückte ihm ihr Handy in die Hand, auf dem ein Video lief, und strebte ohne innezuhalten zum Lift. «Sie haben Footage von Bao Xu, wie er durch ein Einkaufszentrum geht.» Mango sah auf den Bildschirm. Eine Weile verstand er nicht, was er sah. Eine kleine Strichfigur bewegte sich durch eine Halle von anderen Strichen. Es war keine besondere Einstellung, ausser dass es der Gang eines sehr sportlichen Menschen war. Und die Haltung des jungen Mannes war perfekt. Das Knie zog keine Sekunde nach, er schien sich sogar ein bisschen regelmässiger durch das Getümmel zu bewegen als die anderen. Xia Song war geheilt?

«War es auf Sendung?»
«Es ist jetzt auf Sendung, als Vorlauf.»
Die Tür des Lifts schloss sich. Er gab ihr das Handy zurück. Für eine Sekunde berührten sich ihre Hände. Sie fühlte sich warm an. Er sah ihren blauen Nagellack neben seinen perfekten, mattdurchsichtigen Fingernägeln und schloss die Augen. Nur beim Parfum hatte sie nichts Extravagantes mehr. Es war immer noch das Gleiche wie zum Anfang ihrer beider Karriere, der unerweckbare, halbtote Geruch eines Waschmittelgemischs.
Er hasste sie und ihren Atem, den er unter dem leisen Rattern des Lifts hörte. Es hätte ja sein können, dass dieser Atem noch beim Zuhören für immer verstummte und sie neben ihm zu Boden sank. Er hasste alles an ihr, schon zehn Jahre, zehn Jahre und etwas mehr, und sie hasste alles an ihm, er konnte sich nicht erinnern, wann es anders gewesen war. Und wie sie sich hassten, die Kommentatorin und der Kommentator, dieses eingespielte Team des Badminton. Sie hassten sich fast mehr, als sie ertragen konnten, und weil keiner das Schweigen des anderen aushielt, spielte Françoise das Video noch einmal ab, mit höherer Lautstärke. Als die Lifttür sich öffnete, stoben sie nach draussen, als wäre der Behälter unter grossem Druck gestanden, und überquerten miteinander die Strasse zum Stadion.