Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Kategorie: Betrachtungen

H.G. Wells vs. Stalin, und was John Maynard Keynes dazu sagt für einen Schilling

Eines der Vorhaben von WRAG! war ja, offener darüber zu schreiben, was los ist. Und es ist einiges los. Da wäre der Aufenthalt in Israel, der Abschluss der 5. Ausgabe von delirium, eine Fertigstellung von zwei Schreibprojekten und das Ende des A4 gewinnt-Wettbewerbs von Jung im All. Zu allem werde ich zu gegebener Zeit Weiteres erzählen – im Moment bin ich fast vollständig damit beschäftigt eine alte, lange aufgeschobene Arbeit zur Ökonomie in der Science Fiction-Literatur abzuschliessen.

Ich bin im Moment an einem Kapitel zu H.G. Wells‘ The First Men in the Moon. Und gerade habe ich das Interview von Wells, einem klassisch britischen Gentleman mit Schnauzer und Anstand, Verfechter wissenschaftlicher Prinzipien und einflussreichster Autor der frühen Science Fiction-Bücher, und Stalin (na ja, dem Stalin) gelesen.

Das war 1934 und ist in dieser ziemlich grossartig illustrierten Broschüre abgedruckt worden („Shaw-Wells-Keynes on Stalin-Wells-Talk. One Shilling“). Das Gespräch selbst ist wunderbar intellektuell, so richtig bemüht intellektuell, aber es bringt doch ziemlich nachvollziehbar und argumentativ die Verschiedenheit zweier sozialistischer Positionen zur Geltung. Davon abgesehen, dass die beiden ein wenig aneinander vorbeireden, ist es sehr leicht zu lesen. Sie begegnen sich mit Geduld und fast ulkigen Höflichkeitsfloskeln. Das heisst nicht, dass für einige witzige Uneinigkeiten, die niemals aufgelöst werden, kein Platz wäre:

[Stalin:] But you have imperceptibly passed from a question of revolution to questions of reform. This is not the same thing. Don’t you think the Chartist movement played a great role in the reforms in England in the nineteenth century?

[Wells:] The Chartists did little and disappeared without leaving a trace.

[Stalin:] I do not agree with you.

Zentral ist für meine Arbeit natürlich die ökonomische Position von Wells („There is no need to disorganise the old system because it is disorganising itself enough as it is“ … „But under modern conditions, when the system is collapsing anyhow, stress should be laid on efficiency, on competence, on productiveness, and not on insurrection“), die so und anders auch im Roman auftritt.

Aber richtig Spass machen eigentlich erst die Antworten der drei anderen linken Intellektuellen auf das Interview, die in jener 1-Schilling-Broschüre ebenfalls abgedruckt sind. Bernard Shaw, Literaturnobelpreisträger, der deutsche Exilant und Pazifist Ernst Toller und der Wirtschaftsklassiker John Maynard Keynes äussern sich in einer hitzigen Diskussion.

Shaw hebt Stalins fundiertes Theoriegebilde und die Fähigkeit zum Zuhören hervor und zersäbelt dabei Wells:

But nothing can shake Wells’s British conviction that Stalin, being a foreigner, and having never attended a meeting of the Institute of International Affairs in St. James’s Square nor read The Round Table, has no grasp of the possibilities of Clissoldism and has had his mind destroyed by a malicious degenerate named Marx.

„Clissoldism“ fügt der Kritik noch eine Hinterhältigkeit hinzu: William Clissold heisst die Figur in H.G. Wells längstem, autobiographisch angehauchten Buch. „‚Clissoldism‘ had become in public parlance a term of ridicule, a word for the pretentious meddling of any busybody who sets out to reshape the world according to a blueprint of his own making“ (The Spinster and the Prophet)

David Lows Karikatur von Keynes

J. M. Keynes hingegen verschont Shaw nicht mit seiner harten Kritik:

Wells is a searcher, an inquirer. But Shaw is such a dogmatist by now that it makes but little difference to his enthusiasm whether it is Stalin or Mussolini. He would have a good word for the Pope (as we see in St. Joan), if it were not that His Holiness is so mild and broadminded.

Sehr unterhaltsame Lektüre. Und ein gutes Vorbild dafür, wie intellektuelle schriftliche Debatten vielleicht wieder klug und unterhaltsam sein können

Loopings

Wenn ich in meinen Facebookstream schaue — und ich muss feststellen, dass es das ist, womit ich mich am meisten in meinem Leben auseinandersetze — sehe ich bedrückende Neuigkeiten. Vor allem die Flüchtlinge sind es im Moment, gegen die im Internet gewettert wird, denen der Tod und die Vertreibung gewünscht wird. Nicht nur im Internet, unzählige Straftaten werden schon gegen sie begangen. Offenbar ist es aber auch salonfähig geworden, rassistische und hetzerische Kommentare online und unter eigenem Namen zu posten. Es schien so unwahrscheinlich, dass man lange die Augen davor verschlossen hatte, aber es fallen Sprüche einer unmenschlichen Verachtung und Aggressivität, als wäre es selbstverständlich, so zu reden.
Natürlich sehe ich diese Kommentare selbst nicht. Ich lese nur darüber, lese wie Zeitungen über sie berichten oder meine Freunde vor ihnen warnen. Ich lese von Til Schweiger, der sich gegen diese Idioten zu wehren versucht. In meinem Facebookstream sehe ich das Video der Tagesschau-Sprecherin, die sich gegen das Problem ausspricht, ich lese von einem Busfahrer, der auch anders konnte als diese Hetzer und Asylanten in seinem Bus mit der Ansprache «Welcome!» begrüsst hatte. Den Mund aufmachen müsse man. Man müsse sich dagegenstellen.
Und zum ersten Mal mag ich gar nicht zustimmen. Ich versuche den Grund zu erahnen. Abgestumpft werde ich doch nicht sein — egal ist es mir nicht. Irgendetwas, so merke ich jedoch, ist faul. Nicht, dass etwas an den Fakten nicht stimmte, aber vielleicht an der Emotion, die sie verursachen. Etwas an der Empörung, der ich mich gern hingegeben hätte, ist faul. Gegen wen eigentlich den Mund aufmachen, wenn alle um einen rum schon gegen Rassimus und Fremdenfeindlichkeit sind? Gegen wen soll man sich eigentlich wehren? Das Problem ist nicht, dass wir den Rassisten nicht übers Maul gefahren sind, sondern dass wir mit ihnen gar nichts mehr zu tun haben. Dafür sorgen wir und die automatisierte Abkapselung von Facebook und anderen Diensten, die mit personalisierten Neuigkeiten nur das verstärken, was wir selbst schon versuchen: Eine Individualisierung, eine Abnabelung von dem, was uns schadet, uns hindert und bremst. Die Ökonomie dessen führt selbstverständlich dazu, dass ich mit Rassisten nichts zu tun habe, und vielleicht am Ende dazu, dass der Graben zwischen mir und ihnen so gross geworden ist.
Ich habe erst diese Woche, gemerkt, wie sehr mir alles, was ich sehe, bekannt vorkommt. Es erstaunt mich selten mehr etwas, was ich lese, und so viel ich auch versuche, Zizek- und Philosophie-Seiten zu besuchen, ich schaffe es nicht, mich vor den Kopf zu stossen. Ich habe früher zwar oft von «Shitstorms» reden hören und den Begriff als Modewort nie so recht ernst genommen, aber nun scheine ich zum ersten Mal ein Gefühl dafür zu haben, was es heisst, in einem solchen «Shitstorm» zu sein. Es fühlt sich ruhig an, wie im Auge eines Sturms, man suhlt sich fast in der Empörung, die einem serviert wird, und man befindet sich immer, ohne sich entziehen zu können, in einem. #landesverrat oder Flüchtlingshetze. Diese Stürme sind tatsächlich Wirbelstürme, sie drehen sich um sich selbst und befeuern sich immer weiter. Dieser wirklich fundierte Beitrag einer meiner Lieblingsblogger spricht über Wutkommentare und Hate Speech im Internet und seine These ist, dass nicht etwa mehr wütende Menschen im Internet zu einer Stimme kommen oder dass ihnen die Anonymität die Möglichkeit gibt, sich unverblümter auszulassen, sondern dass die Menschen tatsächlich wütender werden durch das Internet, dass sogar die Intensität der Emotion einem Netzwerkeffekt unterliegt.
Und ja, vielleicht ist es das, was Pfaller in anderem Zusammenhang eingeführt hat: Eine Illusion der anderen. Auch im negativen Sinn: Irgendjemand hasst Flüchtlinge, der Andere hasst sie, der faschistische Geist ist da, aber nicht in mir und in dir ist er auch nicht, und eigentlich in keinem, wenn man ihn fragt. Es scheint eine diffuse Instanz zu geben, an die man glaubt, die einem aber auch bequem Anlass dazu gibt, sich hochzuschaukeln. Doch die Rassisten posten völlig abseitige Kommentare nicht einfach um ihre Befindlichkeit zur Schau zu stellen. Es ist nicht nur eine Artikulation ihres Innern, ihr Inneres wird durch solche Artikulationen produziert. Rassisten sind eher mit Rassisten befreundet und werden, in schleichender Weise, immer weiter in jene Richtung abdriften, in die sie sich schon natürlicherweise, wie ein auf sickerndem Grund gebauter Kirchturm, neigen. Rassisten lernen Rassisten kennen und Gutmenschen lernen Gutmenschen kennen und je weniger sie miteinander zu tun haben, desto ‹rassistischer› oder ‹besser› können sie sein.
Mit den Informationen ist es nicht anders. Viele Blogger haben gerade in diesem Sommer ein Befremden über das Internet geäussert. Clickbait, die Suche nach schnellen Klicks, hat es stärker verändert, als am Anfang vermutet. Es gab einen bedeutenden paradigm shift: Inhalte werden relevanter, je älter sie sind, weil sie erst über eine gewisse Etablierung relevant werden. Dem können sich auch die Blogs, die früher neue Impulse gegeben und die Schnelligkeit gesucht haben, nicht entziehen. Der Diskurs ist viel mächtiger als früher: Wichtig ist, wo der Shitstorm weht, deshalb kann von Shitstorm gar keine Rede mehr sein. Das, wogegen er klatscht, wird wichtig, nur durch sein Gegenklatschen.
Unsere Informationen sind geloopt. Deshalb wissen wir auch, was uns morgen im Facebookstream erwartet — und wir werden trotzdem hineinschauen. Das ist kein Widerspruch. In den Spiegel schauen wir auch, obwohl wir wissen, was uns erwartet.
Nun ist mein ganzes Leben geloopt. Wir befinden uns in den Loopings dessen, was wir waren. Davon abgesehen, dass wir so vielleicht Fremdenhass produzieren, habe ich eigentlich keine Lust mehr darauf.

24

Es soll Menschen geben, die an ihrem Geburtstag gestorben sind, geschieden wurden, einen lebensgefährlichen Infekt an ihrer Party entdeckt haben und sich dann die Hand amputieren lassen mussten. Andere Menschen soll es geben, die ihre Geburtstage einfach geniessen. Obwohl das eine das andere ja nicht zwingend ausschliesst. Es gibt auch Menschen, die ihre Geburtstage vergessen. Es sind dies fast immer Figuren aus Büchern, wie Nick Carraway oder Harry Potter. Wenn man an seinem Geburtstag früh aufsteht, wird man mit einem Sonnenaufgang belohnt, sofern das Wetter nicht schlecht ist. Wenn man früh schlafen geht, hat man sich die Unwichtigkeit eines einzelnen Tages und den eigenen entspannten Umgang mit dem Alter bewiesen. Manche lesen an ihrem Geburtstag ein Buch, vielleicht weil sie es geschenkt bekommen haben und es aus Höflichkeit anfangen. Es gibt viel Streit an Geburtstagen und Tränen fliessen überdurchschnittlich viel. Aber eigentlich sind Geburtstage etwas Schönes. Das darf man nicht vergessen, und wenn man darüber oder über etwas Misslungenes an diesem Tag weint, hat man über etwas Schönes geweint. Vielleicht auch nur deshalb, weil man nicht damit einverstanden ist, dass die Gesellschaft gerade dieses für schön halten will oder weil das Schöne in der Erwartung, die es mit sich bringt, immer alles vernichtet, was auf Gefühle, Wohlwollen und abgemessene Feinfühligkeit angewiesen ist. Das Schöne ist, wie Geburtstage, ziemlich stur und ohne viel Humor.
Man kann an einem Geburtstag oft Geschenke auspacken, wofür man, wenn man denn kann, sehr dankbar sein sollte, und um der Verlegenheit anderer Menschen aus dem Weg zu gehen, packt man sie lieber zu Hause aus, aber nur weil einem an diesem Tag alles irgendwie selbst in Verlegenheit bringt. Man wacht schon geziert auf und drückt die rot angelaufenen Wangen ein wenig ins Kissen, bevor man aus Scham, es noch schlimmer zu machen, doch endlich aufsteht. Geburtstage sind überaus peinlich und weil man den Umgang mit peinlichen Situationen, peinlichen Menschen und peinlichen Bemerkungen, die jemandem herausgerutscht sind, besser geübt ist als den Umgang mit peinlichen Tagen, ist die Fahrigkeit, mit der wir uns rasieren und mit der wir bereits durch den Korridor schielen, als wäre er an diesem Tag ein anderer, besonders ausgeprägt und selbst schon wieder irgendwie peinlich.
Es soll auch Menschen geben, denen Geburtstage nicht peinlich sind, zum Beispiel, weil bei ihnen doch alles perfekt läuft, sie von morgens bis abends ein Lächeln auf dem Gesicht haben, in Überraschungsparties stolpern, an denen sie mit alten Freunden endlich wieder Witze machen können, den besten Kuchen aller Zeiten essen und abends in den Armen ihrer Liebsten einschlafen. Aber diesen Menschen ist überhaupt nichts peinlich. Und die meisten würden zumindest irgendwann dazwischen, wenn sie gerade auf der Toilette sitzen, wegen des ganzen Kitsches und darüber, wie sehr alles gelungen ist, das Gesicht verzerren, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Dagegen lässt sich nichts machen.
Wenn man zum Beispiel 24 wird, dann ist das schon ziemlich peinlich, man möchte gerne wegsehen, 23 ist jetzt auch nicht viel besser, 38 erst recht nicht, aber irgendwie wäre es einem doch im Moment lieber, ausgerechnet der 24. scheint sich gerade so wichtig zu nehmen und aufzudrängen. Aber, bewahre!, man werde darauf nicht angesprochen. Das wäre so, als hätte man sich im Chemieunterricht eine Augenbraue versehentlich blau gefärbt und alle täten, als würde es ihnen nicht auffallen. Manche Menschen schämen sich so sehr vor dem Schämen, dass sie lieber an ihrem Geburtstag sterben würden, als aufzuwachen. Aber die trifft es meistens einen Tag oder zwei später, und das ist auch ganz richtig so, denn wenn sie in der Arztpraxis stünden und jemand ihre Identitätskarte verlangte; wenn die Angehörigen den Totenschein und später den Grabstein ausstellen müssten; wenn sie die Krankenkassenkarte für den Infekt an ihrer Hand zücken müssten; würde wieder eine Stimme, vielleicht die der Frau an der Rezeption oder die des Assistenzarztes, das Geburtsdatum vorlesen oder zumindest murmeln und sie wüssten dann nicht einmal wohin schauen, weil alle Umstehenden schon zu den unverfänglichen Stellen des Zimmer schauen aus lauter Beschämung. Da würde man den Geburtstag doch lieber vergessen, aber man ist ja nicht aus einem Buch. Niemand ist aus einem Buch. Ausserdem sind Geburtstage in Büchern schon sehr traurig. Da sind mir meine doch etwas lieber.

Die Zukunft des Zitats // Kontaminierte Texte

Schöne neue Literatur! Sie wird noch besser. Ich habe vor einiger Zeit über die Plagiatsmethode der Medizinhistoriker mit einigem Wohlwollen geschrieben. Auch von den Urheberrecht-Wasserzeichen, die die Originaltexte verändern. Die automatisierten Headliner-Haikus, nicht-lesenden Professoren, die sich selbst in Patente umwandelnden Textprogramme kommen dazu. Und neuerdings gibt es noch etwas Weiteres, auf das ich mit Vorfreude blicken kann: Die Zukunft des Zitats.
Vorgeschichte ist ein Streit im Literaturclub, der mich nicht interessiert: Stefan Zweifel wurde als Moderator abgesetzt und hat den Literaturclub verlassen — unter anderem, weil er das SRF vergeblich darum bat, dass Elke Heidenreich sich für ihr Heidegger-Zitat entschuldigen müsse. Das hingegen ist interessant.
Hier der kurze Mitschnitt über Heidegger, mit dem fraglichen Zitat:

Es war Heidenreichs gutes Recht, das Buch auf den Tisch zu knallen! Schliesslich sind noch nicht alle für das Zitieren der Zukunft offen, ich hätte dasselbe getan. Man muss die Menschen empfänglich machen. Heute erschien zum Glück im Tages-Anzeiger eine Klarstellung von Elke Heidenreich, wo sie erklärt, wie sie das Zitat gemeint hätte:

Dann sagte ich: «Einen Satz wie ‹Die verborgene Deutschheit› (das wörtliche Zitat las ich vorsichtshalber ab, Band 96, S. 29) ‹müsse man entbergen›» (dieses Wort stammt aus einem Artikel in der SZ vom 25. März 2014 von Thomas Meyer zu Heidegger, enthalten im Dossier, das uns die Redaktion für die Sendung zur Verfügung stellte; ich fand das Wort «entbergen» so originell, dass ich es hier verwendete) – dann sah ich hoch und sagte, ohne weiter zu zitieren, mit meinen Worten, was ich als Fazit aus Heideggers Worten herausgelesen hatte, nämlich: «Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland – ?»

Natürlich ist es schade, dass sie die ersten drei Wörter noch aus dem Original abgelesen hat, aber man muss das verzeihen, denn in Kürze steigert sie ihr Verfahren merklich: «entbergen» benutzte sie, weil sie es so originell fand. Das ist nicht nur legitim, sondern richtig so. Spannende, lustige Wörter gehören in ein Zitat. Umso besser ist, dass das ‹originelle› «entbergen» in jedem zweiten Text Heideggers vorkommt, die Originalität ist nicht fadenscheinig, sie liegt auf einer Meta-Ebene: Es als originell zu bezeichnen, darin liegt Heidenreichs starker Ausdruck der Originalität.

Vieles der Wirkung dieser neuen Zitierweise ist jedoch auch Heidenreichs Rhetorik geschuldet. Sie hätte ja das Wort («entbergen») ein bisschen versetzt aussprechen können, aber sie schaffte es, es nahtlos einzufügen. Hinzu kommt, dass man ihre Bewunderung für das Wort nicht gerade anmerkt, sie faucht es fast und setzt damit die Originalität auf eine subtilere Ebene.
Diese Stärke zeigt sie schon in der Einleitung, in einer leichten Abwandlung der captatio benevolentiae: «Also ein Satz wie — ich kann ihn ja kaum lesen, also auch Klügere als ich verstehen ihn nicht, ich schäme mich dessen nicht, dass ich vieles nicht verstehe.»
Damit hat uns Heidenreich gezeigt, wie wir der neuen Welt zu begegnen haben: Zitate müssen schön sei, sie müssen klingen — sie müssen originell sein, indem sie ausserordentlich unoriginell sind. Zitate müssen nicht aus Büchern stammen, man soll sie nicht verstehen, nicht lesen, Zitate soll man bringen und aufsagen, und mit eigenen Sätzen, mit kaum hörbaren Fragezeichen ergänzen, alles wird so nur virtuoser, Zitate sollen nicht länger als drei Worte am Stück sein, Fazite sollen aus einem Zitat und einem schönen Wort gezogen und lückenlos ans Ende des Satzes angefügt werden, aber das Wichtigste: Man muss diese Art zu zitieren gegen jede Stumpfheit verteidigen, komme, was wolle. Auch in der Öffentlichkeit, in Stellungnahmen. Zitate sind die Pflastersteine unserer Zukunftswege.


 

Ich möchte dennoch ein Bedenken aufwerfen, das sich auf den zweiten Teil von Heidenreichs Rechtfertigung bezieht. Erneut versucht sie, Heidegger nationalsozialistisch zu färben. Sie macht das mit nichtssagenden Zitaten, die im Diskurs der Zeit — auch dem jüdischen — keine Auffälligkeiten bilden. Ich will Heidegger nicht verteidigen, er ist nicht zu verteidigen, vor allem ist mir das aber einfach zu blöd.

Hier ist etwas offensichtlich und öffentlich bedroht: das Lesen. Hier wird falsch gelesen und der Öffentlichkeit aufgeschwatzt. Für das Lesen noch viel fataler aber ist die Vorstellung von kontaminierten Texten. Heidenreich sieht Drohendes in Heideggers Text und fragt, «inwieweit man die Philosophie all derer, die von ihm beeinflusst wurden, auch mal neu überdenken muss mit diesem Hintergrund.» Die Vorstellung, Texte seien krank, ist für sich genommen schon gefährlich: Bereits der Glaube, es müsse einen Index für Bücher geben, halte ich für eine Zumutung. Gefährlich ist es hingegen, wenn eine Gesellschaft nicht weiss, wie man liest und wie man über das Lesen spricht. Es gibt keine kranken Texte.
Der Glaube an Unterschwelliges, an das Eigentlich-so-gemeint-Sein ist die Hauptgefahr für das Lesen. Das erinnert an die Argumentation aus Saladins Prozess, wo Bücher zwar nicht «per se» als Pornografie bezeichnet werden, aber es eigentlich doch sind. In diesem oder jenem Kontext. In der Fülle… Texte sind zwar keine Personen, man kann sie interpretieren, sie wollen nichts Böses. Aber eigentlich — im Innersten — in Wahrheit doch. So lautet die Vorstellung dieser Leute.
Das ist eine echte Bedrohung für das Lesen. Denn Texte haben kein Eigentliches. Keine eigentliche Absicht. Keine eigentlichen Ideen. Und dass sie andere Texte in ihrer Verseuchtheit anstecken können, gar Nachfolgetexte von innen zersetzen (denen man es bis jetzt nicht angemerkt hat, dass sie eigentlich böse sind — (moment, was?) —, die latent krank sind, deren Krankheit noch nicht ausgebrochen, vielleicht rezessiv, aber lauernd, zeitbombentödlich ist).  Gegen dieses Bild muss man sich früh genug wehren. Auch deshalb:

Lesen statt Hetzen

 

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns

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Vom Lesen des Prozesses zum Leseprozess — Weshalb «Aktion S.» von Daniel Saladin ein wunderbares Buch ist

Dreieinhalb Jahre dauerte der Strafprozess, in den Daniel Saladin — vom Blick «Grüsellehrer» genannt — verstrickt wurde. Der Vorwurf: Er habe mit seinen Schülern und Schülerinnen am Literaturgymnasium Rämibühl pornografische Texte behandelt: «Frühlings Erwachen», «Warum das Kind in der Polenta kocht», «Dunkler Frühling», die «Selbstmordschwestern». In «Aktion S.» beschreibt er, wie der absurde Fall zustande kam, wie er ausging und zeigt etwas viel Wichtigeres: Er hat nicht Pech gehabt, es hat ihn nicht zufällig getroffen — die Justiz und unsere Gesellschaft haben ein enormes, strukturelles Problem.

Ich empfehle keine Bücher. Zumindest nicht der Öffentlichkeit. Dies hier ist die erste Ausnahme, die ich mache. Es gibt dafür vier Gründe.

Erstens, dieses Buch hat mich gefesselt. Ich habe es in 3 Tagen durchgelesen, weil es klar strukturiert und leicht geschrieben ist. Und weil es von so erschreckenden, erschütternden Dingen berichtet, dass es mich bis spät in die Nacht wach hielt.

Zweitens ist der erste Google-Treffer für das Buch zurzeit eine NZZ-Rezension von Brigitte Hürlimann. Diese Rezension ist dermassen schlecht, dass einem der Mund noch einmal aufklappt: Hat die Autorin das Buch wirklich gelesen? Und wenn sie es gelesen hat, wie kann sie noch solche Dinge behaupten? Sie stellt Saladin als unreflektierten Verbitterten dar, was grundfalsch ist: Verbittert mag er sein, aber bestimmt nicht unreflektiert. Viel schlimmer noch ist die Abschätzigkeit, mit der Hürlimann ihn zum Patienten macht und ihn als einzelnes Opfer einer «nicht immer gelungenen» Justiz darstellt. Sie nimmt hin, dass die Mühle der Justiz nicht immer flüssig läuft? Okay. Nur ist dieses Bild völlig falsch, wie man nach der Lektüre weiss. Es war nicht ein Schönheitsfehler der Justiz, der die Tragik von Saladins Schicksal ausmacht. Es sind das Auftreten und die Sprache der Justiz selbst, die ungeheuerlich werden: In diesem Verfahren gab es keine Fehler (schliesslich gab es für die Staatsanwaltschaft keine rechtlichen Konsequenzen). Alles lief, wie Justiz eben läuft. Und das hat Frau Hürlimann nicht verstanden. Ein gewisser Bernhard Heinser schreibt:

«Die Lektüre von Frau Hürlimanns Rezension hat mich dazu angeregt, das Buch von Herrn Saladin zu lesen. Entsetzt stelle ich nach der Lektüre fest, dass Frau Hürlimann dem Buch in keiner Weise gerecht wird.»

Und gerecht ist in dieser Sache ohnehin nichts. Wie etwa dieser Blick-Artikel, der nichts als bösartig ist. (Bemerkenswert, dass ausserhalb der Mainstream-Medien der Ton etwas anders ist. Wie z. B. hier.)

Drittens hat das Buch eine politische Dimension. Eine, die sich nicht um links und rechts oder um Parteien kümmert. Mich etwa warnt das Buch vor einer Präventionsjustiz, die bevorsteht. Sie droht aus so unterschiedlichen Ecken wie Neurologie und Big Data-Speicherung im Internet auf uns zuzukommen (immerhin wurde Saladin wegen gelöschten Bildern, die man aus dem Temp-Ordner rekonstruiert hat, verurteilt…). Es zeigt aber auch, dass wir, als Gesellschaft und jeder für sich, uns den Konzepten von Pädophilie, Sexualität und Kunst stellen müssen. Gerade die Pornografie als Strafbestand enttarnt Saladin unter Rückgriff auf die Gesetzestexte als widersprüchlich und zirkulär. Diese Stellen gehören mit zu den spannendsten. Nicht zuletzt wurden im Moment, als dieses Verfahren eröffnet wurde, wichtige kulturelle Werte preisgegeben: Wedekind, der Autor von Frühlings Erwachen, war in Zürich im politischen Exil, Warum das Kind in der Polenta kocht gehört zu den wichtigsten Schweizer Romanen des letzten Jahrhunderts. Und auf einen Schlag steht das «Wohl des Kindes über den wissenschaftlichen und kulturellen schutzwürdigen» Werten, wie die Staatsanwältin sagt? Diese Frage sollte nicht jene Frau, sondern die Gesellschaft zu beantworten versuchen. Und wir Germanisten müssten eine Antwort haben, weil zu viel auf dem Spiel steht: «Eine Geschichte, in der Jugendliche, die nicht richtig aufgeklärt sind und ständig über das Thema Sex fantasieren. Die Hauptperson, die ca. 14jährige Wendla, wurde schwanger. Mehrere Masturbationsszenen» (und nein, ich habe nicht falsch zitiert) — so «ermittelt», umschreibt und liest die Justiz Literatur. Das liegt, aus tausenden Gründen, einfach nicht drin. Das heisst aber auch, man muss begreiflich machen, was Literatur-Lesen bedeutet.

Viertens gibt es einen letzten Grund, den wichtigsten, ohne den ich diese Empfehlung bestimmt nicht schreiben würde. Dieses Buch schafft etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Hier schreibt einer, der aus haarsträubend konstruierten Vorwürfen aus Zürich vertrieben, von seinem Job ausgeschlossen, von der Justiz zermürbt wurde, die Dinge aus seiner Sicht. Solche Bücher gibt es immer mal wieder, und es muss sie geben. — Aber hier schreibt einer, der schreiben kann. Der die Auswirkungen genau und das Verfahren präzise wiedergibt, der in die Justiz eindringt: Protokolle, Hausdurchsuchungsbefehl, Urteilstexte druckt er im Original ab und analysiert sie. Er zeigt mit einer schmerzhaften Akribie, wo diese Texte Fehler übernehmen oder Sachverhalte konstruieren, gegen die sich einer, der nicht in dieser Sprache schreibt und nicht zum Kreis der Justiz gehört, nicht wehren kann — dass sein Name und der der Literaturwerke in allen Anklageschriften über Jahre hinweg falsch geschrieben steht, ist da noch der kleinste Mangel. Saladin betreibt Textanalyse, er zergliedert und deckt auf. Manchmal wäre das vielleicht gar nicht nötig, denn die Zitate sind so entsetzlich, dass sie für sich sprechen. Und nur schon diese Originalzitate aus dem Prozess lohnen die Lektüre — ganz egal, ob man Saladins Stil zu giftig findet oder nicht. Man braucht sich nur vor Augen zu führen, wie der Strafbestand auf dem Hausdurchungsbefehl hiess: «Pornografie etc.» — Diese Art von Unklarheit und Perfidie wird Seite für Seite getoppt durch noch Schlimmeres, das die Juristensprache und das Juristendenken zustandebringen. Verstehend, dass Sprache die Welt mitkonstruiert, beginnt Saladin, unakademisch und dezent, mit Subtexten (Novalis, den Songtexten von Archive) diese Sprache der Justiztexte zu unterlaufen. Vielleicht ist das eher ein hilfloser Versuch.

Wer das Buch durchblättert und es nicht liest, könnte meinen, es sei tatsächlich ein «Pamphlet», in dem ein Verbitterter seine Widersacher anschwärzen will: Man stolpert dann, wie Frau Hürlimann, über Wörter wie Jagd, Hetze, Überfall. Wer das Buch aber wirklich liest, sieht, dass er all diese Worte in einem ganz spezifischen Sinn benutzt, den er immer definiert. Er wettert ja nicht einmal gegen die Personen, nicht gegen die Mutter, die die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Er führt diese Begriffe lediglich als Erklärung dafür an, was mit ihm geschieht. Und es scheint mir verständlich, dass man nach solchen Erklärungen sucht. Er kämpft sich nicht vom Stigma los. Statt sich um jeden Preis vom Vorwurf der Pädophilie zu reinigen, hält er den Finger in die Wunde und zeigt, wo das wahre Problem liegt. Das braucht Mut. Und das macht dieses Buch zu viel mehr als nur Erlebnisbericht, aktualitätsbezogene Reportage oder Pamphlet. Aus einem Lesen des Prozesses entsteht so ein Buch über den Prozess des Lesens. Es unterwandert, vielleicht darf man sagen: dekonstruiert ihn. Wenn es nur einen besseren Titel hätte («Aktion S. — Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf»), hätte es Zeug und Recht dazu, weit über diese Zeit hinaus gelesen zu werden. Hoffentlich klappt es trotzdem.

Ja: Auch ich hatte meine Bedenken. Ich war nicht immer auf Saladins Seite. Auch ich habe in der Zeitung Widersprüchliches gelesen. Ich war erbost über die Verhaftung wegen Literaturunterricht. Doch mit der Zeit verwirrten sich die Medienberichte und meine Überzeugung kam ins Wanken. Einmal sprach man von Kinderpornografie, dann von Texten mit «Gewalt bis zum Tod» und vom Freispruch, gegen den Berufung eingelegt wurde, dann von Teilschuldspruch. (Saladin zeigt, wieviel an diesen Sachen dran ist: gar nichts; aber lest selbst.) Ich begriff, dass da etwas nicht stimmte, etwas musste ja stimmen, es gab ja ein Verfahren, aber ich glaubte fest daran, dass die Tageszeitungen unklar berichteten, kaum recherchierten und nicht zum Kern der Tatsachen durchdrangen und konnte mir kein Urteil, kein positives und kein negatives, anmassen.
Dieses Buch hat mich eines gelehrt: Ich lag falsch. Die Medien haben nicht verzerrt und nichts vernebelt — das hat schon die Justiz gemacht. Die Medien haben es nur abgebildet. Auch wenn man in diesem Fall zum Kern der Tatsachen durchgedrungen wäre, hätte man doch nie etwas in der Hand gehabt. Wie die Staatsanwaltschaft nichts gegen Saladin in der Hand gehabt hatte — und ihn trotzdem finanziell und sozial ruinieren konnte.

Hilft dieses Buch? Saladin wird es nicht helfen. Die Staatsanwältin, die zentrale Widersacherin, wird es nicht stören. Doch es hat wenigstens mir die Augen für einiges geöffnet. Und vielleicht auch meine Haltung geändert. Dank diesem Buch werde ich nicht mehr ängstlich zurückkrebsen, wenn ein ungerechtfertigt Angeklagter irgendwo, in einem Teilpunkt, verurteilt wird oder in einem zerfledderten Verfahren schmort. Ich werde nicht mehr denken, die Justiz müsse Opfer auf sich nehmen, um zu funktionieren. Ich werde nie mehr glauben, dass die Schweizer Justiz schon genug richtig mache, nur weil wir in der Schweiz, 2014, leben. Stattdessen werde ich dieses Buch zur Hand nehmen und mich fragen wieso wir so feige sind, wie wir Wedekind schützen können und was genau wir eigentlich für ein Problem mit Sexualität und Pädophilie haben. Und ich wünschte mir, jeder würde sich diese Frage stellen  oder zumindest das Buch wirklich lesen.

Unordnung

Das Zimmer hat schon wieder Unordnung, es ist wieder unordentlich. Und dein Leben ist unordentlich. Dein Zimmer ist unordentlich und dein Alltag ist es auch und es hat Unordnung in deinem Kopf. Unordentlich ist eigentlich alles, und auch das Zimmer macht aus dem Leben wieder eine Unordnung und die Unordnung breitet sich aus. Eigentlich wärst du auch gern wieder ordentlich, aber du bist unordentlich, und dein Zimmer ist unordentlich und deine Tasche ist unordentlich und deine Freundschaften sind unordentlich und dein Bürotisch ist eigentlich unordentlich, wenngleich nur auf den zweiten Blick. Und Unordnung herrscht auch dort, wo eigentlich keine herrscht, weil alles andere unordentlich ist und das Ordentliche in Unordnung bringt.