Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Kategorie: Betrachtungen

Warum ich für die 1:12-Initiative bin

Vor zwei Monaten habe ich auf diesem Blog schlechte Argumente gegen die 1:12-Initiative aufgelistet und kritisiert, in der Hoffnung, dass im Laufe der Debatte bessere auftauchen würden. Das Resultat ist konsternierend: Während die alten Melodien gepfiffen werden (1:12 sei eine Neid-Debatte, 1:12 sei eine Beschneidung der marktwirtschaftlichen Freiheiten usw.), sind alle ökonomischen Argumente weit abgetrieben. Die immer gleichen Punkte werden wiederholt, die ich bereits im damaligen Artikel demontiert habe, aber da die Initiative näher rückt und ich merke, dass — obwohl gute Gegenargumente ausbleiben — eine immer stärkere Ablehnung gegen die 1:12-Initiative aufkommt, möchte ich noch einmal zeigen, weshalb 1:12 volkswirtschaftlich sinnvoll ist.

1:12 ist eine Lohnspanne und weder Höchst- noch Mindestlohn. Das heisst auch, dass das klassische Problem von Nachfragemangel und Angebotsüberschuss nicht vorhanden ist: Jede Firma ist selber befähigt umzuverteilen. Das ist viel liberaler als etwa eine grössere Steuerprogression, die Herr Fehr (in einem schrecklich seichten Interview) zu fordern scheint; das Geld geht nicht an den Staat, sondern bleibt im Unternehmen, dem es gehört — dieses bleibt also viel freier als bei Steuererhöhungen — von wegen ‚Lohndiktat‘. Daraus gehen viele politische Implikationen hervor, die einem Wohlfahrtsstaat überlegen sind. In einer Arbeit, die ich an der Uni Zürich vor einem Jahr verfasst habe, setze ich mich damit auseinander, wie das 1:12-Modell die von John Rawls geforderte neue Ökonomie — eine Property-Owning Democracy — einlösen könnte. 1:12 ist kein herkömmlicher, sondern ein besonders wirkungsvoller Mechanismus, der viel weniger staatliche Eingriffe erfordert als Steuern oder andere Regulierungen.

1:12 ist gut für die Ökonomie und steigert die Effizienz der Volkswirtschaft. Warum? Die Sparquote bei Geringverdienenden ist kleiner als bei Vielverdienern, also geben sie mehr ihres zusätzlichen Verdienstes für den Konsum aus. Das weiss jeder Erstsemester in Wirtschaft. Sowohl die Einnahmen der Mehrwertsteuer als auch das Volkseinkommen steigen durch den erhöhten Konsum (der Gewerbler Jossen erklärt das in einfachen Worten für sein KMU: »Je mehr Leute sich etwas leisten können, desto mehr Arbeit haben wir«). Der Konsum von Luxus- verschiebt sich zu Gebrauchsgütern, der Arbeitsmarkt wird flexibler und das Bildungsniveau steigt. All das bringt der Volkswirtschaft nachhaltige Gewinne und ist ein viel besseres Gegenmittel für kommende Krisen als der Status Quo, in dem Vielverdienende ihr Einkommen auf riskante Finanzinstrumente verlagern.
Obwohl das schon ein ausreichender Zugewinn wäre, wird das Volkseinkommen nicht nur durch den erhöhten Konsum angekurbelt. Geringverdienende können mit akkumuliertem Kapital schlicht mehr anfangen. Geld, das bei ihnen akkumuliert wird, kann viel eher für Innovationen, neue Projekte und Start-Ups aufgewendet werden, als wenn es in die Taschen der Vielverdiener fliesst. Vielverdiener sind nicht so investitionsfreudig, wie man glauben will; das Kapital gerät in ihre Hände und häuft sich dort an — ein Mangel, der unsere Volkswirtschaft behindert und der Grund, weshalb ich heute für die 1:12-Initiative gestimmt habe. Diese Initiative lockert Kapital auf und führt zu einer nachhaltigen Stärkung der Schweizer Wirtschaft.

Wenn man diese Argumente betrachtet, merkt man wie hinfällig die Diskussion um Steuerausgaben wird. Wie sich in den Studien (HSG und ETH) gezeigt hat, sind die Einflüsse auf das Steuersystem bescheiden: Ergebnisse, die vor schrecklichen Verlusten warnen, haben entweder ausgeblendet, dass der Kapitalzugewinn der eingesparten Löhne als Unternehmenssteuer verbucht wird oder dass Unternehmen nicht alle abwandern würden, was ohnehin eine haarsträubende Annahme ist. Es wäre allerdings nicht überraschend, wenn dennoch einige Steuerausfälle einträfen: Steuern sind schliesslich da, Ungerechtigkeiten zu begleichen. Wenn es im volkswirtschaftlichen System weniger Ungleichheit gibt, sind also auch weniger Steuern nötig. Die Idee, man müsste möglichst viel Steuern machen, damit der Staat viel verdiene, habe ich in meinem früheren Artikel bereits kritisiert. Wollte man die Steuereinnahmen maximieren, müsste man die Ungerechtigkeit in der Schweiz so gross wie nur möglich machen: Einer müsste alles verdienen und alle anderen nichts. Hier dürfte spätestens einleuchten, dass das Steuerargument ziemlich fehlschlägt, gerade weil 1:12 effizienter und liberaler ist als Steuern, wie John Rawls beschreibt.
Dasselbe gilt für die AHV, die Krankenkassenprämien und so weiter.

Die letzten Bruchstücke von Argumenten betreffen meistens die Abwanderung, aber auch das habe ich schon früher kritisiert und kann ich immer noch nicht ernst nehmen. Erstens geht es um einen Exodus der Spezialisten. Zweitens um die Abwanderung der Unternehmen selbst.
Zum ersten Punkt lässt sich festhalten, dass hochqualifizierte Arbeiter nicht viel verdienen: Chirurgen, Piloten oder Wissenschaftler verdienen weniger als 576.000 Franken (diese Grenze gilt für 4.000 Franken Minimallohn im Unternehmen). Von diesen Spezialisten wandert niemand ins Ausland ab, denn auch dort winkt ihnen nicht mehr Geld. Menschen, die mehr verdienen (wollen) sind fast ausschliesslich Manager, Banker, Broker, die zwar Kontakte haben und Verantwortung tragen, nicht aber ihre Bezahlung mit Know-How oder Handwerk rechtfertigen können. Die Idee etwa, dass Roger Federer viel verdient, weil er so gut ist, ist naiv. Wieso verdient er mehr als der beste Badmintonspieler, der einen Sport macht, den viel mehr Menschen betreiben? Löhne richten sich nicht nach Gebrauchswerten, und Lohnkartelle wie unter Managern haben nichts mit dem zu tun, was diese Menschen mit ihrer Leistung eigentlich verdient hätten. (Vgl. meinen Kommentar auf der Webseite von Herrn Stämpfli) Oder wie will man so 400.000 Working Poors erklären? Eine tolle Bemerkung habe ich auf Facebook gelesen: Es sei lustig, dass man beim hohen „Kader“ behaupte, hohe Löhne würden Anreize darstellen, während es auf der anderen Seite der Lohnskala genau umgekehrt sein soll.
Die zweite Idee, dass Unternehmen abwandern können, ist natürlich bedrohlich: Wenn Unternehmen abwandern, würden auch einige Arbeiter abwandern. Trotzdem ist der Gedanke mindestens so naiv. Welche Aktionäre würden zum Beispiel die Auflösung einer Firma verlangen, nur weil eine handvoll Mitarbeiter weniger verdienen müssten? Im Gegenteil werden sich die Inhaber der Firmen freuen, dass sie Geld einsparen, wo es eigentlich nicht nötig ist. Firmen bleiben da, wenn sie nicht von den Standortvorteilen andere Länder überzeugt sind. Und das heisst, diese Länder müssen gegen das Steuergeheimnis, das schweizerische Bildungsniveau, die Infrastruktur, die Rechtssicherheit, die politische Stabilität und den niedrigen Steuerfuss ankommen — klar, dass in dieser Entscheidung die Löhne von vier oder fünf Personen eine geringe Rolle spielen.

Andere Gegenargumente, wie die Behauptung, dass die Initiative nur wenige Unternehmen betreffe, lasse ich hier weg. Wie fast alle genannten habe ich sie schon einmal behandelt.

Ich entscheide mich also für ein Ja zu 1:12, weil ich eine Wirtschaft möchte, in der Geld im Umlauf ist und Innovationen möglich sind.

random (Adv.)

Random ist ein Wort, das nicht alle Schichten und Sprecher erreicht hat, das es noch nicht lange gibt und das es womöglich nicht lange geben wird. Dennoch wurzelt in diesem Anglizismus eine Bereicherung für das Denken, die uns die Sprache manchmal in ungewohnten Formen präsentiert. Vieles kann random sein, aber nicht alles. Von einem wissenschaftlichen Aufsatz in einer Debatte lässt sich etwa sagen: »Es war ja nicht schlecht gemacht. Aber ein wenig random.«
Weit gefehlt, wer darin ein Synonym für zufällig erkennte, random ist nicht zufällig, ist eben nicht zufällig, ist eben gerade nicht: zufällig. Random ist ein abwertender Ausdruck, der in der Deutschschweiz Relevanz hat, weil er eine sprachliche Ergänzung darstellt: Was das Schweizerdeutsche längst als Nomen mit eifach Öpis lexikalisiert hat, findet in random seine adjektivische Entsprechung. Pejorativ ist das Äquivalent von zufällig nie — zu sagen, zufällig sei ein abwertendes Wort mutet rückständig an —, aber das Wort ist kein Äquivalent von zufällig und es ist sogar noch pejorativer als eifach Öpis, weil das, was damit beschrieben wird, nicht dem Zufall unterliegt, sondern etwas anderem: dem überflüssigen Zufall, der Verstreuung ausserhalb der Ordnung, dem Ausserhalb-dessen-Stehenden, wo es herkommt. Dinge, die random sind, sind irrelevant in einem besonderen, kontextualisierten Sinn: Sie sind, in einer Funktion, in einem Kontext, in einem Diskurs überflüssig und fügen sich nicht in die Ordnung des bisherigen Diskurses. Sie sind die leichten Störungen, die den Diskurs begleiten. Dennoch sind sie keine so grossen Sonderbarkeiten: Es gehört zu einem Diskurs, einem Kontext, einer Debatte, dass in ihm etwas auftritt, das random ist. Jeden Tag zum Beispiel begegnen uns Dinge, die random sind, und es ist wiederum ein bestimmtes Gesetz oder eine strukturierte Ordnung, die das verlangen.
Dass dies abwertend gemeint ist, ist nur die erste Spur, die sich bald verliert. Denn im Ausdruck schwingt auch eine Ehrfurcht mit vor dem, was einbricht in die Weltordnung. Es scheint ein revolutionäres Moment in diesem Wort verkappt, ein Widerstand, der die Ordnung in Frage stellt, und deshalb kritisiert werden muss, aber zugleich auch die Möglichkeit einer völligen Alternative bietet und deshalb seinen Respekt bewahrt. Überflüssiger Zufall — das ist kein Begriff, der Sinn ergibt. Auf der einen Seite kann Zufall nicht überflüssig sein: Er stellt sich nicht die Frage: Wie viel Zufall ist genug?, denn es gibt keine Antwort darauf. Zufall ist nichts, das unserer Einschätzung bedarf, nichts, das normativ bewertet werden dürfte. Das Glück, ja, das Pech kann auch überflüssig sein, der Zufall? Nein.
Auf der anderen Seite ist Zufall immer überflüssig und zwar insofern man seine Reduzierbarkeit voraussetzt. Zufall ist nur Unwissen und Unwissen scheint immer überflüssig zu sein: Der Zufall ist der Müll, den der Determinismus nicht säuberlich aufgeräumt hat. Zufall ist nichts, was wünschenswert oder nützlich wäre, daher überflüssig.
In dieser Schwebe zwischen der Unmöglichkeit von überflüssigem Zufall und der Notwendigkeit von überflüssigem Zufall bewegt sich das Wort random. Alles, was random ist, wird dadurch zum Knoten in der Wohlgeordnetheit der Welt, verstärkt die Ordnung, indem sie sie untergräbt, und bietet eine Möglichkeit zur Kritik, die sich nicht auf den Inhalt selbst, sondern auf die Angemessenheit des Inhalts im Bezug auf einen spezifischen Kontext bezieht. Was hier random ist, kann andernorts grossartig sein: Nicht aller Zufall ist zwingend überflüssig, er kann nur — den Umständen entsprechen — überflüssig werden. Passiert eifach Öpis in starker Konzentration: Ein Klavier fällt vom Himmel, ein fliegender Elefant unterhält sich durch ein Schnurtelefon mit singendem Kaviar, dann nenn es random, und die Welt ist wieder richtig.

Das vergebene Gespräch

Man kann so bei einem Gespräch dabeistehen und nicht im Geringsten wissen, wie man hineinspringen soll. Man hat dann irgendwie Anteil, ohne Teil davon zu sein. Irgendwann, während dir die Anderen um die Ohren plaudern, kommt dir etwas in den Sinn, was du hättest einwerfen wollen, aber wenn du es formuliert hättest und es endlich über die Lippen brächtest, sind sie mit dem Gespräch bereits weitergezottelt und über alle Berge. Vielleicht entringt sich deiner Kehle noch ein Geräusch, vielleicht fällt dir bald mal ein, was du eigentlich hattest sagen wollen, aber in dieses Gespräch, mein Junge, findest du heute garantiert nicht mehr. Egal, was passiert. Halt die Füsse fest auf dem Boden. Hauptsache, du bist vorhanden.

Unsichere Philosophen

Vor einiger Zeit habe ich mit Yoshi ein Gespräch darüber geführt, wie Philosophen einen bedrängen.

Denk das

Yoshis Beobachtung

Tatsächlich haben die grössten Philosophen immer noch den einen Fehler, dass sie behaupten — auch wenn das vielleicht nur strategisch ist —, dass ihre Meinung die richtige sei. Dieser Mangel könnte eine weitere Hürde sein, die zu nehmen wäre, um der Wahrheit gerecht zu werden, denn es gehört zu einem guten Argument, dass es nicht immer gilt. Dubito ergo sum, Ich weiss, dass ich nichts weiss, dürften ja eigentlich nicht leere Phrasen gewesen sein und sich nicht nur auf das Ausserhalb des Philosophierens beziehen.
Um dieses Gedankenexperiment durchzuspielen, habe ich an den Texten grosser deutscher Philosophen gefummelt und ihnen (die typisch schweizerische) Unsicherheit angehängt. Erst dachte ich, man müsste da mit einem Makro schnipseln, aber ein einfaches »Suchen & Ersetzen« tut seinen Dienst völlig. Daher in chronologischer Reihenfolge die Philosophen mit dem eingestandenen Zweifel:

Kant: Kritik der reinen Vernunft (Schlüsse aus diesen Begriffen)

a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre, glaube ich irgendwie. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden, glaube ich irgendwie.
[…]

Hegel: Phänomenologie des Geistes (Vorrede)

Eine Erklärung, wie sie einer Schrift in einer Vorrede nach der Gewohnheit vorausgeschickt wird – über den Zweck, den der Verfasser sich in ihr vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das Verhältnis, worin er sie zu andern frühern oder gleichzeitigen Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt – scheint bei einer philosophischen Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der Natur der Sache willen sogar unpassend und zweckwidrig zu sein, glaube ich irgendwie. Denn wie und was von Philosophie in einer Vorrede zu sagen schicklich wäre – etwa eine historische Angabe der Tendenz und des Standpunkts, des allgemeinen Inhalts und der Resultate, eine Verbindung von hin und her sprechenden Behauptungen und Versicherungen über das Wahre –, kann nicht für die Art und Weise gelten, in der die philosophische Wahrheit darzustellen sei, glaube ich irgendwie.
[…]

Marx: Der 18. Brumaire des Louis Napoleon (I)

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen, glaube ich irgendwie. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden, glaube ich irgendwie. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen, glaube ich irgendwie. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren, glaube ich irgendwie.
[…]

Nietzsche: Der Wille zur Macht (Vorrede)

1.
Große Dinge verlangen, daß man von ihnen schweigt oder groß redet: groß, das heißt cynisch und mit Unschuld, glaube ich irgendwie.

2.
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte, glaube ich irgendwie. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus, glaube ich irgendwie. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke, glaube ich irgendwie. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt, glaube ich irgendwie.
[…]

Adorno: Negative Dialektik (Einleitung)

Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward, glaube ich irgendwie. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloss interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt misslang, glaube ich irgendwie. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre, glaube ich irgendwie. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhiess, glaube ich irgendwie. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, lässt nicht theoretisch sich prolongieren, glaube ich irgendwie.
[…]

Fehlerrechnung

Herakleides ist zu früh aufgestanden,
gedankt hats ihm Anaximander,
der wusste, wo man mal einen Punkt macht.
Bei Aristoteles liefs plötzlich rund
bis zu Copernicus` Rotationsschwindel,
Kepler ist in die Breite gegangen
und Newton hat träge gemacht.
Der Einstein rechnete es relativ genau,
speziell allgemein, aber auch mal speziell.
Hubble und Nasa prüften es ausgiebig nach.
Sie haben geknobelt, gegrübelt, gerechnet
doch sie wussten und ahnten noch nichts.
Der Kosmos war nur — ein Fleck auf der Linse.

Riss

Das, was du für ein Lächeln hältst, ist nur ein Riss in den Gesichtern der Menschen. Er beginnt bei den Mundwinkeln, wo die Spannkraft am Geringsten ist. Manchmal lockert sich der Spalt, weil körpereigene Gase — Nebenprodukte des Organismus — entweichen müssen. Es kann aber auch nur der Wind sein, der den oberen Teil des Schädels um einige Zentimeter in die Höhe hebt.

Die Mücke

So eine Mücke ist ja eigentlich ganz dumm. Ihr Gehirn ist kleiner fast nicht mehr denkbar. Ihr Verstand, der muss ja verschwindend gering sein. Aber das sagt man jetzt so ohne weiteres Nachdenken, dass das »verschwindend gering« sei. Wieso »verschwindend gering« und nicht etwa »verschwindend viel«? Als wäre Geringes näher bei Nichts als Vieles, dabei ist der Unterschied zwischen gar keinem Gehirn und einem kleinen Gehirn doch viel grösser als zwischen einem kleinen und einem grossen Gehirn.
Aber irgendetwas bringt die Mücke dazu vor meinem Auge zu schwirren, sich hin- und herzutreiben, auf mein Ohr zu sitzen, über meinen Nasenrücken zu krabbeln: Es wäre genug, wenn sie wüsste, dass ich mit meinem Auge sehen könnte und es deshalb tut. Aber sie scheint auch zu wissen, welche Geräusche, welche Berührungen, an welchen Orten ich Stiche am meisten hasse. So eine Mücke ist ja eigentlich völlig dumm, aber irgendwie, auf ihre Weise, auch ganz klug. Wenigstens irgendwie. Daran hat wohl nur eine verschwindend geringe Anzahl an Menschen gedacht.

Am Ende meines Körpers ist mein Körper am Ende

An meiner Schulter habe ich einen Arm. Am Ende dieses Arms habe ich eine Hand und am Ende meiner Hand habe ich fünf Finger und am Ende dieser Finger habe ich Kuppen und am Ende dieser Kuppen habe ich Papillarleisten, die für meinen Fingerabdruck sorgen. Ich bin nicht enttäuscht, wenn dich das nicht überrascht. Vermutlich hast du das auch. Es sei denn du hast Lepra oder deine Hand bei einem Unfall verloren oder keine fünf Finger oder du leidest unter Adermatoglyphie, weshalb dir ein Fingerabdruck fehlt. Aber da das sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, hast du wahrscheinlich dasselbe wie ich, was an deiner Schulter so hängt.

Ich habe also Papillarleisten und am Ende dieser Papillarleisten habe ich eine dünne Hautoberfläche, die Epidermis, und am Ende der Epidermis bin ich übersät mit Schweissdrüsen und am Ende dieser Schweissdrüsen entweicht ununterbrochen ein wenig kaliumnitrathaltiges Wasser. Am Ende bin ich also Wasser, aber das Wasser ist so gering, dass es sofort verdunstet, wiewohl es noch gar nicht ganz aus mir ausgestossen ist, und deshalb habe ich am Ende meiner Schulter, über meinen Arm und meine Hand und die Finger und die Fingerkuppen, die Papillen und die Epidermis genaugenommen Gas an mir dran. Und da das alles ich bin, bin ich eigentlich ein bisschen Gas, das heisst — niemand kann sagen, dass ich das nicht mehr sei, denn ständig sind die Moleküle der Haut in Bewegungen — wie alle Moleküle in ständiger Bewegung sind. Und die Moleküle, die auf der Kante von mir tanzen, sind manchmal so nah bei mir, dass ich sagen könnte, sie gehörten zu mir, dann wieder sind sie den Luftmolekülen, die ich nicht zu mir zähle, so nah, dass ich sie nicht als mein eigen betrachten will und genaugenommen tragen sie ja nichts von mir, sondern nur die biologische Zusammensetzung aus organischen Verbindungen, die aus ein paar Elementen besteht, nicht etwas, was ich von deinen Molekülen mit Leichtigkeit unterscheiden könnte.

Andere Menschen stählen ihre Muskeln und gehen an die Grenze, um Körper und Geist in Einklang zu bringen — als sei der Geist diszipliniert, klar und einheitlich, und der Körper müsste erst so weit gebracht werden. Bei mir sind Geist und Körper in Einklang, nur sitzt mein Körper gern ein wenig abseits, wenn ich mit dem Geist Gassi gehe. Auf diese Weise geraten sie beide ein wenig ins rechte Diffundieren.